Basel

Der schönsteTag zum halben Preis

Von Nina Jecker. Aktualisiert am 13.09.2012 41 Kommentare

Wegen des tiefen Eurokurses werden Hochzeiten ins nahe Ausland verlegt – für Basler Wirte ein grosses Problem.

Viele Schweizer Brautpaare wählen Lokale in Südbaden und im
Elsass für ihre Hochzeitsfeier – dort bekommt man viel mehr für sein Geld.

Viele Schweizer Brautpaare wählen Lokale in Südbaden und im Elsass für ihre Hochzeitsfeier – dort bekommt man viel mehr für sein Geld.
Bild: Keystone

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Beim wöchentlichen Grosseinkauf vom Eurokurs profitieren – für viele Basler ist das mittlerweile völlig normal. Auch gegessen wird oft und gerne in Restaurants ennet der Grenze, muss man dort für das gleiche Angebot doch weit weniger bezahlen als daheim im eigenen Land.

Nun hat die Sparwut der Basler aber eine neue Dimension erreicht. «Seit vergangenem Jahr wandern vermehrt Gesellschaften ins nahe Ausland ab», sagt Maurus Ebneter vom Basler Wirteverband. So werden beispielsweise neu Geburtstage, Firmenanlässe und vor allem Hochzeiten mit allem Drum und Dran in Südbaden oder im Elsass gefeiert. «Teilweise kostet dort derselbe Service nur rund die Hälfte des Schweizer Preises», weiss Ebneter. Dass man sich gerade für die eigene Hochzeitsfeier gerne etwas mehr gönnen möchte, könne er zwar verstehen. «Für die Gastronomen in Basel ist der neue Trend aber äusserst bedrohlich.»

80 Prozent Schweizer Gäste

In den Nachbarländern freut man sich derweil über die neue zahlungskräftige Kundschaft. «Bei uns kommen mittlerweile rund 80 Prozent aller Hochzeitsgesellschaften aus der Schweiz», sagt Anita Seifert vom Inzlinger Wasserschloss, einer beliebten Hochzeits-Location in Grenznähe. Nebst der idyllischen Lage sei für die Zunahme sicher auch der Wechselkurs ausschlaggebend. «Selbst vor dem Sinkflug des Euro waren die Preise bei uns in Deutschland günstiger. Jetzt macht das natürlich noch mehr aus.»

Auch das Schloss Bürgeln in Schliengen kann sich vor Anfragen aus der benachbarten Hochpreisinsel kaum retten. «Wir sind bis Ende Oktober mit Hochzeiten ausgebucht», so Direktor Ehrenfried Kluckert. Seit fünf Jahren managt Kluckert das Schloss mit eigener Kapelle. Der Anteil von Schweizer Gästen habe in dieser Zeit laufend zugenommen und sei aktuell so hoch wie noch nie.

Auch die grossen türkischen Hochzeitsgesellschaften mit mehreren Hundert Gästen wandern ins nahe Ausland ab. Yüksel Büklü vom gleichnamigen Supermarkt in Weil am Rhein hat eine Halle für bis zu 1200 Personen inklusive Catering im Angebot. Auf seiner Homepage wirbt er explizit damit, dass die deutschen Preise unter dem Schweizer Niveau liegen – laut eigenen Angaben mit Erfolg. «Es kommen immer mehr Gruppen über die Grenze», freut sich Büklü. Die Schweizer Event- und Weddingplanerin Verena Zappe von Your Perfect Day bestätigt: «Heiraten im grenznahen Ausland ist ein Thema. Es gibt Paare, die extra mitteilen, dass für sie auch eine Hochzeit in Deutschland oder Frankreich infrage käme.» Der Preis sei aber nie alleine ausschlaggebend. «Am Ende zählt die Location.»

