Basel
Den Abfallsündern auf der Spur
Von David Weber. Aktualisiert am 03.08.2011 38 Kommentare
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Sie machen sich in ihrem Job wenig Freunde, die beiden Abfalldetektive des Amts für Umwelt und Energie (AUE). Deshalb werden ihre Identitäten hier nicht verraten. Vor unangenehmen Begegnungen sind sie auch so nicht gefeit. Doch dazu später.
An diesem trüben Freitagmorgen steuern die beiden Abfalldetektive – nennen wir sie Mauro und Sascha, beide um die 40 – mit ihrem orange-silbernen Pritschenwagen als erste Station die Wanderstrasse an. Vier Metallstühle und ein Esstisch stehen auf dem Trottoir. Den Zettel «Gratis zum Mitnehmen» reisst Sascha weg. Das sei nur dann erlaubt, wenn die Möbel auf dem Privatgrundstück abgestellt werden. Die Abfalldetektive klingeln sich durch die Namen des Hauses. Eine Frau in den Zwanzigern mit verstrubbelten Haaren öffnet schlaftrunken die Tür. «Amt für Umwelt und Energie», sagt Sascha, ein Mann mit kräftiger Statur. «Die Möbel da draussen, wissen sie, wem sie gehören?» Sie weiss es nicht. «Ist jemand im Haus ausgezogen?», hakt Sascha nach. «Ja, im zweiten Stock», sagt die Frau und schliesst die Tür. Im zweiten Stock ist, wie zu erwarten war, niemand anzutreffen. Sascha und Mauro machen sich Notizen. Später im Büro werden sie nachschauen, wer dort im zweiten Stock gewohnt hat. Seit einigen Monaten haben die Abfalldetektive Zugriff auf die Datenbank der Einwohnerkontrolle. Umgezogene aufzuspüren ist somit ein Leichtes.
Unangenehme Begegnungen
Nächste Station: Hegenheimerstrasse. Dort steht eine Wickelkommode vor drei Wohnblöcken mit geschätzten 150 Parteien. «Keine Chance, den Urheber zu ermitteln», sagt Mauro, der mit Cap, Kapuzenpulli und Turnschuhen auf Tour geht. Die Wickelkommode wird die Stadtreinigung bei ihrer nächsten Runde mitnehmen. Sascha und Mauro planen ihre Tour anhand einer Liste, die ihnen die Disposition der Müllabfuhr schickt. Darauf sind Standort, Art des Abfalls und Gewicht vermerkt. Hinzu kommen Meldungen von Anwohnern, rund fünf bis zehn pro Tag. Das ergibt rund zwanzig bis dreissig Stationen.
Normalerweise sind die Detektive getrennt unterwegs. Dann gehe er selten in die Häuser, um die Nachbarschaft zu befragen, sagt Mauro, der seit fünf Jahren als Abfalldetektiv arbeitet. «Man weiss nie, auf wen man trifft.» In einem Wohnhaus an der Mittleren Strasse begegnete er einmal im Treppenhaus einem Mann auf Drogen. Vermutlich der Abfallsünder selbst. Dieser versperrte ihm den Weg und zog ein Messer. Mauro gelang es, den Mann zu beruhigen – später meldete er den Fall der Polizei.
Aber auch am Arbeitsplatz der Detektive kann es unangenehm werden. Nicht nur, weil sich die erwischten Abfallsünder telefonisch beschweren. Manchmal kommen sie auch vorbei und wollen die Beweise sehen. Ein Mann schmiss letztes Jahr alles durchs Büro, was er zu fassen kriegte. Ein anderer kreuzte mit zwei Cousins auf und bedrohte die Abfalldetektive. Der Kurs «Umgang mit schwieriger Kundschaft» – den auch Betreibungsbeamte absolvieren – ist für Abfalldetektive Pflicht.
Zu Beginn hatte Mauro Mühe. Bis er realisierte, dass sich die Anfeindungen nicht gegen ihn persönlich, sondern gegen den Staat richteten. Noch hat Mauro Spass an seiner Arbeit, die immer wieder skurrile Situationen mit sich bringt. Einmal bot ihm ein Puffbesitzer die Dienste einer seiner Frauen an, wenn er ein Auge zudrücken würde. Mauro blieb unbestechlich.
Ein bisschen wie Sherlock Holmes
«Für diesen Job musst du Ruhe mitbringen», sagt Sascha. «Wenn der andere schreit, bringt es nichts, wenn du auch zu schreien anfängst.» Seit das AUE Anfang Jahr auf zwei Abfalldetektive aufstockte, arbeitet Sascha hier. Vorher war er Fahrer bei der Müllabfuhr. Die «Sherlock-Holmes-Komponente» des neuen Jobs gefällt ihm. Manchmal verschwinden die gemeldeten Abfälle von selbst. Nicht so in der Landskronstrasse. Dort stehen Schrankteile und rote Sofapolster auf dem Trottoir. Mauro kontaktiert die Liegenschaftsverwaltung. Sie weiss, wer gerade ausgezogen ist, und verspricht, sich darum zu kümmern. Damit ist der Fall für die Abfalldetektive erledigt.
An der Hammerstrasse findet Sascha in einem Müllsack Dokumente mit Namen und Anschrift einer Anwohnerin. «Schreiben, 200», sagt Mauro. Wenn die Frau mit ausländischem Namen die Rechnung anfechten möchte, kann sie eine Verfügung verlangen. Das wäre allerdings aussichtslos, sagt Sascha. «Die Beweise sind klar.» Zum Schluss fahren die beiden Abfalldetektive in die Kehrichtverbrennungsanlage. Dort «schlitzen» sie – wie Sascha es nennt – die eingesammelten Müllsäcke mit einem schwarzen Rüstmesser. Auch zu früh bereitgestellte Bebbi-Säcke sind darunter.
Bierdosen, Kaffeesatz oder fauliges Gemüse quellen hervor, und nicht selten auch Papier. Sascha findet Bankauszüge, Verkehrsbussen oder die Erneuerung einer Aufenthaltsbewilligung. Zurück im Büro, schreiben die Detektive die Gebührenbriefe. Sollte sich jemand beschweren, liegen in einer Plastikablage, der «Asservatenkammer» der Abfalldetektive, die säuerlich riechenden Beweismittel in Klarsichtmäppchen griffbereit. (Basler Zeitung)
Erstellt: 03.08.2011, 19:54 Uhr
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38 Kommentare
Für Müllsünder, Falschparkierer, Steuern-zu-spät-Zahler, mit-abgelaufener-ID-reisende-CH-Bürger etc ist ein perfektes Sanktionsregime aufgebaut, es wird mit Kanonen geschossen. Und die wichtigen Probleme im Land wie Wirtschaftsbetrüger, drogendealende Asylanten, Hängematten-Sozialfälle, Mafia-Expansion Gefängnis-Ferienlager-Ausbrecher etc bleiben ungeahndet. CH = technokratisierte Bananenrepublik Antworten
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