Basel

Billig statt Boulevard an der Clarastrasse

Von Nina Jecker und Denise Dollinger. Aktualisiert am 19.07.2012 12 Kommentare

Trotz diversen Verschönerungsmassnahmen gleicht die Strecke Claraplatz bis Messe einem gigantischen Wu?hltisch. Stadtentwickler und Ladenbesitzer trotz allem guter Dinge.

Statt Boulevardfeeling: Kleiderständer nach Kleiderständer.

Statt Boulevardfeeling: Kleiderständer nach Kleiderständer.
Bild: Henry Muchenberger

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Rund zehn Jahre ist es her, dass dem Kleinbasel zwischen Messe und Claraplatz ein Boulevard versprochen wurde. Mit breiteren Trottoirs, einer neuen Beleuchtung und diversen Oleandersträuchern sollte die Clarastrasse zur Flaniermeile aufgemöbelt werden. Die baulichen Massnahmen wurden ergriffen, die exotischen Pflanzen stehen da. Doch ein Augenschein vor Ort zeigt: Anstatt ein Boulevard zum Flanieren lädt hier eine Discountermeile zur Schnäppchenjagd.

Los geht es gleich beim Claraplatz. Hier befinden sich die Detailhändler Lidl und Denner sowie der Do-it-yourself-Riese Jumbo. Etwas weiter zur Messe hin gleichen die Trottoirs einem riesigen Wühltisch. An Ständern hängen die schreiend bunten Textilien von Billigshops wie dem Fashion Discount, dem Grossen Lagerverkauf und dem Preisparadies. Dazwischen taucht alle paar Schritte ein Kreditbüro auf. Von der Sorte, die unkompliziert Geld ausgeben, für das der Kunde aber tief in die Tasche greifen muss. Billige Ware, Kleiderständer und Geldinstitute. Es ist kein schmuckes Bild, das die Clara­strasse bietet.

Zwischenphase

Diese Ballung von Geschäften aus dem tiefen Preissegment ist laut Stadtentwickler Thomas Kessler aber völlig normal. «Wir sind mit der Aufwertung auf Kurs. Das Areal befindet sich derzeit in einer Zwischenphase.» Der Trend gehe weg von grossen, anonymen Geschäften; grosse Ladenflächen würden aufgeteilt. Kessler ist überzeugt, dass die Geschäfte der mittleren und höheren Preissegmente sowie Investoren bald von selbst kommen werden. «Viele warten die Fertigstellung des Messeneubaus ab.» Eine weitere Aufwertung soll der geplante Claraturm bringen, über den der Grosse Rat Ende Jahr befinden soll. Dieser wird nebst weiteren Geschäftsflächen auch Wohnungen der mittleren Preisklasse bieten.

Was den Veloshop Single Speed angeht, hat sich Kesslers Prophezeiung mit den neuen, teureren Shops bereits erfüllt. Das Geschäft verkauft edle, selbst designte Fahrräder und stilvolle Accessoires und hat sich vor rund zweieinhalb Jahren an der Clarastrasse niedergelassen. «Der Standort ist eigentlich ideal, der Shop liegt zentral, wir profitieren zudem viel von den Messen, die Laufkundschaft bringen», sagt Mitinhaber Nils Schaub. Dennoch stört ihn die Umgebung, die billig daherkomme. «Ein paar Pflänzchen reichen halt nicht aus», sagt Schaub.

Attrak­tive Fachgeschäfte

«Die Clarastrasse wird schlechtergeredet, als sie ist», sagt Peter Winiker von der IG Kleinbasel. Besonders der obere Teil, ab Hammerstrasse, habe attrak­tive, gute Fachgeschäfte und nicht nur Billigläden. «Nur nimmt man das leider nicht wahr», so Winiker. Und tatsächlich: Auf den ersten Blick fallen dem Betrachter der Magic X Erotic Store, ein Döner-Laden und die Kontaktbar Red Rose auf. Mit Jumbo würde sich zudem das einzige Do-it-yourself-Geschäft der Stadt in der Clarastrasse befinden.