Auch Firmen gehen fremd

Nicht nur verliebte Paare zieht es verstärkt ins Ausland. Auch hiesige Unternehmen kehren den hohen Preisen zunehmend den Rücken. «Wir haben zahlreiche Anlässe von Schweizer Firmen bei uns. Selbst ganze Tagungen werden hierherverlegt», erzählt Kluckert vom Schloss Bürgeln. Ein Trend, den auch das Tagungs- und Kongresshotel Maximilian in Weil am Rhein spürt. Laut einer Mitarbeiterin kommen seit Anfang Jahr besonders viele Anfragen von der anderen Seite der Grenze. Das Hotel liegt nur wenige Gehminuten von der Schweizer Grenze entfernt. «Da können die Veranstalter ohne grossen Aufwand Geld sparen», sagt die Angestellte.

Ebneter vom Wirteverband kann die Beweggründe der Gewerbetreibenden nachvollziehen. «Jeder muss halt schauen, dass er wirtschaftlich über die Runden kommt.» So weitergehen wie im Moment dürfe es aber nicht. «Wir sind hier in der Schweiz schlicht nicht mehr konkurrenzfähig.» Für Ebneter steht deshalb fest, dass die Ausgaben der hiesigen Wirte dringend gesenkt werden müssen.

«Agrarmarkt öffnen»

In diesem Zusammenhang hofft Ebneter unter anderem auf schärfere Gesetze gegen künstlich hochgehaltene Preise in der Schweiz, zum Beispiel bei Getränken. Der Bundesrat ist im Auftrag des Parlaments daran, entsprechende Bestimmungen auszuarbeiten. Eine Klage der Gastronomen gegen die Preispolitik von Feldschlösschen ist ausserdem bei der Wettbewerbskommission und dem Preisüberwacher momentan noch hängig.

Doch das reiche nicht aus, fährt Ebneter fort. «Wir brauchen ausserdem eine schrittweise Öffnung des Agrarmarkts.» Zurzeit bezahlen Wirte in der Schweiz für Fleisch bis zu dreimal, für Gemüse und Obst manchmal fünfmal so viel wie die Kollegen in Deutschland. Deshalb fordert die Branche die Abschaffung der Schutzzölle auf Landwirtschaftsprodukte, wie es bei Wein und Käse bereits grösstenteils umgesetzt wurde. Aus Bundesbern erwartet Ebneter wegen der starken Bauernlobby dabei keine Unterstützung. Derzeit werde deshalb die Möglichkeit einer Volksinitiative diskutiert.

Denn wenn sich bei den Preisunterschieden nichts ändert, denken wohl auch in Zukunft viele Paare bei der Hochzeitsplanung nicht nur an einen Himmel voller Geigen, sondern auch an ihren Kontostand und sagen: «Ja, ich will – im Ausland heiraten.» (Basler Zeitung)

Erstellt: 13.09.2012, 07:31 Uhr

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41 Kommentare

Ernest Stalder

13.09.2012, 08:18 Uhr
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Wenns nur der Preis wäre könnte man ja was machen !
Aber die Qualität und Professionalität, welche in Deutschland
geboten wird, ist hier einfach nicht erreichbar, da schon garkein
geeignetes Personal welches freundlich und motiviert genug
ist in der Schweiz auffindbar wäre ! Es ist hier schlimm genug
wenn Gäste hungrig von einer Veranstaltung nach Hause gehen
weil einfach nur gegeizt wird!
Antworten


Peter Meier

13.09.2012, 08:13 Uhr
Melden 62 Empfehlung 0

Ich weiss nicht wie lange es dauert, bis die hiesigen Wirte Ihre Preise anpassen. Die Schutzzölle bei Weinen seien weitgehend abgeschafft - wieso kostet denn der Wein bei uns immer noch ein Mehrfaches von dem, was er in Deutschland kostet. Ich komme mir ziemlich bescheuert vor wenn ich für 40 Franken einen Billigst-Wein aufgetischt bekomme, der im Laden 8 CHF kostet. Antworten



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