Banden trainieren schon Kinder

Mit immer neuen Maschen gehen Trickdiebe in Basel auf Beutefang. Ein beliebtes Ziel sind im Sommer auch die Gartenbäder.

Laufend neue Ablenkungsmanöver: Ein Täter lässt sich den Weg erklären, während sein Komplize sich aus der Tasche des Opfers bedient.

Laufend neue Ablenkungsmanöver: Ein Täter lässt sich den Weg erklären, während sein Komplize sich aus der Tasche des Opfers bedient. Bild: Polizei Basel-Stadt

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Es fängt immer harmlos an. Eine Frage nach dem Weg zum Kinderspital. Ein angeblicher Parkschaden am Auto. Das Bitten um Wechselmünz für den Billettautomaten. Erst Minuten, manchmal auch Stunden später bemerken die Gutgläubigen, dass sie um ihre Goldkette, die teure Uhr oder ein Bündel Bargeld ärmer sind.

Trickdiebe verfügen über ein fast unendliches Repertoire an Ablenkungsmanövern. Das Ziel ist immer dasselbe: das Opfer um etwas Wertvolles erleichtern. Entweder über Körperkontakt – etwa beim Wegputzen eines selbst verursachten Flecks auf einem Mantel – oder durch Ablenkung: Während der eine Täter dem Opfer den angeblichen Schaden an seinem Auto zeigt, schnappen sich die Komplizen aus dem Wagen alles, was sie später irgendwo verkaufen können.

Üben mit einer Puppe

In Basel-Stadt sind aktuell besonders zwei Maschen verbreitet: Der Wegbeschrieb und das Wechselgeld. «Die Täter sind bei Ersterem meist zu dritt im Auto. Zwei Frauen und ein Mann, der am Steuer sitzt», sagt Peter Gill, Sprecher der kantonalen Staatsanwaltschaft. Die Beifahrerin fragt nach dem Weg und steigt dann aus, um sich zu bedanken. Dann geht alles sehr schnell. Während sie das Opfer in den Arm nehmen, lösen die Täterinnen flink die Verschlüsse von Uhr und Armband: «Die Leute sind absolute Profis. Manchen gelingt es sogar, den Geschädigten nicht nur den Schmuck abzunehmen, sie ersetzen ihn sogar mit billigen Imitaten, damit der Diebstahl nicht sofort auffällt», sagt Gill. Beim Wechselgeld-Trick «helfen» die Kriminellen beim Finden der richtigen Münzen im Portemonnaie des Opfers. Dabei ziehen sie unbemerkt das Notengeld aus dem Geldbeutel.

Fast schon artistische Fähigkeiten sind nötig, um einen solchen Trickdiebstahl unbemerkt zu vollführen – ohne langwieriges Fingern an der Uhr und ohne sich im Verschluss der Perlenkette zu verheddern. Vollführt werden diese kriminellen «Kunststücke» in der Regel von Banden aus dem Balkan. Bereits Kinder würden von den Erwachsenen trainiert, damit sie die nötige Fingerfertigkeit entwickeln, sagt Gill. Geübt wird mit Puppen, teilweise sind diese mit Glöckchen versehen. Bei ungeschickten Versuchen klingelt das «Opfer». «Diejenigen, die sich beim Training am geschicktesten anstellen, werden als Trickdiebe losgeschickt, die anderen im Bereich Einbruch», sagt Marco Liechti, Präventionsexperte bei der Kantonspolizei Basel-Stadt. Schon Kinder und Jugendliche würden, je nach Fingerfertigkeit, als Trickdiebe eingesetzt.

Prävention in den Gartenbädern

Nicht nur die Ausführung, auch die Entwicklung bislang unbekannter Tricks ist von Bedeutung. «Es werden laufend neue Ablenkungsmanöver erfunden und auf ihre Tauglichkeit getestet», sagt Chantal Billaud von der Schweizerischen Kriminalprävention. Klappt eines, bleiben die Diebe über eine längere Zeit dabei. Dazu kommen die Klassiker – Tricks, die seit Jahren in der gleichen Form funktionieren (siehe Kasten). Hier setzt auch die Prävention an. «Wenn die Leute wissen, wie die Maschen aussehen, können sie sich fast in jedem Fall davor schützen», sagt Liechti. Seit Jahren setzt die Kapo Basel-Stadt deshalb nicht nur auf Repression, sondern auch auf Aufklärung. In der Weihnachtszeit läuft jeweils die Aktion Noël mit Plakaten, Polizeipräsenz und zivilen Fahndern. Während der Uhren- und Schmuckmesse warnen zweisprachige Hinweise vor Dieben. Liechti: «Da die Schweiz international als sicheres Land gilt, fehlt gerade bei Besuchern aus dem Ausland oft die nötige Vorsicht.» Aktuell ist ausserdem eine Kampagne für die Gartenbäder in Vorbereitung, «ebenfalls ein Platz, wo sich im Sommer gerne Trickdiebe tummeln».

Wie häufig in Basel jemand den Tätern auf den Leim geht, ist unbekannt. In der Statistik fehlt ein separater Posten für Trickdelikte, sie werden unter Diebstahl geführt. Liechti schätzt aber, dass täglich irgendwo in Basel ein Trick verübt wird. Doch die Prävention trage zunehmend Früchte, ist er sicher. «Es spricht sich in der Szene sehr schnell herum, ob eine Stadt ein ideales Pflaster für solche Taten ist oder ob Polizei und Bevölkerung gewarnt sind.» (Basler Zeitung)

Erstellt: 10.06.2014, 16:03 Uhr

Mit diesen Maschen arbeiten die Diebe

Der Umarmungs-Trick

Die Täter treten bei diesem aktuell in Basel verbreiteten Trick meist zu zweit oder zu dritt auf. Sie fahren im Auto an den Strassenrand und fragen Passanten nach dem Weg. Für eine Wegbeschreibung bedanken sich die ausgestiegenen Insassen überschwänglich mit einer Umarmung. Während dieser nehmen sie ihrem Opfer Schmuck, Uhr und Portemonnaie ab.

Der Karten-Trick

Auch hier steht die Frage nach dem richtigen Weg am Anfang. Die Diebe sind aber zu Fuss unterwegs, im Gepäck eine Strassenkarte. Während die Angesprochenen auf dieser den Weg zeigen wollen, räumt der Täter, durch die Karte vor neugierigen Blicken geschützt, die Taschen des Opfers leer.

Der Spenden-Trick

Dieser funktioniert wie der Karten-Trick. Nur dass hier nicht eine Strassenkarte als Schutz vor Blicken dient, sondern ein Schild. Auf diesem bitten die Trickdiebe um Geld für Hilfsprojekte. Zeigt sich jemand interessiert, wird das Schild geschickt so vor das Gesicht des Opfers gehalten, dass dieses nicht sehen kann, wie die eigene Handtasche ausgeräumt wird.

Der Auto-Trick

Diese Masche beginnt mit einem realen oder erfundenen Lackschaden. Die Täter stellen sich mit dem Auto auf einen Parkplatz. Kommt der Besitzer des Wagens auf dem Parkfeld nebenan, entschuldigen Sie sich wortreich für einen angerichteten Parkschaden. Das Opfer will diesen natürlich begutachten – in dieser Zeit schnappen sich die Komplizen die Wertgegenstände aus dem Wagen.

Der Münz-Trick

Die Täter bitten jemanden darum, ihnen Münz für einen Automaten zu wechseln. Währen das Opfer im Portemonnaie wühlt, «helfen» die Diebe bei der Suche. Gleichzeitig verschwindet unbemerkt das Notengeld in ihren Taschen.

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