Basel

Der Friedhof der Visionen

Von Patrick Marcolli. Aktualisiert am 12.02.2012 65 Kommentare

Basler Kleinmut verhindert immer wieder grosszügige und mutige Projekte. Auch Star-Architekten wie Santiago Calatrava oder Zaha Hadid vermochten Verhinderer nicht zu überzeugen.

1/5 Umstritten: Im April 1988 lässt ein privates Basler Komitee vom spanischen Architekten und Ingenieur Santiago Calatrava das Modell einer neuen Wettsteinbrücke entwerfen (Bild). Es folgt eine lange und heftig geführte Debatte im Stadtkanton. Mit 53 Prozent der Stimmen entscheidet sich der basel-städtische Souverän im Mai 1990 schliesslich für das offizielle Projekt der Architekten Bischoff & Rüegg, das später auch gebaut wird. Aus heutiger Sicht erscheint Calatravas Entwurf zurückhaltend, und man darf bezweifeln, ob er überhaupt noch polarisieren würde. map
Bild: Kurt Wyss

   

Ein Loch als Durchbruch? Die Stadt Basel erlebt am Beispiel der Kaserne wieder einmal, worum in der alten Stadt städtebaulich allerhöchstens gerungen werden kann: um den kleinsten gemeinsamen Nenner. Das ist in diesem Fall ein – wie auch immer gearteter – Durchbruch im Kopfbau der Kaserne. Ein Loch. Auch wenn diese frivole, überaus gewagte Idee einst in die Realität umgesetzt wird: Freie Sicht aufs Mittelmeer wird Basel deswegen nicht haben. Es wäre bloss ein ganz kleines Zeichen gegen das 19. und für das 21. Jahrhundert. Oranger Wickelfisch erobert altes Armeeterrain: Wir könnten vom ehemaligen Exerzierhof aus ein Stück Rhein sehen und das mediterrane Lebensgefühl am Ufer erahnen. Doch bis dahin, machen wir uns keine Illusionen, wird noch viel Wasser den Bach hinuntergeflossen sein.

Eigentlich läuft die Diskussion jetzt schon völlig falsch. Denn der angestrebte Durchbruch des Kopfbaus, so sehr sich Architekten auch abmühen werden, wird dieses Bauwerk in seiner gesamten Gestalt zerstören. Integral stehen lassen oder ganz niederreissen – darum müsste sich die Debatte drehen. Völlig absurd ist es aber, mit einer kommerziellen und noch recht neuen Veranstaltung wie dem «Tattoo» zu argumentieren: Wer eine Kulisse braucht, wovor Uniformierte ein paar Tage im Jahr paradieren und musizieren können, soll sich in einem Do it yourself auf dem Dreispitz einige Kübel Kleister kaufen, den Kasernen-Kopfbau aus Papiermaché nachbauen und ein paar talentierte Laternenmaler mit viel Farbe ans Werk lassen. Und fertig ist die Illusion.

Eine Nummer kleiner

Wo sind wir denn eigentlich? Ja, in Basel. In dieser sich gerne weltoffen gebenden Stadt, wo in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts jene Stadtmauern geschleift wurden, die bis heute jedoch in vielen Köpfen vorhanden scheinen. Erhalt oder Loch? Diese Frage steht stellvertretend für andere städtebauliche Debatten der vergangenen Jahre.

Will die Stadt einen baulichen Akzent setzen, wird es meist politisch heikel. Besonders in der Kernstadt. Die ehemalige Baudirektorin Barbara Schneider kann ein Lied davon singen. In ihre Zeit fiel das Projekt eines neuen Stadtcasinos. Das Projekt von Architektin Zaha Hadid scheiterte an der Urne ebenso grandios, wie das Gebäude auf den vielen Computergrafiken präsentiert wurde. Zu gross und voluminös, sagten nach der Niederlage achselzuckend sogar die Befürworter, sei der Bau gewesen. Die Gegner hatten ebenso argumentiert. Es bleibt der Stadt noch über Jahre ein nutzungstechnischer Flickenteppich in einem architektonisch sehr, sehr unanspruchsvollen Gebäude.

Geht es vielleicht eine Nummer kleiner? Eher auch nicht. Zu Beginn ihrer Amtszeit war Baudirektorin Schneider sehr mutig gewesen. Sie hatte mit dem verwegenen Gedanken gespielt, sich den eigentümlichen Raum, der Theaterplatz genannt wird, bebaut zu denken – mit einem neuen Schauspielhaus. Die Argumente dagegen waren schlagend: Wo werden wir in Zukunft über Mittag unsere Sandwiches verspeisen können? Was geschieht mit den armen Bäumen, die dort stehen? Das Projekt war tot, ehe es über den Status der Visualisierung hinauswachsen und der Souverän darüber befinden konnte. Und, schwupps, in die Schublade damit. Viel opportuner schien es, das neue Schauspielhaus brav in eine bestehende Häuserzeile hinein zu bauen. Mit den bekannten Folgen: Kaum jemand weiss, wo und was gespielt wird.

Atemberaubendes Argument

Setzen wir den kleinen Stadtspaziergang der gescheiterten Ideen fort, treffen wir etwas weiter Richtung Süden auf den schönsten Platz Basels, die Heuwaage. Ein Multiplex-Kino hätte einst dort gebaut werden sollen. Die Basler wollten sich diesen Anblick ersparen und lieber weiter den Blick auf die Teerwüste geniessen. Ein Gebäude an dieser Stelle hätte sich ausserdem sehr nachteilig auf die Durchlüftung der Steinenvorstadt ausgewirkt – kann sich noch jemand an dieses atemberaubende Argument der Gegner erinnern?

