Basel
Das Toiletten-Dilemma der Kioskfrauen
Von Joel Gernet. Aktualisiert am 29.08.2011 21 Kommentare
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Höherer Reingewinn im ersten Halbjahr
Kioskbetreiberin Valora hat im ersten Halbjahr 2011 trotz starkem Franken und fehlenden Verkäufen der Fussball-Sammelbilder den Gewinn gehalten: Unter dem Strich bleibt ein Ergebnis von 26,3 Millionen Franken. Das sind 300'000 Franken mehr als in der Vorjahresperiode.
Der Umsatz mit den eigenen Verkaufsstellen und denjenigen von Franchisenehmern stieg um 1,6 Prozent auf rund 1,47 Milliarden Franken. Der eigentliche Umsatz der Gruppe ist hingegen um 2,4 Prozent auf 1,39 Milliarden Franken gesunken, wie Valora am Donnerstag mitteilte.
Bereinigt um die Sondereffekte der fehlenden Einnahmen aus Fussball-Sammelbildern und der Währungseinflüsse stieg der Umsatz (inklusive Franchisenehmer) um 9,3 Prozent, wie es weiter heisst. Die Valora-Führung spricht von einem guten Halbjahresergebnis und hält trotz des stark rückläufigen Pressemarkts und dem starken Franken am Umsatzziel 3,7 Milliarden Franken fest, wie es im Communiqué heisst. sda
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Stellen Sie sich vor, Sie müssen dringend aufs stille Örtchen. Jetzt! Sie können aber erst in ein paar Stunden auf die Toilette. So ergeht es gemäss Aussagen der Gewerkschaft Unia vielen Schweizer Kioskdamen während ihrer Einpersonen-Schicht – auch denjenigen im Basler Einkaufzentrum Stücki. Diese wagen es meist nicht, den Kiosk während ihrer teilweise über neun Stunden langen Schicht zu verlassen. «Aus Angst vor Repressionen», sagt Unia-Gewerkschaftssekretärin Franziska Stier.
Tagsüber sei es den Geschäften im Einkaufszentrum vertraglich untersagt, ihre Läden zu schliessen. Wer seinen Arbeitsplatz trotzdem kurz alleine lässt, riskiert, dass Ware gestohlen wird. Ein Problem, das auch Mitarbeiter anderer Kleingeschäfte im «Stücki» kennen. Stier weiss von einer Verkäuferin, der gekündigt worden sei, weil während eines Toilettengangs Ware weggekommen war.
Kioskbetreiberin bestreitet Vorwürfe
Besonders prekär scheint die Situation bei den Kioskverkäuferinnen zu sein: «Oft wissen sie sich nicht anders zu helfen, als in ein Gefäss zu urinieren oder im noch schlimmeren Fall – in die Hose», schildert Gewerkschafterin Stier. «Basel ist kein Einzelfall», sagt sie, im «Stücki» sei das Toiletten-Problem jedoch besonders gross, weil im weitläufigen Shoppingzentrum die Wege zu den Toiletten besonders lang sind. Auf das Toiletten-Dilemma der Kioskfrauen angesprochen, soll Kioskbetreiberin Valora (VALN 175 -0.28%) gemäss Stier ihren Angestellten entgegnet haben, dass sie weniger trinken sollen.
Von einem Toiletten-Verbot will man bei der Valora allerdings nichts wissen: «Jede Mitarbeiterin kann während ihrer Schicht auf die Toilette gehen. Bei einer Einer-Besetzung kann sie den Kiosk während dieser Zeit kurz schliessen und die nächstgelegene Toilette aufsuchen – wenn dies ordentlich geschieht, kann es auch nicht zu einem Diebstahl kommen während diese Zeit», sagt Valora-Sprecherin Stefania Misteli. Den Vorwurf der «Körperverletzung», wie die Unia die angebliche Verweigerung des WC-Gangs bezeichnet, kann Misteli nicht nachvollziehen.
Auch aus Sicht von «Stücki»-Leiter Jan Tanner steht einer kurzen Toilettenpause der Angestellten nichts im weg: «Selbstverständlich soll jeder aufs WC können – es wäre ja lächerlich, wenn jemand seinen Bedürfnissen nicht nachgehen darf». Tanner bestätigt aber, dass alle Geschäfte im Stücki eine vertraglich festgelegte Betriebspflicht haben. Mit ein wenig Menschenverstand solle es jedoch trotzdem allen möglich sein, auf die Toilette zu gehen – schliesslich habe jedes Geschäft mindestens einen Nachbarn, der auf die Auslage aufpassen könnte. «Und sonst würden wir auch einmal ein Auge zudrücken», sagt Tanner.
