Basel

Das Monstre ist Hochspannung pur

Von -minu und Markus Vogt. Aktualisiert am 24.02.2014 7 Kommentare

Mit dem Drummeli feierte am Wochenende die grösste aller Vorfasnachtsveranstaltungen Premiere. Unter die Räder kamen neben dem Fasnachts-Comité auch die Regierung, die BVB und – natürlich – die BaZ.

1/12 Schwelgen im Pierrot: Der Dupf-Club zeigt sich in seinem Markenzeichen, dem violetten Pierrot. Und kredenzt den «Rossignol».
Bild: Dominik Plüss

   

Das Drummeli in Bewegtbild


D Opti-Mischte mit dem «Brantgass-Rag».


Die Märtplatz-Clique entführt ans Rheinufer und setzt zum «Z Basel am mym Rhy» an. Hier aus der Sicht einer Stäggeläddäärne.

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Erste Hälfte: Hervorragende Rahmenspieler und Cliquenauftritte ohne jeden Hänger
von -minu

Lassen wir die Trommel gleich aus dem Sack. Mit dem Monstre 2014 ist Bettina Dieterle der Hattrick gelungen: Zum dritten Mal steuert sie 1200 ruessende, schwänzende und pfeifende Primadonnen über die Musiktheater-Bretter. Sie verwebt Nummern ineinander, kürzt Langes weg, spitzt Pointen zu, zwingt Grau raus und Rot rein … ­alles: MEGA SUPER GEIL! (Um es im Slang des grossartigen Slam-Poeten Laurin Buser auszukleiden.) Oder anders: Das erbaulichste ­Vorfasnachtsspektakel in dieser Saison! Ohne Abschrankung und Aber…

Man war skeptisch: Wirds auch ein drittes Mal gelingen? Hat sie den langen Atem? – Aber hallo – sie hat! Im Monstre jagen Pointen, Nummern und Zeit wie dieses kleine Superding im Cern vorbei. Keine Sekunde Gähnen. Alles Hochspannung. Und perfekt inszeniert. Das Geheimnis des grossen Erfolgs sind zweifellos hervorragende Rahmenspieler (sie machen selbst aus einem wohl etwas zu anspruchsvollen ­Sale-Text eine Paradenummer).

Der verhinderte Prolog

Hugo Buser (ein Highlight) hängt als Vorarbeiter den ­Macho raus, Heidi Diggelmann ist als Zürcher AHV-Tussi nicht mehr aus der Basler Monstre-Szene wegzudenken (genial!), Suzanne Hueber zeigt (insbesondere in ihrem Monolog «Frau sy hützedaags»), dass sie nicht nur als Wetterfee ihre Hochs hat, Suzanne Thommen ist als Irene, eine alternde Fasnächtlerin, die einfach immer wieder bei einer andern Clique «yystoot», schlicht wunderbar – dann sind da ein ebenfalls wunderbarer Kurt Walter (das etwas zartere Pendant zu seinem Vorarbeiter) und Marcel Mundschin als zuckerwattiger, violetter Pierrot (grossartig gespielt).

Mit diesem violetten Pierrot beginnt das riesige Monstre-Bauprojekt 2014: Er kommt nämlich nie dazu, seine wunderbaren Verse im Stil der alten «wenns am Mäntig vieri schlot»-Romantik rauszulassen: «Schmeggsch du dr Gschmagg vo Larvelagg, denn dryybe alli Schaabernagg …» Doch nichts da! Immer ist irgendwo ein Loch, in das er reinfällt. Ein Bohrer, der das Zarte weghämmert. Dann ist es wieder ein Brett vor dem Kopf – oder ein nervendes Handy, das den Monolog mit einem grellen «Sächsilüüte-Marsch» unbarmherzig untergehen lässt.

Viel Film, keine Durchhänger

Die Texte: genial. Schauspieler: ebenso. Und das Gutzi vom Ganzen: Laurin Buser, der als Vortrabsgeschädigter und später als Wurforange mit seinen ironisch-witzigen Zeilen den Saal zum Rasen bringt – ein Slam-Poet der absoluten Spitzenklasse. Gut auch der Spitzbueb als Bangg mit heissen BVB-Värs. Die Cliquen? – Auch hier: Volltreffer. Ein Knaller nach dem andern. Viel Technik. Viel Film. Alles wunderbar mit Piccolos und Trommeln vermixt. Keine Durchhänger – und überall: Top Quality!

