Vom Hasenkiller zum Pferde-Ripper

Ein mit Steinen schwer zugerichteter Zwerghase lässt im Baselbiet böse Erinnerungen wach werden. Baz.ch sprach mit einem Psychiater über das Phänomen der Tierquälerei.

Symbolbild: Der Präsident des Tessiner Tierschutzvereins Armando Besomi zeigt Medienschaffenden im Juni 2005 einen krassen Fall von passiver Tierquälerei: Die ein Monate alte Eselin «Simbolo» wurde in Canobbio bei einem privaten Besitzer, von Würmern angefressen, entdeckt.

Symbolbild: Der Präsident des Tessiner Tierschutzvereins Armando Besomi zeigt Medienschaffenden im Juni 2005 einen krassen Fall von passiver Tierquälerei: Die ein Monate alte Eselin «Simbolo» wurde in Canobbio bei einem privaten Besitzer, von Würmern angefressen, entdeckt. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ein neuer Fall von brutaler Tierquälerei im Baselbiet hat die Nachbarschaft an der Jurastrasse in Aesch geschockt. Wie die Polizei gestern mitteilte, wurde vergangenen Freitag ein Zwerghase in seinem Aussengehege gesteinigt. Das Tier musste nach aussichtsloser tierärztlicher Behandlung eingeschläfert werden.

In der Nordwestschweiz sind schon verschiedentlich brutale und brutalste Gewaltverbrechen an Tieren vorgekommen. In Erinnerung blieb insbesondere eine Serie von 46 Fällen, die sich innerhalb weniger Wochen im Sommer 2005 abspielte. In kurzer Abfolge wurden damals im Aargau und in Baselbiet Kühe und Pferde mit grossen Schnittwunden und Verstümmelungen entdeckt. Es verging kaum eine Woche, in der nicht von abgetrennten Zitzen, Stichwunden oder geköpfte Lämmlein berichtet wurde. Eine Sonderkommission ermittelte und zeitweise standen 200 Polizisten im Einsatz, ohne jedoch einen Täter überführen zu können.

In den Jahren darauf verminderten sich die Anzeigen wegen Verstössen gegen das Tierschutzgesetz wieder. So lagen gemäss der Baselbieter Polizei 2010 18 und im 2011 25 Fälle vor, was keinen besorgniserregenden Werten entspräche. «Es schrillen keine Alarmglocken bei uns», so Polizeisprecher Meinrad Stöcklin. Zumal lange nicht in jedem Fall derart krasse Brutalität im Spiel sei.

Nicht nur Strafen

Was in Menschen vorgeht, die solch brutale Taten vollführen, ist für den stellvertenden Chefarzt der Forensisch-Psychiatrischen Klinik an der UPK Basel schwierig zu beantworten. «Es ist eine Vielzahl von Motiven denkbar», so Stefan Lanquillon. Vielleicht habe jemand der Besitzerin einen bösen Streich spielen wollen. Solchen Taten könnten aber auch Gruppendruck innerhalb einer Jugendbande zu Grunde liegen, oder aber auch schlichte Langeweile des oder der Täter. «Wenn die Polizei den Täter ermitteln kann, ist es ganz wichtig, nicht nur zu bestrafen, sondern die Motive abzuklären», so der Psychiater gegenüber baz.ch.

Im September des letzen Jahres veröffentlichten die Kriminologen Martin Killias von der Universtät Zürich und Sonia Lucia von der Universität Genf eine Studie, mit der sie den Zusammenhang zwischen Tierquälerei und späterer Gewalttaten zu belegen versuchten. An der Studie nahmen in der ganzen Schweiz 3648 Schüler der 7. bis 9. Klasse mittels Online-Fragebogen teil. 17% der Knaben und 8% der Mädchen gaben dabei an, schon ein mal vorsätzlich ein Tier gequält zu haben. Laut dieser Studie sei das Risiko für tierquälende Kinder und Jugendliche 1,5 bis 2 mal höher, sich später an Gewaltverbrechen schuldig zu machen. Denn jugendliche Gewalt-Delinquenten hatten weitaus häufiger angaben, auch schon Tiere gequält zu haben.

