Basel

«Der Eingriff darf einfach nicht zu massiv sein»

Von Markus Vogt. Aktualisiert am 15.02.2012 23 Kommentare

Kantonsbaumeister Fritz Schumacher äussert sich zur Kaserne und zu den Möglichkeiten eines Architekturwettbewerbs. Dabei kritisiert er das Bild eines malträtierten Areals, welches vom Öffnungs-Initiativkomitee gezeigt wurde.

Bedroht. Der markante Kasernenbau am Kleinbasler Rheinufer prägt das Stadtbild. Eine Initiative fordert eine grosszügige Öffnung gegen den Rhein. Das Basel Tattoo sieht seine Kulisse in Gefahr.

Bedroht. Der markante Kasernenbau am Kleinbasler Rheinufer prägt das Stadtbild. Eine Initiative fordert eine grosszügige Öffnung gegen den Rhein. Das Basel Tattoo sieht seine Kulisse in Gefahr.
Bild: Mischa Christen

Infobox

Referendum steht noch im Raum

Die Kaserne am Kleinbasler Rheinufer wurde von Johann Jakob Stehlin dem Jüngeren erbaut (1860–63). Bis 1966 diente der markante Bau der Armee. Er erhebt sich an der Stelle des Konventgebäudes des alten Klosters und steht nicht unter Denkmalschutz; geschützt ist nur die Klingentalkirche. Die Absicht, die Kaserne gegen den Rhein hin zu öffnen, wie dies eine Initiative verlangt, kommt nicht überall gut an. Erik Julliard, der CEO des Basel Tattoo, hat schon mit einem Referendum gedroht. Der Basler Heimatschutz, die Freiwillige Denkmalpflege und die Tattoo-Organisation wollen heute ihre Haltung zur Kaserne darlegen. mv

Kantonsbaumeister Fritz Schumacher (Bild: Elena Monti)

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Die Kaserne soll gegen den Rhein hin geöffnet werden, verlangt eine Initiative. Der Grosse Rat hat vor einer Woche grünes Licht zu einer schmalen Öffnung gegeben, aber auch beschlossen, einen Architekturwettbewerb zum Ziel der Initiative durchzuführen. Kantonsbaumeister Fritz Schumacher erläutert, welche Veränderungen möglich sind.

Herr Schumacher, wie lange steht die Kaserne noch?
Fritz Schumacher: Sie wird noch lange Zeit stehen. Es müssten sich schon grosse Veränderungen in der Stadtentwicklung ergeben – architektonisch, städtebaulich, stadtplanerisch – bis diese Kaserne zur Disposition stehen würde.

Jetzt passt sie demnach immer noch gut ins Stadtbild?
Die Kaserne hat eine grosse Bedeutung für das Stadtbild. Sie manifestiert einen Zeitabschnitt in der Stadtentwicklung, der deutlich lesbar wird durch die Kaserne. Als ehemaliges militärisches Gebäude hat sie einen hohen Zeugniswert. Dieser ist nicht zu unterschätzen, wenn man an die Frage geht, wie weit man die Veränderung der Substanz rechtfertigen kann.

Eine Veränderung wird es geben, nachdem der Grosse Rat beschlossen hat, die Möglichkeiten für eine Öffnung zum Rhein zu prüfen.

Die Diskussion im Parlament hat gezeigt, dass die Absichten der Bau- und Raumplanungskommission (BRK), mit einem Wettbewerb eine Öffnung anzustreben, nicht nur Freunde hat. Erik Julliard vom Basel Tattoo hat moniert, dass die Kulisse für seinen Anlass bedroht sei und er deshalb das Ergreifen des Referendums prüft. Die Referendumsfrist läuft noch.

Sind Sie denn im Gespräch mit den Organisatoren des Tattoo? Sie stehen ja auch in Kontakt mit dem Initiativkomitee, das die Öffnung der Kaserne gegen den Rhein hin verlangt.
Mit Herrn Julliard habe ich noch nie über dieses Thema geredet. Ein solches Gespräch findet wohl eher auf der Ebene Politik statt. Mit dem Initiativkomitee sind wir in Kontakt via die BRK. Dort wurde, auch auf Anregung der Regierung, eine Diskussion begonnen zur Frage, wie man die Anliegen der zustande gekommenen Initiative, die ja noch weiter gehen als die Beschlüsse des Grossen Rates, umsetzen kann. Dabei ist das von den Initianten gezeigte Bild einer teilweise abgebrochenen Kaserne für eine sachliche Diskussion nicht dienlich.

