Basel

«Basel ist global und provinziell zugleich»

Von Raphael Suter. Aktualisiert am 29.09.2012 16 Kommentare

Im April 2013 soll der neue Messekomplex mit der Baselworld eröffnet werden. Stararchitekt Jacques Herzog glaubt, dass weitere bauliche Veränderungen im Kleinbasel folgen werden.

Jacques Herzog ist u?berzeugt, dass sich das Gebiet zwischen
Badischem Bahnhof und Claraplatz dank der Neubauten auf dem Messeplatz ebenfalls positiv entwickeln wird.

Jacques Herzog ist u?berzeugt, dass sich das Gebiet zwischen Badischem Bahnhof und Claraplatz dank der Neubauten auf dem Messeplatz ebenfalls positiv entwickeln wird.
Bild: Henry Muchenberger

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In welchem Spannungsfeld sehen Sie den Basler Messeplatz mit den verschiedenen Hallen und Gebäuden rund herum?
Jacques Herzog: Die Messe ist für Basel ein sehr wichtiges Unternehmen, ja schon eine Art Institution, und sie prägt die Identität unserer Stadt ganz wesentlich mit. Die Messe ist also einerseits sehr lokal und mit der Stadt verbunden und andererseits auch zunehmend wirklich global, das heisst im Austausch mit der ganzen Welt. Das Gleiche gilt deshalb auch für den Messeplatz und die Gebäude, die diesen Ort bestimmen: Im Verlaufe der Jahre und Jahrzehnte ist da ein wirklicher Quantensprung passiert. Die neuen Hallen reflektieren die weltweite Bedeutung und die räumlichen Bedürfnisse der Messe. Zugleich ist es aber ausserordentlich wichtig, dass dieser neue Ort, insbesondere die City Lounge, von der lokalen Basler Bevölkerung auch angenommen und gerne benutzt wird. Sie soll Treffpunkt sein und geeignet für alle möglichen Events, die unter dem Jahr für die Basler stattfinden, wie die AVO Session, die Herbstmesse usw.

Wie weit beeinflusst der Messeneubau das ganze Areal?
Eine Stadt verändert sich ständig, das ist eine Grundbedingung jeder Stadt, weil sie in ständiger Konkurrenz zu anderen Städten steht, ob wir das wollen oder nicht. Das gefällt nicht allen Menschen, und viele fühlen sich dabei überrumpelt oder übergangen. Da sind dann schnell die Planer oder Architekten schuld, wenn einigen etwas nicht gefällt, Stichwort: Volta oder Erlenmatt. Tatsache ist aber, dass diese Veränderungen in einer Stadt Zeit brauchen, um urbanes Leben zu generieren und voll integriert zu werden. Wir haben dies erlebt, als wir mit der Tate Modern einen massiven Eingriff in London planten und jetzt bereits erweitern oder auch in Peking, wo das Bird’s Nest zum Zentrum eines neuen Quartiers wurde, das jetzt weiter ergänzt wird. Der Ausbau der Messe wird weitere Veränderungen im Quartier zwischen Badischem Bahnhof und Claraplatz nach sich ziehen, zum Vorteil der ganzen Stadt und darüber hinaus. Der Warteck-Turm von Morger Dettli Architekten ist ein wichtiger erster Schritt dazu. Der erbärmliche Zustand der Clara- und auch der Rosentalstrasse lässt hoffen, dass weitere folgen werden.

Nun ist das Parkhaus als Option für eine Weiterentwicklung des Messe­areals ins Spiel gebracht worden. Was halten Sie davon?
Das Parkhaus ist als reines Parkhaus absurd. Hier braucht es ein attraktives Gebäude, das auch Platz schafft für Wohnungen, Hotels und Gastronomie. Zur Idee eines neuen Musikzentrums an diesem Ort kann man nichts sagen, solange die Zukunft des Musiksaals und des Stadtcasinos am Barfüsserplatz nicht geklärt sind.

Weshalb sehen Sie eher Wohnungen und ein Hotel statt eines Musiksaals beim Messeplatz?
Wohnungen sind das, was Basel am meisten braucht, und zwar in allen Grössen und Preisklassen. Wohnungen und ein aussergewöhnliches, attraktives Hotel, wie wir leider mit dem «Trois Rois» seit vielen Jahren nur eines haben. Diese Art von Nutzung wäre wichtig, damit der Messeplatz auch ausserhalb der Messen lebt und von einer sozial durchmischten Bevölkerung bewohnt wird. Ein neues Musikzentrum ausserhalb des historischen Zentrums wäre sicher eine spannende Alternative zum Barfi – abgesehen von der Messe gäbe es da aber noch interessantere Orte wie etwa die Rheininsel im Norden, welche ausser einem neuen Wohn- und Arbeitsort auch ein neuer kultureller Treffpunkt des metropolitanen Basel werden könnte, vergleichbar der Elbphilharmonie in der Hafencity in Hamburg.