Knaben quälen mehr

Für Lanquillon ist dieser Umkehrschluss aber heikel. Wohl stimme es, dass sich überdurchschnittlich viele Gewalttätern nebst an Menschen auch schon an Tieren vergangen haben. Es gäbe eine biologische Veranlagung zu psychopathischen Merkmalen wie Gefühlskälte, Lust daran, Macht auszukosten und fehlende Empathie. Dennoch würden nicht aus allen Gewaltverbrecher, die in jungen Jahren Tiere gequält haben. «Insbesondere bei Jungen gehören gewisse Aktionen zu einer experimentellen Phase und sind unbedenklich», so Lanquellon. Werden Kinder daraufhin zurecht gewiesen und würde ihnen erklärt, dass auch Tiere Schmerzen empfinden, stelle sich bei den Kindern Scham über die Tat und Mitleid zum gequälten Tier ein.

Bedenklich würde es aber, wenn sie trotz Ermahnungen nicht vom Quälen lassen und Freude daran entwickeln – da sollte genauer hingesehen werden. «Jeder trägt zu einem gewissen Grad eine sadistische Ader in sich», sagt Lanquillon. «Es ist ähnlich wie mit Neid. Jeder verspürt sie hin und wieder, doch niemand gibt dies gerne zu.» Entscheidend sei die Kontrolle über Impulse und Gedanken. Dies unterscheide Täter mit psychischen Störungen von «Gesunden» Menschen.

Pferde-Ripper

Wo Lanquillon die These der erwähnten Publikation von Killian und Lucia allerdings teilt, ist bei der beobachtbaren Eskalation: Mit zunehmenden Alter knöpften sich Kinder mit einer sadistischen Störung immer grössere Lebewesen für die Quälerei vor. «Pferde sind klassische Opfer sadistischer Quälerei. Sie zeigen in hohem Mass Angst, Scheu und Schmerz und können sich vergleichsweise schlecht wehren», so Lanquillon. Er habe schon ein Gutachten über einen schwer kranken Patienten erstellt: «Er war ein sogenannter Pferde-Ripper, der das Machtgefühl beim Quälen auskostete.» Solche sadistische Neigungen gehören zu den am schlechtest behandelbaren psychischen Störungen überhaupt. «Aber es wird versucht», sagt Lanquillon vorsichtig.

Der Forensiker erinnerte auch daran, dass es neben der aktiven auch das Phänomen der passiven Tierquälerei gäbe, die zu allermeist nicht zur Anzeige kommt. «Wenn Leute ihre Haustiere verwahrlosen lassen, einsperren oder überfüttern liegt im Prinzip auch Tierquälerei vor», so Lanquillon. (baz.ch/Newsnet)

(Erstellt: 08.08.2012, 15:42 Uhr)

Artikel zum Thema

Tierquäler steinigten Zwerghasen

AESCH Ein schwerer Fall von Tierquälerei hat sich am Freitag in Aesch ereignet: Unbekannte haben Zwerghasen so sehr misshandelt, dass dieser danach eingeschläfert werden musste. Mehr...

«Abfall tötet Tiere»

Baselbieter und Solothurner Bauern kämpfen mit provokativen Plakaten gegen Littering im Grünen – sie fordern ein Dosenpfand. Denn achtloser Umgang mit Abfall kann die Gesundheit der Tiere gefärden. Mehr...

Vom Tierquäler zum Gewalttäter

Jugendliche, die schon einmal Tiere gequält haben, begehen drei Mal häufiger gewalttätige Delikte als tierliebende Knaben und Mädchen. Jedes achte Kind gibt zu, schon einmal ein Tier traktiert zu haben. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von baz.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).

Paid Post

Brillenfrei ab 45

Sie sind aktiv im Leben und möchten auf eine Lesebrille verzichten?

Werbung

Kommentare

Blogs

Sweet Home 10 Ideen für Weihnachtsbäume
Welttheater Unser Heimweh-Ausländer in Peking
Beruf + Berufung «Das Glück nimmt sich, was es will»

Die Welt in Bildern

Hart im Nehmen: Ein Schwimmer im chinesischen Shenyang nutzt eine aufgebrochene Stelle in einem zugefrorenen See, um ein paar Längen zu absolvieren. (9. Dezember 2016)
(Bild: Sheng Li) Mehr...