Basel

Betagte im Alterszentrum misshandelt

Von Daniel Wahl. Aktualisiert am 17.06.2014 116 Kommentare

Die Polizei führte drei Gesundheitsassistenten vom Alterszentrum Weiherweg des Bürgerspitals Basel in Handschellen ab.

Spardruck: Im Alterszentrum Weiherweg arbeitet von der IV finanziertes Personal.

Spardruck: Im Alterszentrum Weiherweg arbeitet von der IV finanziertes Personal.
Bild: Google Maps

Misshandlungen kommen immer wieder vor

Zürich-Wollishofen. Für Schlagzeilen sorgte in der Schweiz ein Fall in Zürich-Wollishofen. Im dortigen ­Alterszentrum Entlisberg wurden vor rund zweieinhalb Jahren mehrere ­Pflegerinnen verhaftet. Die jungen Frauen hatten Insassinnen des Heims nackt gefilmt und sich dabei über sie lustig gemacht. Auf einem der Videos ist eine alte Frau zu sehen, die nackt am Boden liegt. Die Pflegerinnen ­ziehen ihr die Decke weg, mit der sie sich bedecken will. In einem zweiten Clip fordern sie eine alte Frau, die nackt in der Dusche steht, auf: «Tanzen Sie, tanzen Sie», worauf die demente Frau beginnt, sich hin und her zu wiegen. Alles wird von den lachenden Angestellten mit dem Handy aufgenommen.

Rehetobel (AR). Auch aus einem Alters- und Pflegeheim in Appenzell Ausser­rhoden wurden Quälereien bekannt. Weil ein invalider Bewohner sich in die Hose gemacht hatte, steckten ihn die Pflegerinnen im Sommer 2013 in ein Kleid. Während fast einer Stunde liessen sie den verwirrten Mann, der sich selbst nicht umziehen konnte, so auf dem Gang herumirren. «Als Denk­zettel», kommentierten die Pflegenden.

Binningen. Mangelhafte Pflege, Vernachlässigung, Hunger: In der Region beschäftigt derzeit der Fall des Alters- und Pflegeheims Schlossacker die Verantwortlichen. Die Vorwürfe von Angehörigen und Angestellten gegen die Einrichtung sind heftig. Diabetiker seien nur unzureichend versorgt und andere gesundheitliche Probleme wie beispielsweise ein Armbruch nicht erkannt worden. Ausserdem habe man die Betagten während Stunden vor den Fenstern in der Hitze sitzen lassen und wegen zu knapper Essensrationen hätten einige gar hungern müssen. (ni)

Artikel zum Thema

Teilen und kommentieren

Korrektur-Hinweis

Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.

«Speziell ausgebildetes und geschultes Personal betreut die Bewohnerinnen und Bewohner rund um die Uhr, entsprechend ihren individuellen Bedürfnissen und Wünschen.» Es sind Worte aus der Marketingabteilung des Alterszentrums am Weiherweg, das zum Bürgerspital Basel gehört und mit denen Betagten und ihren Angehörigen ein entspanntes Leben im Basler Alterszentrum schmackhaft gemacht wird.

Die Wahrheit sieht anders aus: Im Alterszentrum Weiherweg werden auch IV-finanzierte Billigstarbeitskräfte aus beruflichen Eingliederungsmassnahmen beschäftigt. Just diese jungen Menschen, die im Ersten Arbeitsmarkt keine Chancen hatten, haben als angehende Gesundheitsassistenten am Weiherweg offenbar Betagte misshandelt und diese in ihrer Würde verletzt. Wie die Basler Staatsanwaltschaft gestern bestätigte, ist es im Mai zur Verhaftung von zwei jungen Männern und einer in Ausbildung gewesenen jungen Frau gekommen. Sie wurden im Mai von der Polizei am Arbeitsplatz verhaftet und in Handschellen abgeführt.

Bewohner beworfen und gefilmt

Strafanträge sind konkret gegen den 18-jährigen A.C. und gegen den 19-jährigen M.L. ergangen. Gegen sie läuft nun ein Strafverfahren wegen Verletzung des Privat- und Geheimbereichs, wegen Tätlichkeit mit eventueller einfacher Körperverletzung sowie wegen Sachbeschädigung. Bei der dritten Person handelt es sich um eine Lehrtochter, die kurz vor ihrem Lehrabschluss stand und seit der Verhaftung am Arbeitsplatz nicht mehr erschienen ist. «Wir haben alle drei fristlos freigestellt, sie mussten den Schlüssel abgeben», sagt Bürgerspitaldirektor Fritz Jenny und spricht von «unerhörten Vorfällen», die im Alterszentrum nicht toleriert würden. Man habe Hinweise erhalten auf «unprofessionellen Umgang mit den Bewohnern», und dass mutmasslich Filme erstellt wurden, sagt Jenny. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Laut weiteren Informationen der BaZ haben A.C., dessen Name auf eine türkische Herkunft schliessen lässt, und D.L., der dem Namen nach dem asiatischen Raum zugeordnet werden darf, die Heimbewohner mit Gegenständen beworfen, die Attacken gefilmt und die entwürdigenden Vorgänge ins Internet gestellt. Pfleger berichten, dass es im Alterszentrum immer wieder zu Diebstählen gekommen sei; Wertgegenstände wie Schmuck und Portemonnaies seien nicht nur bei Betagten, sondern auch beim Personal entwendet worden.

