Basel

Basler Energiepolitik treibt seltsame Blüten

Von Martin Regenass. Aktualisiert am 09.10.2012 50 Kommentare

Immobilien Basel-Stadt tauscht in einer Überbauung vierjährige Küchengeräte aus – das soll ökologisch sein.

Vor vier Jahren total saniert, hat die Überbauung Bäumlihof bereits wieder neue Küchengeräte.

Vor vier Jahren total saniert, hat die Überbauung Bäumlihof bereits wieder neue Küchengeräte.
Bild: Tim Loosli

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Immobilien Basel-Stadt ersetzt in einer stadteigenen Überbauung erst vierjährige Elektrogeräte durch eine energiesparendere Generation. Ist das ökologisch sinnvoll?

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Der Monteur von Küchengeräten einer lokalen Firma steht in einer Wohnung der Überbauung Bäumlihof von Immobilien Basel-Stadt, zuckt die Schultern und sagt: «Für uns ist es gut, diese Aktion bringt uns Arbeit. Ob sie viel Energie spart, ist fraglich.» In den vergangenen Stunden hat er zusammen mit einem Arbeitskollegen den Geschirrspüler, den Kühlschrank und den Backofen samt Glaskeramikherd herausgerissen und durch neue Geräte ersetzt. Das Pikante daran: Die Gerätegarnitur war erst vier Jahre alt – die Überbauung wurde 2008 gesamtrenoviert. Betroffen von der Auswechslung sind knapp 200 Wohnungen.

Kein privater Immobilienbewirtschafter oder Privathaushalt würde wohl vierjährige Geräte in Liegenschaften austauschen. In der «Tageswoche» rechtfertigt Daniel Grünenfelder, Leiter Bewirtschaftung bei Immobilien Basel-Stadt, den Austausch folgendermassen: «In diesen vier Jahren hat es bezüglich energiesparenden Haushaltsgeräten einen Quantensprung gegeben.» Zudem sei die Auswechslung der Geräte mit dem Amt für Umwelt und Energie (AUE) abgesprochen. Ihren Empfehlungen zufolge lohne es sich, Geräte ab vier Jahren zu ersetzen.

Diese Bestimmungen gehen auf einen Beschluss des Basler Regierungsrats zurück. Vor drei Jahren hat er aus Gründen der Nachhaltigkeit beschlossen, dass künftig in sämtlichen Liegenschaften, die zum Finanzvermögen des Kantons Basel-Stadt gehören, energieeffiziente Geräte zu verwenden seien. Punkto Einsparungspotenzial machte der Regierungsrat keine Vorgaben.

Das Sparpotenzial

Die alten Geräte stammten vom Hersteller Electrolux. Die neuen sind allesamt von V-Zug. Der Vergleich bezüglich Energieverbrauch der alten mit den neuen Geräten bringt diese Resultate: Beim Energieverbrauch des neuen Geschirrspülers gibt der Hersteller pro Spülgang einen Verbrauch von 0,92 Kilowattstunden an. Der Verbrauch des alten Geräts lag laut Fabrikant bei 1,0 Kilowattstunden. Ersparnis beim Geschirrspüler: 0,08 Kilowattstunden pro Spülgang oder acht Prozent. Zum Vergleich: Mit einer Kilowattstunde lässt sich im Dampfkochtopf ein Essen für vier Personen kochen. Höher schlägt die Wasser­ersparnis zu Buche: Der neue spart knappe 30 Prozent Wasser. Anstatt 14 Liter braucht er noch 10 Liter pro Spülgang.

Beim Kühlschrank handelt es sich jeweils um ein Kombigerät mit Kühlschrank und Tiefkühler. Das alte Gerät braucht pro Jahr 257 Kilowattstunden. Das neue Gerät 193. Sparpotenzial beim Strom: rund 25 Prozent. Für den Mieter sind das rund 20 Franken Energiekosten weniger pro Jahr. Um das neue Gerät mit einem Katalogpreis von rund 3000 Franken zu amortisieren, müsste der Kühlschrank während 150 Jahren in Betrieb stehen.

