Basel
Ausnahmezustand im Wettstein-Schulhaus
Von Nadja Widmer. Aktualisiert am 16.02.2010 14 Kommentare
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Die junge Frau am Clarahofweg erschrickt für einen Moment: Als sie die Fensterläden ihrer Parterrewohnung öffnet, schaut sie direkt auf ein gutes Dutzend Polizeihelme. Auf der gegenüberliegenden Strassenseite haben sich Vertreter der Presse positioniert. Ein Glück, dass es sich bei dem Einsatz vor ihrem Fenster nur um eine Übung handelt. Seit einem Jahr trainieren Kantonspolizei und Rettung, wie sie sich bei einem Amoklauf in einer Basler Schule verhalten müssten (die BaZ berichtete).
«Bisher erfolgten diese Übungen ohne konkretes Objekt», sagt Polizeikommandant Gerhard Lips. Seit gestern wird der fiktive Ernstfall im realen Gebäude geprobt. Um 10.15 Uhr stürmen die Einsatzkräfte das Wettstein-Schulhaus. Das Szenario: Im Schulhaus am Claragraben bedroht ein sogenannter School-Shooter (siehe Interview unten) Mitschüler und Lehrer. Tatsächlich ist das Schulhaus wegen der Schulferien bis auf 25 Figuranten leer.
Zuerst zum Täter
Bei Amokläufen gelten für die Einsatzkräfte besondere Voraussetzungen. «Das Erstinterventionsteam muss an den Opfern vorbei und versuchen, den Täter zu stellen», sagt Lips. Bei der Übung stürmt zuerst nur eine kleine Gruppe von Polizisten, ausgerüstet mit schusssicheren Westen und Helmen, das Schulhaus. Über Funk teilen sie ihren Kollegen draussen mit, welche Teile des Gebäudes gesichert werden konnten. Nach und nach rücken weitere Polizisten nach.
Die anderen warten hinter einer Hausecke am Clarahofweg. Aus den Funkgeräten ist zu hören, wo sich die Polizisten aufhalten, welche Etagen gesichert werden konnten. Kurze Zeit später ertönen drei Schüsse aus dem Schulhaus, dann noch einer. Inzwischen rennen die ersten «Schüler» aus dem Gebäude. Sie werden von Polizeimitarbeitern gespielt und tragen Armbinden zur Kennzeichnung. Gelb steht für «verwirrt», Rot für «verletzt» – und Grün gekennzeichnet wären jene, die sich in den Schulzimmern verschanzt haben. Zusätzlich liegen Puppen im Schulhaus und stellen Getötete dar.
Die «Verwirrten» werden von einem Polizeiteam empfangen und in die Clarakirche gebracht, wo sie betreut werden. Andere «Opfer» können nicht mehr selber gehen, müssen von Polizisten rausgebracht und an die Rettung übergeben werden. Die Sanitäter halten sich hinter der Hausecke auf. Sie dürfen erst zum Schulhaus, wenn sie das Okay der Einsatzleitung erhalten. Einmal kommt es zu einem Missverständnis, eine Vierergruppe mit Tragbahre wird energisch zurückgepfiffen.
Kinderkrippe informiert
Noch funktionieren nicht alle Abläufe einwandfrei. Bis Donnerstag können die Einsatzkräfte weitere Erfahrungen mit Grosseinsätzen im Schulhaus sammeln. Da die Übung gestern unangekündigt ausgelöst wurde, konnten auch die Anwohner vorab nicht informiert werden. Einzig mit der Kinderkrippe Theodor vis-à-vis des Schauplatzes hatte Martin Stocker, Leiter Ressort Besondere Prävention, im Vorfeld gesprochen. «Wir wollten verhindern, dass sich die Betreuerinnen aus Angst mit den Kindern unter die Tische verkriechen», sagt Stocker.
Während «Verwirrte» betreut und «Verletzte» auf Bahren geladen werden, heisst es auf einmal durch die Funkgeräte: «Der Täter hat im obersten Stock Suizid begangen.» Nach einer knappen Stunde wird die Übung abgebrochen.
Die Trainings sollen die Einsatzkräfte so gut wie möglich auf den Ernstfall vorbereiten. Damit frustrierte Schüler gar nicht erst zu den Waffen greifen, hat Stockers Abteilung zusammen mit dem Erziehungsdepartement den Leitfaden Bedrohungsmanagement mit Checklisten und Verhaltensregeln für die Schulen erstellt. Als Nächstes wird nun ein lokales Sicherheitshandbuch für die jeweiligen Schulstandorte erarbeitet. (Basler Zeitung)
Erstellt: 16.02.2010, 11:19 Uhr
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14 Kommentare
Schön, jetzt wurde also geübt. Über die Prioritäten (Amok, Brand, Erdbeben...) liesse sich natürlich streiten. Die Ankündigung "Konkret soll für jedes Schulhaus ein Sicherheitshandbuch erarbeitet werden" stimmt nachdenklich. Wäre es nicht sinnvoll und zeitgemäss EIN Sicherheitshandbuch für Basler Schulhäuser zu erarbeiten? Im Ernstfall rücken ja kantonale, nicht schulspezifische Einsatzkräfte an. Antworten
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