Basel

«Basel soll keine Todesstadt werden»

Von Karin Müller und Markus Vogt. Aktualisiert am 05.11.2013 21 Kommentare

Die EVP ortet einen krassen Fall von fahrlässiger Sterbehilfe der Stiftung «Eternal Spirit». Mit einer erfunden Geschichte täuschte ein Mann ein Leiden vor und schied mit Hilfe der Organisation aus dem Leben.

Politikum.Wer aus dem Leben scheiden will, soll die Schweiz meiden. Das wünscht die EVP und reicht Vorstösse dazu ein.

Politikum.Wer aus dem Leben scheiden will, soll die Schweiz meiden. Das wünscht die EVP und reicht Vorstösse dazu ein.
Bild: Keystone

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Ein Italiener liess sich in der Schweiz beim Suizid von einer Sterbehilfeorganisation helfen. Die EVP will den Sterbe-Tourismus unterbinden. Sollen die Behörden eingreifen?

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Vielleicht schaut Pietro A. aus dem Universum vergnügt zu, wie sein freiwilliger Ausschied aus dem Leben nun zum Politikum wird. Zugegeben: Als ehemaliger Richter in Italien empfing er sicher zahlreiche Märchenerzähler. Und zum Märchenonkel mutierte er, um mithilfe der Sterbeorganisation «Eternal Spirit» freiwillig aus dem Leben zu scheiden. Die EVP benutzt diesen Fall, um auf eines ihrer Kernthemen, die Unterbindung von Sterbetourismus in der Schweiz, aufmerksam zu machen.

Was war geschehen? Im März 2010 bittet Pietro A. die Sterbeorganisation Dignitas um eine begleitete Suizidbeihilfe. Den angebotenen Termin lässt er zwar ungenutzt, überweist trotzdem rund 10'000 Franken. Die Ärztin Erika P., die der Italiener bei Dignitas kennenlernte, wechselte inzwischen zur Basler Sterbeorganisation «Eternal Spirit». 2013 hegt der Richter wiederum den Wunsch, zu sterben. Die Ärztin Erika P. stellt vergangenen April ein Rezept für das tödliche Medikament aus. Ein zweiter Arzt schreibt ein notwendiges Zweitgutachten und bescheinigt, dass alle Voraussetzungen gegeben seien, damit der Mann aus dem Leben scheiden könne. Am 11. April begeht der Richter aus Italien Selbstmord in der Wohnung von «Eternal Spirit» an der Hegenheimerstrasse in Basel.

Bevor er aus dem Leben schied, überwies er auch dieser Organisation 10'000 Franken. Im Abschiedsbrief schreibt Richter Pietro A., wie er seinen Abgang plante. Wie er behauptet hatte, unter der Geschlechtskrankheit Syphilis zu leiden, wie er Gutachten zum Teil selbst verfasst hatte und sie von den zuständigen Amtsträgern in Italien einfach hatte unterschreiben lassen. Wie er ebenfalls diese Beamten linkte, indem er log, die Gutachten für seine Frühpensionierung zu benötigen. Die Trauerfamilie stoppte sofort die geplante Kremation auf dem Friedhof Hörnli und lässt die Leiche obduzieren.

Richter schrieb Gutachten selbst

Die Rechtsmediziner stellen fest, dass der Tote unter keiner Geschlechtskrankheit gelitten hatte. Die Sterbehelferin entschuldigte sich per Mail bei den Angehörigen für ihren Fehler: «Ich bin sehr desillusioniert über den Fakt, dass Pietro mich während drei Jahren angelogen hat. Er war intelligent, ich konnte nicht glauben, dass er nur depressiv ist.» Die Trauerfamilie erstattete Anzeige. Insgesamt drei Anwälte kümmern sich nun um die Causa A., einer davon hier in Basel.