«Diese Strasse ist die ultimative Einkaufsmeile vom Kleinbasel», sagt Winiker denn auch. Auf wenigen Metern bekäme man alles, was es zum Leben braucht. Klar habe es derzeit viele überdimensionierte Geschäfte im unteren Teil. Für die Vermieter sei es halt schwierig, Mieter zu finden, die diese grossen Quadratmeter belegen können. Darum auch die Zwischenlösung mit den Discountern. «Die haben alle Verträge von einem bis zwei Monaten und zahlen nicht den vollen Mietpreis», sagt er. Auch die Kündigungsfrist würde sich in dieser Zeitspanne bewegen.

Kessler weiss, nicht nur die tiefen Mieten locken die Billiganbieter an. Am Standort Claraplatz sei mit den Bewohnern des Matthäusquartiers, wo viele Personen mit niedrigem Einkommen leben, die Zielklientel in der Nähe, sagt der Stadtplaner. Denner-Sprecherin Paloma Martino: «Der Standort Claraplatz ist sehr attraktiv. Es hat in der nahen Umgebung eine hohe Bevölkerungsdichte, ausserdem ist der Platz dank Parkiermöglichkeiten in der Nähe und durch den ÖV sehr gut erschlossen.» Seit 2005 besteht die Denner-Filiale. 2010 folgte in direkter Nachbarschaft Lidl. Man schätze die zentrale Lage, begründet der deutsche Discounter diesen Entscheid.

Attraktive Meile in vier Jahren?

Auch wenn er das grosse Angebot der Einkaufsstrasse schätzt, optisch sei der derzeitige Zustand mit den Paletten und Kleiderständern auf den verbreiterten Trottoirs bestimmt keine Schönheit, gibt Winiker zu. «Da müsste sich halt die Allmendverwaltung darum kümmern und das klarer reglementieren», so Winiker. Immerhin sei es ja schon so, dass nur noch Läden, die im zweiten Stock einquartiert sind, ihre Werbeschilder rausstellen dürfen.

Noch ist der damals versprochene Boulevard also keine Realität. Doch Stadtentwickler Kessler hat noch viel mehr vor. «Zwischen dem Bahnhof SBB und dem Badischen Bahnhof soll eine zusammenhängende, attraktive Fussgängermeile entstehen.» Dies werde dann auch die Clarastrasse als Teil des Ganzen noch weiter aufwerten. Zwischen Messe und Badischem Bahnhof sollen beispielsweise Künstler für die Gestaltung der Strecke hinzugezogen werden. Und auch Orte wie der Barfüsserplatz und der Marktplatz sind im Visier der Planer.

Allen voran soll jedoch der Claraplatz umgestaltet werden. «Hier passt momentan noch nichts zum anderen», sagt Kessler. Beim Zeithorizont zeigt er sich optimistisch, bereits in drei bis vier Jahren soll nicht nur ein Boulevard Clara, sondern eine Meile von Bahnhof zu Bahnhof entstehen. (Basler Zeitung)

Erstellt: 19.07.2012, 11:45 Uhr

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12 Kommentare

Silvan Scherrer

19.07.2012, 11:55 Uhr
Melden 52 Empfehlung 0

Planen, Planen, Planen. Die Armen weg, die reichen hin, günstig weg, teuer hin. Nur weil wir weniger Geld haben sollen wir aus dieser Stadt verschwinden? Nur weil wir keine hohen Abgaben an den Staat zahlen sind wir minderwertig? Vielen Dank Herr Kessler, sie müssen sich nicht wundern, wenn sich Menschen gegen so eine Entwicklung wehren. Antworten


Stephan Gassmann

19.07.2012, 12:20 Uhr
Melden 40 Empfehlung 0

Seit kurzem wohne ich wieder im Kleinbasel und zwar in unmittelbarer Nähe der Clarastrasse. Und ich geniesse das Flanieren zwischen den Läden. In den türkischen Ramschläden finde ich hin und wieder ein Schnäppchen, im Jumbo tolle Ausverkaufsangebote für Garten und Haushalt und im dänischen Einrichtungshaus "Jysk" tolle Sachen für meine Wohnung. Ich geniesse das Lädele am Boulevard Clarastrasse! Antworten



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