Wir holen tief Luft und marschieren zum Rhein. Statt einer filigranen Brücke aus der Hand von Santiago Calatrava ziert seit einigen Jahren eine konstruktiv banale Flussüberquerung die Stadtansicht. In einer Hinsicht ist sie aber eine Besonderheit: Als einzige Brücke der Welt macht sie sich nicht visuell, sondern akustisch bemerkbar und vibriert immer dann, wenn ein Drämmli darüberrattert. Ein grandioser Wurf! Auf den Rheinuferweg zwischen Wettsteinbrücke und Mittlerer Brücke warten wir übrigens bis heute noch. Doch wir sind hier eben am Heiligen Berg der Stadt angelagt, dem Münsterhügel. Hier ist alles sakrosankt.

Der neue Dachaufbau des Museums der Kulturen zeigt die Zerrissenheit der Stadt, wenn es darum geht, an diesem Ort etwas Neues zu bauen: Man hat sich zwar getraut, aber doch nicht so recht. Herausgekommen ist ein eigenartiger Hybrid, der dereinst sein ideelles Pendant in einem Loch in der Kaserne finden könnte.

Aber wir wollen nun nicht nur schwarzmalen. Natürlich gibt es auch herausragende Beispiele dafür, dass sich Basel den Titel Architekturstadt redlich verdient. Grandios zum Beispiel, welche Gebäude sich an der Spitalstrasse aneinanderreihen. Angefangen vom alten, perfekt restaurierten Klinikum 1 bis hin zum neuen universitären Kinderspital. Erkennen wir hier nicht ein Muster für Bauten auf öffentlichem Grund? Gute, spannende Architektur für sogenannte Nice to haves, also auf den ersten Blick nicht überlebenswichtige Dinge wie die Kultur, hat es besonders schwer. Sobald es um Leben und Tod geht, ist die schöne Hülle nicht bestritten. Dies ist durchaus auch im übertragenen Sinn gemeint: Stehen scheinbar vitale wirtschaftliche Interessen auf dem Spiel, nimmt man sogar den Verlust von ein paar Quadratmetern öffentlichen Grunds in Kauf. Zähneknirschend zwar, wie beim neuen Messezentrum. Erhält man die schöne Hülle für die Kultur von einer Mäzenin zum Geschenk, hat man auch nichts dagegen, und ein Erweiterungsbau für das Kunstmuseum wird in Windeseile durch die politischen Instanzen gepeitscht.

Apropos vitale Interessen. Einen Friedhof der Visionen finden wir bei Bauvorhaben von Basler Unternehmen eigentlich nicht – ausser, die Konzerne hätten ein Projekt selbst zu Grabe getragen. Wie es zum Beispiel die Roche mit ihrer ersten, viel spannenderen Version des neuen Turms getan hat.

Ein Systemwechsel

Was ist es denn, das Projekte im öffentlichen Raum so gefährdet? Die Ängste vor dem Neuen sind historisch gut begründbar: Die Hochkonjunktur in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat in dieser Stadt baulich unglaublich viel kaputt gemacht. Als Reaktion darauf ist eine bis heute sehr starke Heimatschutzbewegung entstanden, die vereint mit dem latent vorhandenen baslerischen Hang zur Nostalgie eine hohe Hürde bildet. Kommt hinzu, dass es in einer basisdemokratisch organisierten und damit kompromissorientierten Gesellschaft grundsätzlich schwierig ist, sogenannte Landmarks zu errichten.

Müsste also eine Art Systemwechsel her? Also mehr «von oben» verordnete Stadtgestaltung, sprich schnellere staatliche Entscheidungswege und weniger Mitsprachemöglichkeiten des Souveräns? Der Gesetzgeber arbeitet gerade beim Heimatschutz sanft, aber stetig in diese Richtung. Aber wollen wir das wirklich? Klar, die Kaserne wäre vielleicht längst weggesprengt worden, und an ihrer Stelle zierte ein schöner Glaspalast das Kleinbasler Rheinufer. Wie kleinlich und engstirnig erscheint im Vergleich die Diskussion um ein kleines Loch! Nein, wir brauchen keine Hauruck-Politik: Für ein lebendiges Gemeinwesen ist die öffentliche Diskussion entscheidend. Was Basel braucht, ist mehr Wagemut und Vorstellungskraft. Dann wird der Blick automatisch frei. (Basler Zeitung)

Erstellt: 12.02.2012, 11:34 Uhr

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65 Kommentare

hans scholl

12.02.2012, 12:13 Uhr
Melden 28 Empfehlung

von "Basler Kleinmut" zu sprechen ist etwas arrogant. man könnte es bspw auch realismus (bzgl finanzen), vermiedener gigantismus (zu dominierende betonbauten), weitsicht (integriertes 08/15 shopping in Zaha Hadid's casino) oder einfach demokratie nennen. sehen wir uns nur gewisse betonruinen der 80er an, die die innenstadt verschandeln. für architekten ist eine referenz - wir müssen hier leben. Antworten


Fabio Rossi

12.02.2012, 18:45 Uhr
Melden 26 Empfehlung

Von Eugen A. Meier: Basel ist noch immer eine reizvolle schöne Stadt. Aber wie geschlossener, charaktervoller und wohnlicher könnte Basel heute dastehen, wenn nicht durch Mutwilligkeit oder Gedankenlosigkeit in den letzten Jahrzehnten dutzende wertvollster Baudenkmäler, sprechende Zeugen bedeutsamer baslerischer Vergangenheit, mit gnadenloser Brutalität dem Erdboden gleichgemacht worden wären. Antworten



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