Schon die Drummelschuel der ­Junge Spale setzt gleich zu Beginn mit ihrem «Bolero» die Mess- und Baulatte hoch – da ist nicht nur der «Jöö»-Effekt, wenn die Binggis als Bauarbeiter anwuseln, da sind auch saubere Percussion-Rhythmen und Ravels Töne, die hin und wieder mit ein paar Basler-Takten aus den «Alte» oder dem «Wettstaimarsch» gebrochen werden. Die Rootsheere zeigen und bringen «s neye Glaibasel» am Rhein (und starten mit vier Wirbeln 3-E-Streichen). Auch die Märtplatz entführt uns ans Rheinufer und ihre legendären Waggis setzen zum «Z Basel am mym Rhy» an.

Süsse Guggenmusik und ein Totentanz

Perfekt der Luuser der Giftschnaigge zu Buschs Max-und-Moritz-Streichen, und ganz wunderbar: das Pausenhof-Bild mit den Gnääggis, welche die Trommelrhythmen einer Brimmeli-Retraite auf Sandkästen oder per Gummiballs ­intonieren – von den Muggedätscher grossartig inszeniert. Perfekt dann auch d Ryslaifer des Barbara Club mit wunderbaren Trommel- und Pfeifer-Piani (die neuartige Betonung war ein Genuss!), und ganz im Stile des Rokoko zieht die Lälli eine Spieluhr auf. Und lässt zu dem «Tanzfrangg» zwei Pärchen Contredanse und die Carrés jener Zeit zelebrieren.

Die Gugge Mohrekopf sucht das süsse Glück ihres Namens nicht nur in Laufen, sie bieten mit «Sweet Caroline» auch sonst bissig-dolce Töne, und super schliesslich die Opti-Mischte mit dem heissen «Brantgass-Rag» und einer bis ins letzte Detail durchdachten Strich-Männli-Nummer. Die Pfluderi lässt uns mit einem gespenstischen Totentanz und den Schattenbildern über dem Friedhof zum «Sixtynine» Hühnerhaut über die Rückenpartie wehen.

Die Wiehlmys wiederum treffen am Fasnachtszyschtig auf viele befreundete Zigli (herrliches Münsterplatz-Szenarium) und intonieren mit ihnen den «Arabi» und die Olympia schiesst mit ihrem «Gugol» im ersten Teil den Vogel ab: Sie stellt die kupfernen Kübel einfach hin und mutiert zur Guggemuusig. Dies perfekt. Und mit sichtlichem Genuss. Böse Zungen haben in der anschliessenden Pause gestichelt: «Eigentlich schränzen sie besser, als sie trommeln und pfeifen …» Na ja – der Neid!

Zweite Hälfte: Von Baustelle zu Baustelle – Basel einmal ganz anders
Von Markus Vogt

Nach der Pause übernimmt ­James Bond respektive der Central Club Basel: Auf der Bühne stehen pfeifende und ruessende Bonds, ein goldenes Girl mimt den Tambourmajor, und intoniert wird ein Medley aus fünf Bond-Filmen, «Goldpfyffer und Skydrummler». Ein sehr gefälliger Auftritt, bravo.

Hinein in eine Baustelle, im Hintergrund ist der Hauptteil der Kaserne ­abgerissen, der Blick auf den Rhein frei. Der Pierrot taucht auf und setzt einmal mehr erfolglos zum Prolog an. Die Aagfrässene inszenieren die Geschichte, treten als alte Eidgenossen an, die am Morgarten die Österreicher heimschicken. Herrlich dazu die «Tell-Ouvertüre» aus der gleichnamigen Rossini-Oper – wir hätten noch länger zuhören können.

An der nächsten Baustelle, nun am Claragraben, taucht der weibliche Velokurier auf und gerät an die beiden Bauarbeiter. Was «schaffe» heisst? Sie berichtet von ihrem Tag mit fünf Berufen, nämlich Hausfrau und Mami, Call-Center-Girl, Wetterfee, Trösterin bei der «Dargebotenen Hand» und Putzfrau beim Club de Bâle. Da kommt einiges zusammen, die beiden Bauarbeiter staunen, das Publikum lacht sich schräg.

Einen Wahnsinnsauftritt legen die Basler Bebbi hin – sie schiessen das Comité ins Weltall, weil von der letzten Fasnacht noch eine Rechnung offen ist (wegen der Subvention), und im Multiversum wird abgerechnet. Eine bissige Satire auf die Allgewaltigen im schwarzen Anzug mit Hut. «The Bibbeli strikes back», lautet die Quintessenz. Passend dazu spielt die Clique den «Lucas» – eine «Star Wars»-Adaption von George Lucas. Keine leichte Kost, gut bewältigt. Und nochmals passend: Die alterne Fasnächtlerin sinniert gleich darauf über Männercliquen. Die Bebbi sind ja eine der letzten sieben.