Informationen im Mai verweigert

Jenny geht davon aus, dass alle Vorgänge auf demselben Stockwerk stattgefunden haben. Man habe die Angehörigen umgehend informiert und mit den Pflegeteams «Sofortmassnahmen» eingeleitet. Um welche es sich handelt, wollte Jenny nicht sagen. Ebensowenig könne er mitteilen, wie stark die Betagten gelitten hätten: «Wir haben mit unseren Bewohnern und ihren Angehörigen gesprochen, konnten aber kaum Konkretes über die Vorfälle erfahren. Verletzungen haben wir keine festgestellt.» In welchem geistigen Zustand sich die Betagten befanden, wollte Jenny auch nicht verraten.

Die Verhaftung erfolgte bereits im Mai. Behörde und Heimleitung wählten keine offensive Informationsstrategie; auf Anfrage der BaZ verweigerte ­Polizeisprecher Andreas Knuchel am 22. Mai Auskünfte zu den Verhaftungen und ihren Hintergründen.

Sorge vor kommendem Umzug

Derweil leidet das Personal unter der Belastung, wie aus dem Altersheim zu erfahren war. Seit gut zwei Jahren werde auf die Sparbremse gedrückt. Überall werde Geld gespart. So könne es sonntags vorkommen, wie Pfleger berichten, dass man während vier Stunden alleine sei und alle Betagten das Essen selbst servieren und abräumen müssen.

Seit der Verhaftung sei das Personal zusätzlich bedrückt. Neben der hohen Arbeitsbelastung sei man mit der zusätzlichen Aufgabe betraut worden, darauf zu achten, dass keine Zentrums-Bewohner fotografiert würden. Und mit Sorge blickt man dem anstehenden Umzug kommende Wochen entgegen, wenn die Betagten wegen Sanierungsarbeiten vom Weiherweg an die Socinstrasse verlegt werden. Man wisse nicht, ob man dies noch unter Einhaltung der pflegerischen Mindeststandards bewältigen könne. «Wir haben keine Unterdotation, es kann nicht die Rede davon sein, dass wir zu wenig Betreuungspersonal haben», entgegnet Jenny. Der Stellenschlüssel orientiere sich an der Pflegebedürftigkeit der Betagten und entspreche den Anforderungen des Kantons.

«Eine Chance geben»

Angehörige erheben derweil schwere Vorwürfe gegen das Alterszentrum: Man beschäftige IV-finanziertes Pflegepersonal, ob es nun geeignet ist oder nicht. Dem Bürgerspital gehe es ums Geld. Die Motivation von Leuten aus den beruflichen Eingliederungsmassnahmen sei eine ganz andere, als die von Menschen, die den Beruf des Pflegers aus freien Stücken wählen könnten. In ihren Informationen verneble die Heimleitung die Mitverantwortung, dass man das schwierige IV-Personal zu wenig kontrolliert habe.

Dieser Darstellung widerspricht Jenny: «Alle Leute, die wir aus den beruflichen Eingliederungsmassnahmen einstellen, klären wir sorgfältig mit der IV in Zusammenarbeit mit unseren Case-Managern ab.» Es gehöre zum Konzept des Bürgerspitals, Menschen, die im Ersten Arbeitsmarkt nicht untergekommen sind, eine Chance zu geben. Die gesamte Institution Bürgerspital gewähre rund 180 Personen eine solche Gelegenheit. (Basler Zeitung)

Erstellt: 17.06.2014, 08:50 Uhr

116

Kommentar schreiben

Verbleibende Anzahl Zeichen:

No connection to facebook possible. Please try again. There was a problem while transmitting your comment. Please try again.
Werbung

116 Kommentare

Marc Weinmann

17.06.2014, 09:51 Uhr
Melden 381 Empfehlung 15

Und für diese "würdevolle" und "individuelle" Behandlung werden den Bewohnern monatlich 8000 CHF und mehr verrechnet.
Da ist Exit oder sogar Dignitas wesentlich günstiger. Traurig, dass man in der Schweiz im Alter und als Gebrechlicher nicht mehr in Würde leben kann.
Antworten


Georg Fischer

17.06.2014, 09:36 Uhr
Melden 323 Empfehlung 11

Einmal mehr versagen Qualität-und Kontrolle welche es in solchen Institutionen geben muss,und zwar regelmässig,systematisch. Wo bleibt das Recht der betagten,hilflosen Menschen auf würdevolle,anständige und situationsgerechte Behandlung?Die Sparerei hat Grenzen und die ist einmal mehr deutlich überschritten worden.Unhaltbar,einer (SP/Grün)Stadt wie Basel nicht würdig.Das muss Konseq.haben. Antworten



Umfrage

Ein Lohnmobil fordert gleichen Lohn für gleiche Arbeit. Werden Frauen noch immer diskriminiert?



Bei der Bundesratswahl ist der Wohnort wichtig, bei Regierungswahlen nicht. Müsste das der Fall sein?

Ja

 
56.2%

Nein

 
43.8%

1284 Stimmen

Basel