Der Backofen: Das ausgetauschte Gerät verbraucht in 46 Minuten 0,79 Kilowattstunden Strom. Der neue Backofen in 44 Minuten 0,75 Kilowattstunden. Damit liegen sie praktisch gleichauf. Keine Angaben gibt es bezüglich Glaskeramikherd. Dort gibt es kein einheitliches Messverfahren. Fazit: Einzig beim Kühlschrank wird im zweistelligen Prozentbereich Strom gespart. Gar kein Sparpotenzial gebracht hat der Austausch des Backofens.

Graue Energie nicht berechnet

Was Immobilien Basel-Stadt und das AUE nicht berechnet haben, ist die graue Energie, die zwecks Ermittlung der Ökobilanz zwingend in eine Berechnung mit einfliessen müsste. Damit gemeint ist die Energie, die zur Herstellung eines neuen Geräts verbraucht wird, sowie die Energie, die zum Transport und zum Einbau der Geräte verwendet wird. Ob unter Einbezug dieser Faktoren unter dem Strich – auf eine Betriebszeit von 15 Jahren, denn damit rechnet Immobilien Basel-Stadt – eine positive Energiebilanz beim Kühlschrank und beim Geschirrspüler resultiert, ist fraglich.

Jürgen Nipkow, Ingenieur bei der Arbeitsgemeinschaft Energie-Alternativen in Zürich, sagt, dass sich ein vorzeitiger Ersatz dieser Geräte weder ökologisch noch wirtschaftlich rechtfertigen lasse. Beim Geschirrspüler und beim Kühlschrank mache ein vorzeitiger Ersatz nach vier Jahren kaum Sinn. Beim Backofen gar keinen. «Der Austausch von Geräten in ganzen Siedlungen wird in der Regel vorgenommen, weil sich starke Rationalisierungseffekte wie Rabatte auf Geräte, Installation und Service ergeben», sagt Nipkow.

In den Genuss von Rabatten ist Immobilien Basel-Stadt offensichtlich gekommen. Der staatliche Immobilienverwalter tausche in insgesamt 1600 Liegenschaften Geräte aus und ersetze sie durch neue. «In der öffentlichen Ausschreibung hat sich Immobilien Basel-Stadt für ein gewisses Kontingent an Geräten verpflichtet und so einen entsprechenden Preisvorteil erwirkt», sagt Isabelle Rihm, externe Kommunikationsbeauftragte für Immobilien Basel-Stadt.

Standard bereits erfüllt

Beim Ausschreibeverfahren wurde als Mindeststandard das Energielabel «A» verlangt. Dies erfüllten alle alten Geräte in der Überbauung Bäumlihof. Bereits der alte Kühlschrank hatte mit «A+» das bessere Label als vorgeschrieben. Der neue Kühlschrank ist mit «A++» noch etwas besser. Möglich wäre schon heute ein Kühlschrank mit Label «A+++». Weshalb hat Immobilien Basel-Stadt also nicht vorbildlich die energiesparendste Variante eingebaut? «Um genügend Vergleichsangebote im Rahmen der Ausschreibung zu erhalten. Ansonsten hätte dies zu einer Einschränkung bei den Geräten und Anbietern geführt», erklärt Rihm.

Und wäre wohl auch teurer gekommen. Gekostet hat die Sanierung Bäumlihof gegen eine Million Franken. Diese wird aus den Mieterträgen aus den Liegenschaften finanziert.

Die alten Geräte gehen kostenlos an die Bauteilbörse auf dem Dreispitz. Dort werden sie gereinigt, überprüft und zu günstigen Konditionen verkauft – und werden wohl teilweise weiterhin im Energiesparkanton Basel-Stadt ihren Dienst tun. (Basler Zeitung)

Erstellt: 09.10.2012, 07:24 Uhr

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50 Kommentare

Dieter Schnetzer

09.10.2012, 08:52 Uhr
Melden 160 Empfehlung 7

Absoluter Wahnsinn! Hier sollte ernsthaft über personelle Konsequenzen nachgedacht werden! Antworten


Lukas Wirz

09.10.2012, 09:07 Uhr
Melden 104 Empfehlung 4

«Für uns ist es gut, diese Aktion bringt uns Arbeit. Ob sie viel Energie spart, ....?"
Den Nagel auf den Kopf getroffen-Kommentar überflüssig. Man redet von Umweltschutz- aber wichtiger ist das Geld.
Antworten



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