Baustellen-Machos und Zürcher Seitenhiebe

Der Comité-Bangg d Schlyffstai ­begeistert dreistimmig, in den Tonlagen Tenor, Bariton und Bass. Die drei Bänggler nehmen das Baselbiet aufs Korn, verbinden E-Bikes mit Emigranten, besingen die BVB-Wirren und ganz aktuell Putin mit seinen Sotschi-Spielen. Das Publikum klatscht den Takt mit, grosses Kino. Als Big Band füllen die Ohregribler die Bühne und bringen den Ohrwurm «Sugar Baby Love».

Wann ist ein Mann ein Mann? Kein besserer Ort für eine Antwort als die Baustelle. Die Fasnächtlerin und die Zürcherin, zwei alte Freundinnen, gneissen durch ein Guckloch – im Hintergrund wird gerade das Rathaus abgerissen – und löchern die beiden Bauarbeiter, die den Machotarif durch­geben. Wir lachen Tränen und werden zugleich nachdenklich.

Die Wogen glättet darauf die Rätz-Clique mit dem «Spalenberg» – am Spalenberg natürlich, wo sonst. Nur mit Piccolo, die Trommeln blieben zu Hause, wunderschön gepfiffen. Das Ensemble glänzt mit einer Balkonszene, die sich gewaschen hat. Die beiden Ladys von vorher reden vom einen Balkon auf die beiden Bauarbeiter ein, vom anderen Balkon versucht sich wieder der Pierrot mit seinem Prolog. Ziri und das grosse Dorf Basel, das meint, es sei eine Stadt, kommen zur Sprache. Die Zürcher kommen zwar ein bisschen unter die Räder, aber die Bebbi kriegen auch ihr Fett ab.

Vom Innenleben einer Wurforange

Der Dupf-Club präsentiert sich in seinen violetten Pierrots, dem Markenzeichen der Clique, und kredenzt einen wunderbaren «Rossignol». Sie spielen nicht nur, sie schwelgen regelrecht, auch physisch: Sie wiegen im Winde, kippen auf die Seite, drehen sich in Schieflage um die eigene Achse. Auch optisch ein Genuss.

Philosophisch geht es weiter, mit dem Manifest der Orangen. Der Slam-Poet Laurin Buser gibt Einblick in die Gefühlswelt der Orangen. Ein sehr subtiler Auftritt, der schmunzeln lässt, aber auch zum Nachdenken anregt.

Mit dem «Fritzli», einem Marsch, der einst für die Basler Bebbi komponiert wurde, brilliert die Seibi-Clique. Ganz in Weiss, wie Geister, erscheinen sie auf der Bühne. Blitzsauber. Gekonnt die Naarebaschi mit dem «Naareschiff», das sie, als Matrosen, logischerweise am Wasser spielen.

Schliesslich die letzte Baustelle – am Aeschenplatz, im Hintergrund steht nur noch die halbe BaZ. (Diesen Text konnten wir gerade noch rechtzeitig fertigstellen.) Aufräumen, damit die Fasnacht ungehindert stattfinden kann!

Die Verschnuuffer kommen, es ist Morgestraich, und dieser Marsch ertönt – und es wird geblitzt. Die Mahnung, eben das dann am Morgestraich nicht zu tun. Die Verschnuuffer servieren noch einen wunderbaren «San Carlo» und setzen damit den Schlusspunkt hinter ein ganz, ganz tolles Drummeli. (Basler Zeitung)

Erstellt: 24.02.2014, 12:44 Uhr

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7 Kommentare

Bruno Eichin

24.02.2014, 13:16 Uhr
Melden 20 Empfehlung 8

Danke -minu,jetzt ist meine Vorfreude aufs Drummeli no h groesser. Antworten


Dominic Rauch

24.02.2014, 16:15 Uhr
Melden 18 Empfehlung 13

Mir ist absolut nicht klar, warum so über den Bangg Schlyyfstei geschwärmt wird. Mehr als gute Stimmen beim Singen ist da aber auch nicht. Vor lauter schön singen wird die Pointe ganz vergessen. Rsp. es gibt keine. Aber eben es ist ein Comite Bangg und da gibt es keine Kritik, denn das sind die heiligen Kühe unter den Bängglern Antworten



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