Basel

«Das ist eine absolute Bankrotterklärung»

Von Raphael Suter. Aktualisiert am 28.08.2012 40 Kommentare

An der Uni Basel fällt das Lateinobligatorium für das Geschichtsstudium weg. Museumsdirektor Peter Blome ist erschüttert.

Museumsdirektor Peter Blome kann nicht verstehen, wie man die Fächer Geschichte und Kunstgeschichte ohne Latein ernsthaft studieren soll.

Museumsdirektor Peter Blome kann nicht verstehen, wie man die Fächer Geschichte und Kunstgeschichte ohne Latein ernsthaft studieren soll.
Bild: Keystone

Peter Blome ist erschüttert. (Bild: Bettina Matthiessen)

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An der Uni Basel fällt das Lateinobligatorium für das Geschichtsstudium. Bedauern Sie das Verschwinden von Latein an der Uni?

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Nach Griechisch verliert nun auch Latein immer mehr an Bedeutung. An der Universität Basel ist Latein nur noch für vereinzelte Studienrichtungen eine Voraussetzung. Für Geschichte und Kunstgeschichte ist die alte Sprache nur noch erwünscht, nicht aber Bedingung bei einem Masterstudiengang. Daran stört sich der Direktor des Antikenmuseums Basel und der Sammlung Ludwig, Peter Blome, gewaltig.

Ab dem Herbstsemester ist Latein für das Masterstudium in Geschichte und Kunstgeschichte an der Universität Basel nicht mehr obligatorisch. Wie ist dieser Entscheid in der Humanistenstadt Basel zu werten?
Das ist eine absolute Bankrotterklärung. Man kann auch sagen, es handle sich um eine Amputation am kulturellen Körper von Europa. Ich kann nicht verstehen, wie man die Fächer Geschichte und Kunstgeschichte ernsthaft studieren soll, wenn der Strang in die Vergangenheit, den Latein darstellt, so einfach gekappt wird. Ich bin erschüttert.

Wo liegt denn Ihrer Meinung nach das Problem?
Das rückläufige Interesse am Latein hat am Gymasium seinen Anfang genommen. Dass es in Basel kein humanistisches Gymnasium mit Lateinobligatorium gibt, bedeutete den Todes­stoss für Latein an den Schulen. Wenn ich aber nach Deutschland schaue, sehe ich, dass dort das Latein blüht und es weiterhin Gymnasien mit einem Lateinobligatorium gibt. Von diesen Schulen kommen Studierende, die Latein sehr gut beherrschen und für ihr Studium auch nutzen können. Bei uns fällt das weg und führt dann zu fatalen Entwicklungen wie jetzt eben der Wegfall bei den ­Fächern Geschichte und Kunstgeschichte.

Wird das mangelnde Latein-Interesse an den Gymnasien herbeigeredet? Oder müsste man nicht einfach stärker den Nutzen und den Wert dieser Sprache hervorheben?
Ganz klar. Sobald etwas fakultativ ist, macht der Normalschüler um ein solches Fach einen grossen Bogen. Wenn es zumindest an einem Gymnasium noch ein Lateinobligatorium gäbe, würde das auch ohne Murren akzeptiert und gelernt. Die meisten, die Lateinisch gelernt haben, sind dafür ein Leben lang dankbar. Ich erinnere nur daran, dass die Nomenklatur in der Medizin halb griechisch, halb lateinisch ist. Die Lingua franca, nicht nur im Imperium Romanum, sondern auch im Mittelalter, der Renaissance, im Barock und bis ins 18., 19. Jahrhundert war Latein. Und geschrieben wurde sowieso weniger in Althochdeutsch und Gotisch, sondern eben in Latein. Latein ist eben mehr als einige Vokabeln oder eine alte tote Sprache. Latein ist das Fundament unseres europäischen Erbes. Das Imperium Romanum hat nicht nur nicht weit weg von uns stattgefunden, sondern ist hier in Helvetien, in Augusta Raurica, in Vindonissa oder Aventicum bis heute präsent und ein integrativer Teil unserer eigenen Kultur. Wenn solche Geschichts- und Kulturstränge durchschnitten werden, und dies gerade bei Leuten, die sich beruflich als Geschichtslehrer oder Kunsthistoriker betätigen sollen, ist dies schlichtweg nicht nachvollziehbar und skandalös.

