Basel

Der Schlangenbändiger und sein Neo

Von Katrin Roth. Aktualisiert am 07.07.2012 4 Kommentare

Wachtmeister Tobias Leiss von der Basler Polizei rückt aus, wenn es um Tiere geht. Seine Arbeit ist manchmal eine grosse Belastung.

«Es ist ein gutes Gefühl, jemanden um sich zu haben, auf den man sich zu 100 Prozent verlassen kann», sagt Tobias Leiss.

«Es ist ein gutes Gefühl, jemanden um sich zu haben, auf den man sich zu 100 Prozent verlassen kann», sagt Tobias Leiss.
Bild: Daniel Desborough

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Tagelang sucht Tobias Leiss (40) nach ihr. Kontrolliert jede Ritze im Haus. Und findet seine kleine Ringelnatter schliesslich unweit des Käfigs im Keller, aus dem sie entwichen ist: gemütlich zusammengeringelt in einer Kabelrolle und damit perfekt getarnt. Eine geschlagene Woche dauert es, bis Leiss den Ausreisser findet und wieder zurück ins Terrarium bringt – der erste und bisher einzige Einsatz in eigener Sache des Polizeiwachtmeisters vom Jagd- und Tierwesen.

Leiss sitzt im Besprechungsraum des Polizeipostens Kannenfeld, ein sportlich gebauter Mann in Uniform. Für das Gespräch mit der BaZ hat er am Referentenpult Platz genommen, wirkt entspannt, obwohl er eben erst von einem unvorhergesehenen Einsatz zurückgekehrt ist. «Tut mir leid, aber solche Sachen lassen sich halt nicht planen», sagt er dazu am Telefon, als er den Termin um eine halbe Stunde verschiebt.

Absoluter Traumberuf

Weshalb Leiss ausrücken musste, darüber schweigt er sich aus. Sagt nur, dass er für einmal nicht unterwegs war als Mitglied der «Spezialformationen Diensthundegruppe/Jagd- und Tierwesen», so sein offizieller Titel. «Es ist mein absoluter Traumberuf», sagt Leiss, der wieder gesprächig wird und sich zurücklehnt, während er von seinem Werdegang erzählt.

Aufgewachsen in Lausen, habe er lange davon geträumt, eines Tages eine Lokomotive zu fahren. «Der Klassiker, nicht wahr?», sagt er und schmunzelt. Als Jugendlicher aber entschied er sich für eine Lehre als Elektromonteur, «das Technische faszinierte mich». Während eines Einsatzes auf der Baustelle der Polizeizentrale beim Spiegelhof machte es dann klick, sagt Leiss. «Je tiefer ich in die Branche hineinsah, umso mehr hat sie mich fasziniert.»

Spannend, aber auch belastend

Auf die Eingebung folgte 1994 die Zweitausbildung zum Polizisten, vier Jahre später stiess Leiss zur Diensthundegruppe, und seither kümmert er sich um alles, was in irgendeiner Weise mit Tieren und Sicherheit zu tun hat. «Das geht von der Bewilligungsüberprüfung für gefährliche Tiere über die Bergung überfahrener Haustiere bis hin zur Rettung von Hunden im Auto.»

Insgesamt eine spannende Herausforderung, bisweilen aber auch eine Belastung, sagt Leiss, «vor allem, wenn ich Tiere leiden sehe». Nach solchen Einblicken sei er besonders froh um Diensthund Neo an seiner Seite. Der junge Schäferrüde ist der dritte Diensthund, den Leiss aufzieht, und, wie er sagt, weit mehr als nur ein vierbeiniger Helfer beim Aufstöbern von Drogen oder Dieben. «Es ist ein gutes Gefühl, jemanden um sich zu haben, auf den man sich zu hundert Prozent verlassen kann.» Daraus schöpfe er immer wieder aufs Neue Kraft, «selbst wenn Neo nicht bei allen Einsätzen an vorderster Front dabei ist».