Warum?
Zur Verdeutlichung des Themas mag dieses Bild dienen, aber kein ernsthafter Architekt würde sich je überlegen, die Kaserne als Ensemble, als Ganzes so zu malträtieren und einen Teil hinauszuschneiden. Ich bin sehr unglücklich, dass dieses Bild immer noch besteht und dass sich die Initianten nicht deutlich davon distanziert haben. Das ist eine unnötige Konfrontation mit einem grossen Teil der Bevölkerung, dem die Kaserne etwas bedeutet.

Verstehe ich Sie richtig: Die Kaserne soll also gar keine grosse Veränderung erfahren?
Wenn ich morgen beginnen und die Wettbewerbsaufgabe formulieren müsste, wären als Erstes die grossen Rahmenbedingungen zu klären. Zunächst müsste ich sicher festhalten, dass die Kontur, die volumetrische Präsenz des Kasernen-Hauptbaus nicht infrage gestellt ist. Das ist eine ganz klare Haltung, auch gegenüber dem vorhin erwähnten Bild; dieses ist unbrauchbar, vielleicht ein Jux, mit dem man Leute zum Unterschreiben der Initiative bringen kann. Das Bild ist aber unbrauchbar und nicht zielführend. Und wenn wir nochmals an den Zeugniswert denken: Es besteht kein Anlass, das Gebäude in seiner heutigen Gesamterscheinung, in seiner Volumetrie, seiner Enveloppe infrage zu stellen. Das wäre die erste Rahmenbedingung, die ich in diesem Wettbewerb als Ausgangslage anbringen würde. Danach stellt sich die Frage, wie man die Erfüllung des Grossratsbeschlusses formuliert. Es geht ja darum, grosszügige Durchgänge zu schaffen. Solche Durchgänge müssen, das sei klar festgehalten, in Übereinstimmung stehen zur baulich-statischen Struktur dieses Gebäudes. Keinen Sinn machen Eingriffe, bei denen Gewaltübungen nötig werden, um beispielsweise das Gebäude zu stützen oder abzufangen.

Was ist denn gefragt?
Man muss mit dem Gebäude arbeiten, mit dessen Struktur. Der Bau hat keine einfache Struktur, es handelt sich um eine Mischbauweise aus Backstein, Holz und Eisenträgern. Das erfordert gute Kenntnis der Statik. Als Zweites muss der Durchgang respektive die Öffnung die Nutzungsänderung unterstützen. 2015 steht das Gebäude leer, dann sind die Schulen ausgezogen. Wir haben die Aufgabe, bis nach den Sommerferien zu definieren, in welche Richtung eine Nachnutzung gehen soll. Zum Zeitpunkt des Wettbewerbs kann noch kein exaktes Raumprogramm vorliegen. Man kann sich also noch nicht festlegen, ob es um ein Hotel, um Kreativ-, Ausstellungs-, oder Kulturräume gehen wird.

Welche Nutzungsmöglichkeiten sehen Sie denn?
Akzeptiert werden muss, dass dieses Gebäude gewisse Dinge kann und andere nicht. Zum Beispiel wäre es ein völlig falscher Ansatz, in diesem Gebäude grossräumige Säle einbauen zu wollen. Es gilt vielmehr, mit der vorhandenen Statik-Struktur zu arbeiten. Das wird uns auch leiten, wenn wir den Architekten für den Wettbewerb ein Nutzungsspektrum zur Aufgabe geben. Der Durchgang, die Öffnung muss korrespondieren mit der neuen Nutzung, muss dazu einen Beitrag leisten. Erst dann macht eine Öffnung Sinn. Die grosse Diskussion, die etwas überhitzt läuft, ist die Frage, wie stark das heutige System des Inneren und Äusseren der Kaserne verändert wird.

Was ist das Problem?
Das hat mit der Grundtypologie des Gebäudes zu tun. Die Kaserne ist in einer fast mittelalterlichen Art ein Wehrgebäude mit einem kontrollierten Zugang. Darum hat das Gebäude auch nie eine offene Struktur zur Stadt entwickelt, sondern hat immer ein Innen und ein Aussen abgebildet. Das muss erhalten werden. Das ist nicht nur typologisch richtig für das Kasernen-Ensemble, sondern auch in Bezug auf die heutige Stadtqualität. Aus meiner Optik ist es viel wertvoller, wenn man ein klares Aussen und ein klares Innen sowie ein klares Verbindungselement hat. Denken Sie nochmals an das Bild, bei dem fast alles weggenommen wird: Das Risiko, dass die heutige Qualität, die klare Zuordnung verloren geht, wäre zu gross. Eine Öffnung oder ein Durchgang müsste berücksichtigen, dass diese Qualität erhalten bleibt.