Wird Latein bald zu einer exotischen toten Sprache, die nur noch wenige interessiert, wie das auch beim Altgriechischen der Fall ist?
Ich befürchte das. Zumindest in Basel müssen wir mit dieser Entwicklung rechnen. Dass es auch anders geht, zeigt das Hebelgymnasium in Lörr­ach, wo Latein nach wie vor obligatorisch ist und sich dort gerade deshalb jedes Jahr mehr Schüler anmelden. Sie alle wollen Latein obligatorisch lernen.

Gibt es Kreise, die sich gegen diese Entwicklung zur Wehr setzen?
Wir haben hier im Antikenmuseum vor gut einem Jahr einen Abend durchgeführt, wo am Latein interessierte Kreise zusammengekommen sind. Die Resonanz war sehr gross. Professor Rudolf Wachter zum Beispiel ist ein grosser Kämpfer für Latein und kann den Wert dieser Sprache auch sehr gut darstellen. Es gibt schon noch Kreise, und ich selber zähle mich auch dazu, die im Latein einen elementaren Wert sehen.

Wie kann die Werbung für Latein verbessert werden?
Das ist schwierig. Solange die Lehrpläne an den Schulen so sind, wie sie sind, wird es schwierig sein, für Latein genügend Begeisterung zu wecken. Bei einem Obligatorium wäre das anders, aber so sagen die meisten Nein, wenn sie vielleicht dafür auf Französisch verzichten müssten. Mit dem jüngsten Beschluss, bei den Fächern Geschichte und Kunstgeschichte auf Latein zu verzichten, ist ein neuer Tiefpunkt in dieser traurigen Entwicklung erreicht.

Diese Entwicklung machen aber nicht alle Universitäten mit. Zürich beispielsweise setzt nach wie vor auf Latein. Wenn jetzt die Hürden in Basel runtergesetzt werden, leidet da nicht die Qualität einer Universität?
Ich kann Zürich nur zu dieser Haltung gratulieren. Ich denke, man sollte eine Universität nicht durch Absenken der Anforderungen einfacher zugänglich machen. Das ist wie bei den Museen mit den Besucherzahlen. Die sind zwar wichtig, aber nicht das einzige Kriterium. Man darf das Niveau einer Ausstellung nicht so weit senken, dass sie alle interessiert. So muss es auch an der Uni sein. Und ebenfalls am Gymnasium. Der neue ETH-Rektor hat ja erst kürzlich expressis verbis gesagt, dass die Qualität an den Gymnasien als Vorstufe zum Studium besser werden soll. Der jüngste Beschluss der Universität Basel, über den wir hier nun diskutieren, ist ein ausgesprochen schlechtes Beispiel für die Profilierung einer historischen Fakultät, die zu einer Qualitätssteigerung führen soll. Ich meine, das Gegenteil ist der Fall. (Basler Zeitung)

Erstellt: 28.08.2012, 07:47 Uhr

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40 Kommentare

John Peer

28.08.2012, 08:01 Uhr
Melden 63 Empfehlung 0

Aus Angst, elitär zu sein, aus politisch korrekter Gleichmacherei und wohl auch aus finanziellen Erwägungen wird das Hochschulsystem verwässert, banalisiert und im Endeffekt bedeutungslos gemacht. Gerade in einer Stadt wie Basel mit ihrer humanistischen Tradition sollten die McDonaldisierung der Bildung kritisch beäugt werden. Für mich ein Argument gegen staatlichen Einfluss in der Bildung. Antworten


Christian Merz

28.08.2012, 08:19 Uhr
Melden 53 Empfehlung 0

Ich wählte einst Latein,nicht aus Berechnung,sondern weil ich mit 15 fühlte,dass diese Sprache der Grund aller Hochkultur ist.Ich hatte einen Lehrer,der einen diese Sprache nicht nur mit Samthandschuhen beibrachte.Doch der Gewinn der Bemühungen ist ein lebenslänglicher,man schaut in tiefere Schichten unserer Kulturentwicklung,versteht die Sprachen in ihrer Urstruktur,es ist Menschenbildung per se. Antworten



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