Basel

Ausnahmezustand im Wettstein-Schulhaus

Von Nadja Widmer. Aktualisiert am 16.02.2010 14 Kommentare

Vier Tage lang proben die Einsatzkräfte im Wettstein-Schulhaus den Ernstfall. Es sind Ferien – Schüler und Lehrer sind in die Amokübungen nicht involviert. Die «Opfer» werden von Polizeimitarbeitern dargestellt.

1/9 Es wird ein Amoklauf im Wettsteinschulhaus inszeniert.
Bild: Bettina Matthiessen

   

Umfrage

Sind Amokübungen sinnvoll in leeren Schulhäusern?
Die Polizei übt während der Ferien für den Fall eines Amoklaufs an Schulen. Denken Sie, die Einsätze ohne Lehrer und Schüler sind sinnvoll?

Ja

 
63.4%

Nein

 
36.6%

284 Stimmen


Artikel zum Thema

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von baz.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Die junge Frau am Clarahofweg erschrickt für einen Moment: Als sie die Fensterläden ihrer Parterrewohnung öffnet, schaut sie direkt auf ein gutes Dutzend Polizeihelme. Auf der gegenüberliegenden Strassenseite haben sich Vertreter der Presse positioniert. Ein Glück, dass es sich bei dem Einsatz vor ihrem Fenster nur um eine Übung handelt. Seit einem Jahr trainieren Kantonspolizei und Rettung, wie sie sich bei einem Amoklauf in einer Basler Schule verhalten müssten (die BaZ berichtete).

«Bisher erfolgten diese Übungen ohne konkretes Objekt», sagt Polizeikommandant Gerhard Lips. Seit gestern wird der fiktive Ernstfall im realen Gebäude geprobt. Um 10.15 Uhr stürmen die Einsatzkräfte das Wettstein-Schulhaus. Das Szenario: Im Schulhaus am Claragraben bedroht ein sogenannter School-Shooter (siehe Interview unten) Mitschüler und Lehrer. Tatsächlich ist das Schulhaus wegen der Schulferien bis auf 25 Figuranten leer.

Zuerst zum Täter

Bei Amokläufen gelten für die Einsatzkräfte besondere Voraussetzungen. «Das Erstinterventionsteam muss an den Opfern vorbei und versuchen, den Täter zu stellen», sagt Lips. Bei der Übung stürmt zuerst nur eine kleine Gruppe von Polizisten, ausgerüstet mit schusssicheren Westen und Helmen, das Schulhaus. Über Funk teilen sie ihren Kollegen draussen mit, welche Teile des Gebäudes gesichert werden konnten. Nach und nach rücken weitere Polizisten nach.

Die anderen warten hinter einer Hausecke am Clarahofweg. Aus den Funkgeräten ist zu hören, wo sich die Polizisten aufhalten, welche Etagen gesichert werden konnten. Kurze Zeit später ertönen drei Schüsse aus dem Schulhaus, dann noch einer. Inzwischen rennen die ersten «Schüler» aus dem Gebäude. Sie werden von Polizeimitarbeitern gespielt und tragen Armbinden zur Kennzeichnung. Gelb steht für «verwirrt», Rot für «verletzt» – und Grün gekennzeichnet wären jene, die sich in den Schulzimmern verschanzt haben. Zusätzlich liegen Puppen im Schulhaus und stellen Getötete dar.

Die «Verwirrten» werden von einem Polizeiteam empfangen und in die Clarakirche gebracht, wo sie betreut werden. Andere «Opfer» können nicht mehr selber gehen, müssen von Polizisten rausgebracht und an die Rettung übergeben werden. Die Sanitäter halten sich hinter der Hausecke auf. Sie dürfen erst zum Schulhaus, wenn sie das Okay der Einsatzleitung erhalten. Einmal kommt es zu einem Missverständnis, eine Vierergruppe mit Tragbahre wird energisch zurückgepfiffen.

Kinderkrippe informiert

Noch funktionieren nicht alle Abläufe einwandfrei. Bis Donnerstag können die Einsatzkräfte weitere Erfahrungen mit Grosseinsätzen im Schulhaus sammeln. Da die Übung gestern unangekündigt ausgelöst wurde, konnten auch die Anwohner vorab nicht informiert werden. Einzig mit der Kinderkrippe Theodor vis-à-vis des Schauplatzes hatte Martin Stocker, Leiter Ressort Besondere Prävention, im Vorfeld gesprochen. «Wir wollten verhindern, dass sich die Betreuerinnen aus Angst mit den Kindern unter die Tische verkriechen», sagt Stocker.

Während «Verwirrte» betreut und «Verletzte» auf Bahren geladen werden, heisst es auf einmal durch die Funkgeräte: «Der Täter hat im obersten Stock Suizid begangen.» Nach einer knappen Stunde wird die Übung abgebrochen.

Die Trainings sollen die Einsatzkräfte so gut wie möglich auf den Ernstfall vorbereiten. Damit frustrierte Schüler gar nicht erst zu den Waffen greifen, hat Stockers Abteilung zusammen mit dem Erziehungsdepartement den Leitfaden Bedrohungsmanagement mit Checklisten und Verhaltensregeln für die Schulen erstellt. Als Nächstes wird nun ein lokales Sicherheitshandbuch für die jeweiligen Schulstandorte erarbeitet. (Basler Zeitung)

Erstellt: 16.02.2010, 11:19 Uhr

14

Kommentar schreiben







 Ausland



Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

14 Kommentare

Peter Berlepsch

15.02.2010, 14:09 Uhr
Melden

Schön, jetzt wurde also geübt. Über die Prioritäten (Amok, Brand, Erdbeben...) liesse sich natürlich streiten. Die Ankündigung "Konkret soll für jedes Schulhaus ein Sicherheitshandbuch erarbeitet werden" stimmt nachdenklich. Wäre es nicht sinnvoll und zeitgemäss EIN Sicherheitshandbuch für Basler Schulhäuser zu erarbeiten? Im Ernstfall rücken ja kantonale, nicht schulspezifische Einsatzkräfte an. Antworten


reto kobel

15.02.2010, 15:12 Uhr
Melden

Scheingefechte kann man üben soviel man will, im realen Einsatz sieht sowieso alles ganz anders aus, wenn zurückgeschossen wird. Wer sich auch schon mal einen Querschläger eingefangen hat, weiss wovon ich schreibe. Antworten



Basel

Populär auf Facebook Privatsphäre

Verzeichnis

Werbung

Live @ Sunset

11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!

Familie, Beruf und Studium

Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.