Chance oder Selbstausbeutung?
Themenwechsel. «Die Toiletten-Problematik ist allerdings nicht die grösste Sorge der Kioskfrauen», sagt Unia-Gewerkschaftlerin Stier. Weitaus mehr Kopfzerbrechen bereite den Valora-Mitarbeiterinnen nämlich die Umstellung auf das Agentursystem, mit dessen Einführung eine Verschlechterung der arbeitsrechtlichen Situation befürchtet wird. Das Agentursystem soll bis 2015 in einem ersten Schritt in knapp einem Drittel der landesweit rund tausend Valora-Kiosks eingeführt werden (bisher ist das in fünf Filialen in beiden Basel geschehen). Dabei müssen Filialleiterinnen 20'000 Franken aus eigenem Sack in den Kiosk investieren und eine GmbH gründen. Im Gegenzug erhalten sie eine Gewinnbeteiligung. Öffnungszeiten, Preise und das Sortiment werden weitgehend von der Valora bestimmt.
Unia-Gewerkschaftssekretärin Stier vermutet, dass mit dem Agentursystem in erster Linie das Arbeitsrecht ausgehebelt werden soll – und dass der Wechsel die Filialleiterinnen zur Selbstausbeutung treibt. «Wer eine Agentur leitet, verwirkt seinen gesetzlichen Anspruch auf Urlaub, Pause, Mutterschaftsurlaub und wöchentliche Höchstarbeitszeit», schreibt sie in einem Unia-Infoblatt für Kiosk-Mitarbeiterinnen. «Das unternehmerische Risiko wird auf die Agenturleitung abgewälzt, während die Gewinne zu einem grossen Teil bei Valora und ihren Aktionären landen.» Zudem befürchtet Stier, dass sich die Filialleiterinnen in eine zu starke Abhängigkeit zum Mutterkonzern begeben, falls diese ihr Startkapital durch einen Kredit durch die Valora oder die Auflösung ihrer Pensionskasse finanzieren – beides Möglichkeiten, die der Konzern anbiete.
Weniger dramatisch sieht das Valora-Sprecherin Misteli. Auf die Umstellung zur Agentur hätte man von den Filialleiterinnen bisher gutes Feedback erhalten. Zudem gelte für sie der Gesamtarbeitsvertrag nach dem Wechsel ein weiteres Jahr lang, auch habe ein künftiger Agenturleiter kein Interesse daran, die Arbeitsbedingungen seiner Mitarbeiter zu verschlechtern. «Als unternehmerisch denkende Agenturleiter sind sie an motivierten Mitarbeitern interessiert, welche den Kundenservice erhöhen und damit auch Mehrumsatz generieren», sagt Misteli und betont, dass alles auf freiwilliger Basis geschehe. Wenn sich eine Filialleiterin für einen Wechsel bewirbt, erhalte diese ein Agenturangebot.
«Falls sie keine Agentur führen möchte, wird sie im gleichen Kiosk weiterbeschäftigt oder es wird nach einer anderen gleichwertigen Stelle für sie gesucht.» Unia-Gewerkschafterin Stier interpretiert die Situation drastischer: «Wer nicht mitspielt, wird ausgebootet durch Wagemutige, die diesen Schritt gehen wollen.» Anders sieht dies Kioskbetreiberin Valora: «Niemand wird dazu gezwungen. Engagierte und motivierte Mitarbeitende werden unterstützt und professionell begleitet», so Misteli. (baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 29.08.2011, 13:20 Uhr
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21 Kommentare
Sauerei! Klar, der Hauptgewinn für Valora und das Risiko jedwelcher Art den Kioskfrauen. Die Valora fällt schon seit Jahren mit ihrer Sklavenhaltermentalität auf. Und im letzten Abschnitt sieht es nach Valora gut aus. Das sind nur Worte. Es wird gedkündigt und nachher wird zu miserablen Bedingungen, evtl. nur noch für wenige Stunden eingestellt. So spart man viel Geld und die Kioskfrauen verarmen. Antworten
Das Valora-Management benimmt sich einfach unmöglich. Neuerdings werden, um Personalkosten zu sparen, Heftli für Basler Kioske im bulgarischen Sofia sortiert!! So warte ich jetzt also seit drei Wochen auf ein Magazin aus England, das via Sofia offenbar nicht mehr geliefert werden kann oder dort verloren gegangen ist. Bisher lag es pünktlich einmal im Monat für mich am Kiosk bereit Antworten
Basel
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