Basel

Altersheime verweigern Bewohnern Sterbehilfe

Von Nina Jecker. Aktualisiert am 24.02.2015 16 Kommentare

Schwerkranke Sterbewillige müssen teilweise in eine private Wohnung transportiert werden, weil manche Altersheime die Sterbehilfe nicht erlauben.

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Gewisse Altersheime verweigern den Bewohnern die Sterbehilfe. Sollen die Heime Organisationen wie Exit Zutritt gewähren?

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Frau H. ist letztes Jahr verstorben. Auf eigenen Wunsch und mit Unterstützung einer Sterbehilfeorganisation. Die tödlichen Medikamente nahm die damals 93-Jährige in der Wohnung ihres Sohnes ein. Das Alters- und Pflegeheim, in dem die Baslerin lebte, stellte sich gegen den Entscheid der Seniorin. «Wir mussten meine schwerkranke Mutter aus dem Heim in meine Wohnung transportieren lassen, wo ich ihr mein Bett zur Verfügung stellte», sagt der Sohn. «Würdelos» sei das Ganze für die Mutter gewesen, die lieber im eigenen Bett gestorben wäre, kritisiert der Sohn. Welches Basler Heim Frau H. die Sterbehilfe nicht bewilligen wollte, möchte er nicht verraten. «Mein Vater ist noch immer da untergebracht und ich möchte keinen Ärger für ihn.»

Dass seine Erfahrungen kein Einzelfall sind, hat das Freiheitspodium in Basel gezeigt. FDP-Grossrat Luca Urgese ist Mitorganisator und erinnert sich: «Mehrere Anwesende haben sich über ähnliche Probleme beschwert.» Es komme immer wieder vor, dass Spitäler sowie Alters- und Pflegeheime Patienten oder Bewohnern den Beizug von Sterbehilfeorganisationen verwehrten oder faktisch verunmöglichten.

Vorstoss eingereicht

Felix Bader, Leiter Langzeitpflege Basel-Stadt, bestätigt: «Jedes Heim kann selber entscheiden, ob es Sterbehilfe zulassen möchte oder nicht.» Als einzige Vorgabe gilt, dass aus den Unterlagen klar hervorgehen muss, ob der assistierte Suizid in der Einrichtung erlaubt ist oder nicht. Genaue Zahlen, wie viele Heime sich dafür beziehungsweise dagegen entschieden haben, fehlen. «Ich schätze aber, dass es in mindestens der Hälfte der Institutionen möglich ist», sagt Bader. Andere Einrichtungen hätten Vorbehalte und lehnten Sterbehilfe ab, beispielsweise solche mit einem christlichen Hintergrund. Laut dem Verband gemeinnütziger Basler Alterspflegeheime könne auch der Schutz der anderen Bewohner sowie des Personals ein Grund dafür sein.

Urgese möchte die Praxis ändern und hat im Grossen Rat eine entsprechende Motion eingereicht. «Ein rein privat finanziertes Heim kann natürlich frei entscheiden. Solche mit staatlicher Unterstützung hingegen müssten den Zugang zu assistiertem Suizid ermöglichen», findet er. Urgese begründet dies damit, dass ein Heimplatz aufgrund von Wartelisten nicht in jedem Fall frei gewählt werden kann. «Ausserdem kann das Thema beim Eintritt in ein Heim noch nicht aktuell sein. Einige Jahre später verschlechtert sich die Situation eines Bewohners aber und er beginnt erst zu diesem Zeitpunkt, über Sterbehilfe nachzudenken.» Verwehrt dann das Heim den assistierten Suizid, steht der Betroffene vor Problemen. Nicht alle können wie Frau H. auf die Wohnung eines Angehörigen ausweichen. Und eine eigene Wohnung ist bei Heimbewohnern in der Regel nicht mehr vorhanden.

Es bleibt die Möglichkeit eines Heimwechsels. Grundsätzlich könnte in einer derartigen Situation ein solcher beantragt werden, wie Felix Bader bestätigt. «Es müsste eine Institution gefunden werden, die einen solchen Kurzaufenthalt nur zum Sterben ermöglicht.» Bislang seien keine Beschwerden wegen verweigerter Sterbehilfe zu ihm gelangt. Auch beim VAP sind keine Reklamationen bekannt.

Ausweg Sterbezimmer

Die Organisation Exit stellt Mitgliedern, denen die Heime den Freitod nicht erlauben, ein Sterbezimmer zur Verfügung. Wie häufig jemand darauf ausweichen muss, darüber führe man keine Statistik, sagt Heidi Vogt, Leiterin Freitodbegleitung bei Exit. Für die meisten Betroffenen sei es jedoch eine Belastung, sie würden lieber in der vertrauten Umgebung sterben als im anonymen Zimmer. «Dazu kommt, dass je nach gesundheitlichem Zustand der Transport aufwendig und auch schmerzhaft sein kann. Wir würden es deshalb begrüssen, wenn sämtliche Alters- und Pflegeheime, bei denen Parlament und Regierung mitbestimmen können, den Bewohnern Sterbebegleitung ermöglichen würden», sagt Vogt.

Ob Luca Urgese mit seiner Motion Erfolg hat, wird sich zeigen. Unterschrieben wurde sie von Politikern von der SVP bis zu den Grünen. Der Sohn von Frau H. fände es wichtig: «Die Zerrissenheit meiner Mutter, die nicht im Heim sterben durfte, das wünsche ich niemandem.» (Basler Zeitung)

Erstellt: 24.02.2015, 07:18 Uhr

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16 Kommentare

Peter Frei

24.02.2015, 07:40 Uhr
Melden 161 Empfehlung 25

Unglaublich, dass sich öffentliche Spitäler,Heime erlauben zu bestimmen, ob Gäste/Patienten selbstbestimmt sterben dürfen oder nicht! Beschämend diese Götter in Weiss + Heimdiktatoren, die alte Menschen bevormunden, Ihnen die Würde nehmen. Aber das Leben totgeweihter Menschen an Schläuchen, mit Medis in Intensivstationen wochenlang widernatürlich zu verlängern, keine Skrupel, das bringt ja Geld Antworten


Hans Wassmer

24.02.2015, 07:46 Uhr
Melden 150 Empfehlung 18

Hier handelt es sich um eine Frage des Geldes. Nur ein Schwerkranker bringt dem Altersheim und den Spital zusätzlichen Umsatz, kann doch jede Handreichung extra verrechnet werden. Ein Toter hingegen bringt nur noch dem Bestatter Einnahmen. Antworten



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