Vor allem wenn Schlangen im Spiel sind, bleibt Neo lieber im Auto. Weil diese Tiere das schaffen, was sonst ein ganzes Rudel von Einbrechern nicht vermag: Sie jagen dem jungen Hund Furcht ein. Ganz anders Neos Herrchen, der sich nicht davon beeindrucken lässt, wenn – wie kürzlich – ein betrunkener Schlangenhalter auf einem Kinderspielplatz auftaucht und dort sein Haustier Gassi führt (die BaZ berichtete). Das sei kein skurriler Einzelfall, sagt Leiss, sondern beinahe schon Routine. «Wir werden immer öfter gerufen wegen Reptilienbesitzern, die das Gefühl haben, sie müssten ihr Tier nach draussen mitnehmen.» So wie jener Mann, der einst mit seiner Pythonschlange um den Hals im Tram auftauchte. Nicht aus bösem Willen, sondern in der tiefen Überzeugung, etwas Gutes zu tun. «Solche Menschen verstehen dann die Welt nicht mehr, wenn wir ihnen das Tier wegnehmen», sagt Leiss und zuckt bedauernd die Schultern.

Drei offene Terrarien

14-mal mussten die Reptilienspezialisten der Basler Polizei im vergangenen Jahr ausrücken; unter anderem wurden drei giftige Skorpione konfisziert und dem Veterinäramt übergeben, weil keine Haltebewilligung vorlag. Kein Kavaliersdelikt, sondern ein gefährliches Unterfangen: «Zum Schutz von Mensch und Tier gehören Gifttiere nur in versierte und gut ausgebildete Hände», sagt Kantonstierarzt Michel Laszlo.

Angst habe er bei Einsätzen mit Gifttieren noch nie gehabt, sagt Leiss. «Aber es gab schon Situationen, in denen ich ziemlich angespannt war.» Zum Beispiel während der Räumung einer leeren Wohnung, bei der er drei offene Terrarien vorgefunden hatte – ohne die geringste Ahnung, ob – und wenn ja, welche – Tiere daraus entwichen waren. Hinter dem Kühlschrank und unter der Matratze wurde Leiss schliesslich fündig – es waren zwei kleine Pythons.

Mit Spezialbrille und Stange

Manchmal aber trifft Leiss bei seinen Einsätzen auch auf Tierarten, die er nicht kennt – weltweit sind allein 2700 Schlangenarten bekannt. In solchen Fällen sei Eigenschutz das oberste Gebot, sagt Leiss. Was einfacher tönt, als es ist, denn abgesehen von Spezialbrillen gibt es keine besondere Ausrüstung für solche Einsätze, sondern nur die üblichen Werkzeuge wie Schlangenstange und -beutel. Eigenschutz bedeutet darum in erster Linie, das Tier unter keinen Umständen anzufassen – und im schlimmsten Fall zu töten, eine Ausnahmeregel, die er noch nie anwenden musste. «Zum Glück», wie Schlangenhalter Leiss sagt.

Vor 13 Jahren legte er sich seine erste Schlange zu und erfüllte sich damit einen alten Wunsch, der ihm lange versagt war. «Meine Eltern wollten unter keinen Umständen ein Reptil im Haus.» Auch bei seiner Frau habe sich zunächst die Begeisterung in Grenzen gehalten, weniger wegen der Schlangen als wegen deren Verpflegung mit lebendigen Mäusen. Nach kurzer Diskussion kam es zwischen den Eheleuten Leiss zu einem Kompromiss: Schlangen und andere Reptilien ja, Gifttiere nein. Mittlerweile umfasst die Leiss’sche Menagerie zwei Kornnattern, diverse Fische sowie zwei Schildkröten. Und natürlich Neo, den Diensthund – Leiss wichtigsten Gefährten im Job. (Basler Zeitung)

Erstellt: 07.07.2012, 16:45 Uhr

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4 Kommentare

peter sieber

09.07.2012, 08:56 Uhr
Melden 3 Empfehlung 0

"...«Es ist ein gutes Gefühl, jemanden um sich zu haben, auf den man sich zu 100 Prozent verlassen kann», sagt Tobias Leiss." Er meint dabei nicht die Polizei, nicht seine Dienstkollegen, sondern den Hund! Antworten


peter sieber

10.07.2012, 14:13 Uhr
Melden 2 Empfehlung 0

Mann im Basler Schützenmattpark überfallen. Wo war nur dieser "Bello". Machen Sie endlich die Augen auf, das sind unsere Probleme in Basel. Wir reden hier nicht über Hunde-WC, sorry.l Man muss die Situation in Basel nicht schlecht reden, sie ist es. Antworten



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