Diese Haltung kommt dem Basel Tattoo entgegen.
Ja. Stellen Sie sich vor, Sie hätten freien Blick über den Rhein hinweg, es wäre alles offen: Dann wäre das Tattoo wahrscheinlich nicht mehr dort. Viele Nutzer, nicht nur das Tattoo, spielen mit dem Spannungsfeld von Innen und Aussen. Dass die heutige Platzgestaltung verbesserungswürdig ist, bleibt unbestritten.

Was heisst das für den Wettbewerb?
Die städtebauliche Figur ist ganz wichtig, sie muss erhalten bleiben. Trotzdem lässt sich das Postulat der Öffnung in einer hohen Qualität herstellen. In einer ersten Skizze für den Wettbewerb würden wir wohl zunächst festhalten müssen, was nicht gemacht werden darf, wenn man das Gebäude nicht kaputt machen will. Man soll vielmehr das Gebäude in seiner Qualität unterstützen und die zukünftige Nutzungen schon in der Frage des Durchgangs integrieren.

Sie glauben also, dass eine bauliche Veränderung an der Kaserne möglich ist, ohne dass das Tattoo respektive die Tattoo-Kulisse Schaden nimmt?
Genau. Ich würde sogar einen Schritt weiter gehen und die Perimeter der Veränderungen im Wettbewerb aufzeigen. Zum Beispiel: Die beiden Turm-Eckgebäude dürften nicht tangiert sein. In diesen Bereichen Öffnungen vorzunehmen, wäre ein grosser architektonischer Fehler. Was die Höhe angeht: Es wäre ausserordentlich heikel, über das Erdgeschoss hinaus zu gehen. Ich sehe einen Perimeter zwischen den Türmen und nicht über das Erdgeschoss hinaus, von der Innenseite her gesehen. Im Aussenbereich gegen den Rhein hin könnte man etwas offener sein, weil es dort einen Niveausprung gibt; gegen den Rhein ist man fast ein Geschoss tiefer. Ich sage dies nicht aus Misstrauen gegenüber den Architekten, sondern verstehe dies eher als Hilfestellung bei der Aufgabe. Der Eingriff darf ganz einfach nicht zu massiv sein.

Wie wird der Architekturwettbewerb ausgelegt sein?
Ob es ein offener Wettbewerb oder einer auf Einladung sein wird, ist noch nicht entschieden. Ich kann mir vorstellen, dass ein offen ausgeschriebener Wettbewerb für viele Basler Architekten interessant wäre. Vielleicht ist eine offene Ausschreibung und eine Präqualifikation angesagt, um eine grosse Anzahl Teilnehmer zu motivieren. Weniger als 20 Vorschläge sollte man nicht anstreben.

Wie sieht der Zeitplan aus?
Das hängt davon ab, ob das Referendum ergriffen wird. Wenn Ja, müssen wir abwarten. Gibt es keines, werden wir zügig das Wettbewerbsprogramm vorbereiten, damit der Wettbewerb gegen Ende 2012 starten kann. Im Sommer 2013 könnte eine Jury, vielleicht unter Mitwirkung von Erik Julliard und weiteren Vertretern der Kasernennutzer und des Quartiers, die Vorschläge bewerten. Danach müsste der Baukredit ausgearbeitet werden. Sollte eine Volksabstimmung dazwischenkommen, müssten wir eine nochmalige Zwischennutzung der Kaserne ins Auge fassen.

Mit welchen Kosten rechnen Sie?
Das ist heute noch völlig offen. Aber ganz vorsichtig geschätzt dürfte es sich um einen eher niedrigen zweistelligen Millionenbetrag handeln, der für die Sanierung und Nachnutzung der Kaserne nötig sein wird.

(Basler Zeitung)

Erstellt: 15.02.2012, 10:34 Uhr

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23 Kommentare

Pierre A. Sobol

15.02.2012, 10:44 Uhr
Melden 12 Empfehlung

Der Eingriff darf nicht nur nicht massiv sein; er darf gar nicht sein! Für jedes abzureissende Einfamilienhaus im Hegenheimerquartier wird ein Geschrei laut. Und der Abriss eines historischen Gebäudes wird zugelassen. Was passiert eigentlich in unserer Stadt? Antworten


Tom Schneider

15.02.2012, 11:54 Uhr
Melden 11 Empfehlung

Kurz und bündig: Danke für diese sachlichen Ausführungen! Antworten



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