Der Irrglaube der religiösen Integration

Für leere Phrasen zur Integration braucht es keine muslimischen Dachverbände, die sich zudem dazu erdreisten, als Sprachrohr der Schweizer Muslime zu fungieren.

Keine Extremisten in Basel? Als ob die Koran-Ver­teiler am Claraplatz Vorreiter des religiösen Pluralismus wären.

Keine Extremisten in Basel? Als ob die Koran-Ver­teiler am Claraplatz Vorreiter des religiösen Pluralismus wären. Bild: Daniel Wahl

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Basel tickt anders. Basel ist weltoffen und hat ohne grosse Neben­geräusche auf dem Hörnli vor zig ­Jahren Grabfelder für Muslime geschaffen. Also, wo wenn nicht am Rheinknie, könnte die muslimische Gemeinschaft als Erstes in der Schweiz staatlich anerkannt werden? Das würde der Integration nützen, sind die muslimischen Dachverbände überzeugt. Auch Imame sollten endlich in der Schweiz ausgebildet werden. Das ist ebenfalls gut für die Integration und dient folglich der ­Terror-Prävention. Das glauben zumindest die, die gerne gutgläubig sind.

Im Ernst: Die Forderungen sind nicht nur alt, sondern gegen Islamisten unbrauchbar. Die Dachverbände holen ihre altbekannten Rezepte jetzt aus der Mottenkiste, weil sie nach der Pariser Terrorwoche wieder im Fokus der Öffentlichkeit stehen oder gestellt ­werden. Deren Reaktion ist nach Anschlägen von Islamisten stets dieselbe: Die vermeintlichen Sprecher der Muslime – ob lokale oder nationale Dachverbände – zeigen sich schockiert, erklären Terror für unislamisch, um im Nachhinein die Anschläge für ihre Interessen zu instrumentalisieren: staatliche Anerkennung und Imam-Ausbildung an Schweizer Unis ­fordern – wobei es dann plötzlich doch um Integration geht, die verhindern könnte, dass aus gewöhnlichen Muslimen islamistisch geprägte Faschisten werden.

Muslime sollen Moscheen bauen

Den Wunsch nach staatlicher Anerkennung kann ich gut verstehen. ­Muslime sollen Kirchensteuer ein­ziehen und sich damit eine schöne Moschee bauen können, damit sie an hohen Feiertagen fein herausgeputzt nicht mehr in einem umgebauten Keller oder einem Dachstock beten müssen. Aber was nützen Schweizer Imame und ein Demokratie-Bekenntnis auf dem Papier, wenn sich die muslimischen Verbände in der Praxis um die Diskussion um Extremisten foutieren?

Ein Beispiel dazu: Die Basler ­Muslimkommission sprach in der Basellandschaftlichen Zeitung davon, dass ihnen keine Extremisten in Basel bekannt seien. Als ob die Koran-Ver­teiler am Claraplatz Vorreiter des religiösen Pluralismus wären oder keine ­einzige Moschee in Basel vom Nachrichtendienst überwacht würde. Als ob es in der Region keine Muslime gibt, die ihren Töchtern den Schwimmunterricht verweigern und für sich gleich­zeitig vom Staat die Menschenrechte einfordern, die sie ihren (weiblichen) Glaubensgenossen nicht zugestehen. Islamist ist der Islamist nicht erst dann, wenn er Gewalt ausübt.

Ich mag mich noch gut erinnern, wie ich mit der Basler Muslimkommission über diese einzelnen Leute sprach. Damals fand deren Sprecher deutliche Worte für die regionalen Islamisten. Später zog er die Zitate zurück und ­lieferte Nichtssagendes. Der Dach­verband der Muslimvereine will seinen Mitgliedern wohl nicht auf die Füsse treten. Das ist nur ein Beispiel, wie die Dachverbände aus Angst oder falscher Rücksicht auch dann nicht klar ­Stellung beziehen, wenn ihre Stimme demokratiepolitisch gefragt wäre. Wenn sich religiöse Verbände nach ­Terror-Anschlägen distanzieren, sind ­Menschen bereits tot.

Statt die Welle islamistischer Terrorakte für Forderungen an den Staat zu benutzen, sollten die politischen, muslimischen Verbände gegen die antidemokratischen Tendenzen einiger ihrer Mitglieder vorgehen. Sie befinden sich in der privilegierten Situation, scharfe ­Kritik zu üben, ohne der Islamophobie verdächtigt zu werden. Für leere Phrasen zur Integration braucht es hingegen keine muslimischen Dachverbände, die sich zudem dazu erdreisten, als Sprachrohr der Schweizer Muslime zu fungieren. Denn: Die Mehrheit der Muslime in der Schweiz ist eher säkular und kommt aus Ländern, die eine strengere Trennung von Kirche und Staat kennen als dies in der Schweiz der Fall ist, wie etwa aus Ländern des Balkans oder aus der Türkei (bevor Erdogans AKP an die Macht kam).

Radikalität erfolgt über Religion

Die Schweizer Muslime sind mehr oder weniger gut integriert. Eingliederung erfolgt über Sprache, Ausbildung, soziales Umfeld und Arbeit und nicht über Religion. Über diese erfolgt aber die Radikalisierung. Hier wären die Verbände gefordert. Deren staatliche Anerkennung spült vielleicht mehr Geld in die Kassen der zum Teil von fundamentalistischen Vorzeigediktaturen wie Saudiarabien finanzierten Muslim-­Vereine und entzieht sie vielleicht ein Stück weit dem Einfluss der Saudis.

Aber generell gilt für Demokraten, ob muslimischen Glaubens oder nicht: Für eine antifaschistische Haltung und Aktion braucht es weder Kirchen­steuern noch symbolische Demokratie-Bekenntnisse, sondern Mut. (Basler Zeitung)

Erstellt: 27.01.2015, 14:31 Uhr

Artikel zum Thema

Aufkleber drohen Juden und Christen mit Hölle

In der Stadt verteilte Aufkleber preisen den Koran und drohen Juden und Christen mit der Hölle. Für die Aufkleber will niemand verantwortlich sein. Mehr...

Eine kleine Szene nahe am Extremismus

Schweizer Salafisten sind eine kleine, aktive Gruppe – im Internet bieten sie Plattformen für radikale Ansichten. Besonders aktiv sind sie in Basel. Mehr...

Muslime im Visier der Staatsschützer

In Basel mussten in den vergangenen Jahren die Behörden besonders oft wegen Muslimen mit verfassungsfeindlichen Äusserungen oder Islamisten mit gefährlichen Absichten einschreiten. Eine Bilanz. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von baz.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).

Kommentare

Das Immobilien-Portal für Basel und die Region

Die Welt in Bildern

Lichtermeer: Kinder rennen durch eine Licht-Installation im Zoo von Sydney (21. Mai 2017).
(Bild: Wendell Teodoro) Mehr...