Der Jurist spannte EVP-Grossrätin Annemarie Pfeifer für die Zwecke der Angehörigen ein. Pfeifer verbündete sich mit EVP-Landrätin Elisabeth Augsburger. Sie sagte dann auch an der ges­t­rigen Medienkonferenz: «Basel soll keine Todesstadt werden.» Die EVP-Sektionen der beiden Basel sprechen nun von «Suizidbeihilfe» in Basel und spannen gleich die Mutterpartei für Aktionen auf nationaler Ebene ein. Ziel ist es, den Sterbetourismus in der Schweiz grundsätzlich einzudämmen.

Annemarie Pfeifer wirft der fehlbaren Ärztin vor, im Ausland auf Werbetour unterwegs zu sein, um mögliche Sterbewillige anzuheuern. Gleichzeitig stellt sie klar, dass in der Schweiz strafrechtlich nichts gegen die Ärztin zu machen sei. Sehr wahrscheinlich ist, dass der Verstorbene seit längerer Zeit an einer Depression gelitten hatte. Pfeifer: «Wichtig bei Depressionen ist, dass die Schwelle zum Suizid nicht zu tief angesetzt wird.» Wer an einer Depression erkrankt sei, durchlebe immer wieder Täler mit einem Sterbewunsch. Wichtig sei es da, die Betroffenen entsprechend zu begleiten und ihnen Wege aus ihrer Krise zu zeigen.

An Syphilis stirbt man nicht

Pfeifer arbeitet als psychologische Beraterin und spricht aus Erfahrung, wie sie sagt. «Die Kontrolle zur Beachtung der Standesregeln ist ungenügend ausgebaut», erklärt die Grossrätin aus Riehen. Selbst wenn die Diagnose korrekt gewesen wäre, hatte die Suizidbeihilfe nicht den Standesregeln entsprochen. Aufgrund einer Syphilis stirbt man nicht, die sei gut behandelbar, sagte Pfeifer. Ein nahes Lebensende aufgrund einer schweren Krankheit sei damit nicht gegeben gewesen.

Laut ihr hätten die Basler Untersuchungsbehörden von sich aus aktiv werden sollen. «Der Fall hätte ohne Intervention der Trauerfamilie Folgen nach sich ziehen müssen.» Annemarie Pfeifer versuchte bereits im Juni dieses Jahres, mit einem Vorstoss auf die Problematik aufmerksam zu machen. Offenbar stiess sie auf taube Ohren. Nur am Ende der Antwort erklärt der Regierungsrat: «Würden Missbräuche bekannt, würden diese auch sofort geahndet.»

Die EVP-Politikerin verfasste nun einen neuen Vorstoss, einen Anzug zuhanden des Grossen Rats. Der Regierungsrat soll prüfen und berichten, wie er seine Aufsichtspflicht ausüben wolle. Gewünscht seitens der Partei wäre ein Automatismus. Die Regierung solle jährlich eine Statistik der Suizidbeihilfe durch Sterbehilfeorganisationen vorlegen. Zudem soll der Sterbetourismus eingeschränkt und Missbräuche verhindert werden. Gleichlautende Vorstösse von EVP-Politikern werden in den Parlamenten von Baselland, Aargau und Solothurn eingereicht. (Basler Zeitung)

Erstellt: 05.11.2013, 06:38 Uhr

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21 Kommentare

Marco Lindner

05.11.2013, 08:43 Uhr
Melden 187 Empfehlung 14

Wenn ein Mensch freiwillig aus dem Leben scheiden will liegt immer eine Erkrankung vor. Diesen Menschen als Märchenonkel zu bezeichnen erachte ich als eine krasse journalistische Fehlleistung! Im gleichen Artikel dann auch noch die Formulierung "NUR Depression" kommentarlos zu zitieren lässt mich weiter erschaudern. Depression ist eine ernste Erkrankung die wie man sieht zum Tode führen kann. Antworten


tim meier

05.11.2013, 07:59 Uhr
Melden 169 Empfehlung 11

Was will die EVP eigentlich erreichen? Neue Statistiken erstellen lassen und 'Sterbetourismus' einschränken? Das ändert nichts daran, dass es immer Leute geben wird, die nicht warten wollen, bis sie auf eine natürliche Art und Weise sterben. Ob die Alternative 'Personenunfall' besser ist, möchte ich stark bezweifeln. Antworten



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