Könnte nicht auch die Rosentalanlage bebaut werden?
Weshalb auch? Ganz im Gegenteil: Es ist Zeit, die Rosentalanlage endlich in einen Park umzugestalten, Grasflächen und Bäume statt Kies.

Auch das Kongresszentrum ist in die Jahre gekommen. Welches Potenzial sehen Sie an diesem Standort?
Das kann nur die Messeleitung entscheiden – ich weiss nicht, wie konkurrenzfähig das Kongresszentrum heute in der Form noch ist. Wichtig ist auch hier, wie bei den Messen, dass Basel fit ist, um die globale Herausforderung anzunehmen. Das Spezielle und Interessante an Basel ist ja, dass die Stadt bei Anlässen wie Baselworld oder Art Basel, aber auch auf seinen multinationalen Firmenarealen eine globale Stadt ist, und ausserhalb davon eher provinziell und kleinkariert. Das globale Basel ist wichtig, damit das provinzielle Basel erträglich ist. Das Faszinierende ist die Gleichzeitigkeit dieser beiden Aspekte an einem Ort. Möchte man das nicht, müsste man nach New York oder London ziehen, Brennpunkte der globalisierten Welt, oder dann nach Laufen oder Liestal, wo Planungen und Veränderungen in überschaubarerem Rahmen ablaufen.

Provinzialität als Chance?
Jede Stadt ist provinziell, dort wo sie lokal ist. Das ist unverzichtbar, und niemand würde das anders wollen. Das Nebeneinander von globalisiertem, internationalem Leben neben dem lokalen Alltagsleben in einer Stadt ist eine faszinierende Herausforderung für die Planung und die Politik. Ich sehe da Basel gut aufgestellt, aber es gibt natürlich Neid und ideologische Blindheit, welche immer dann besonders zum Ausdruck kommen, wenn grosse Projekte und Veränderungen anstehen.

Weshalb sind solche Veränderungen nötig?
Ich glaube, es ist wichtig, dass wir als Städter die Stadt als das akzeptieren, was sie ist, nämlich als Ort der ständigen Veränderung. Jede Stadt ist wie gesagt in einem ständigen Wettstreit mit anderen Städten. Man muss dies akzeptieren und diesen Konkurrenzkampf so lenken, dass die Stadt für ein internationales Publikum wie für die Einheimischen interessant bleibt. Das ist eine Herausforderung, aber kein Widerspruch. Alle Menschen, die gerne in einer lebendigen Stadt leben, sind sich des ständigen Veränderungsprozesses bewusst. Es braucht diese Veränderungen, um die Lebensqualität halten zu können.

Sie plädieren oft auch sehr provokativ für Veränderungen. Etwa als Sie die Sprengung der Kaserne forderten.
Provokative Gedanken sind ein wichtiges Hilfsmittel, um Dialoge und schliesslich Veränderungen einzuleiten. Wir wollten die Kaserne nie weghaben, aber sehr wohl zur Rheinpromenade hin öffnen, wie das heute ja viele auch sehen. Die Kaserne ist ein wichtiges historisches Gebäude unserer Stadt, welches unsere Rheinpromenade mitprägt. Die Öffnung zum Rhein wird eine subtile, interessante Aufgabe für den Architekten, welcher mit dieser Aufgabe betraut wird. (Basler Zeitung)

Erstellt: 29.09.2012, 12:48 Uhr

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16 Kommentare

Regi Gusberger

29.09.2012, 14:19 Uhr
Melden 62 Empfehlung 24

So klug Ihre Basel-Analyse auch ist, sind Sie doch zuerst ein Bau-Lobbyist, der die Basler mit der Salami-Taktik für den katastrophal platzierten Messeneubau übel über den Tisch gezogen hat: Das geplante 2. Hochhaus von Morger wurde nie gezeigt, der Preis für die Messe zu tief angegeben und nun soll die Rosentalanlage zum Park werden. Und die Herbstmesse bleibt dann auf der Strecke. Übles Spiel! Antworten


Rolli Rallo

29.09.2012, 13:47 Uhr
Melden 52 Empfehlung 17

",wie wir leider mit dem «Trois Rois» seit vielen Jahren nur eines haben." Eine Frage stellt sich, Herr Herzog: Wer wird sich in Ihrem neuen Basel zukünftig noch leisten können, dort zu leben? Russische Oligarchen; Oder vielleicht nur Weltarchitekten, die nichts zu Ende denken? Antworten



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