Die Geburt des Kleinstaates

499, 500 Jahre Marignano. Warum uns diese Schlacht nicht in Ruhe lässt.

18?000 junge Männer massakriert: Das Schlachtfeld Marignano, gezeichnet vom Augenzeugen Urs Graf im Jahre 1521.

18?000 junge Männer massakriert: Das Schlachtfeld Marignano, gezeichnet vom Augenzeugen Urs Graf im Jahre 1521.

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Vielleicht hatte man Caspar Bächli auch gefoltert, bis er endlich zugab, was er getan hatte: «Ja», sagte er den Zürcher Untersuchungsbehörden, «ich habe die Eidgenossen verraten.» Dass Bächli nicht mehr anders konnte, als zu gestehen, war allen Beteiligten des Prozesses klar. Zu viele Zeugen erzählten im Detail, was sich zugetragen hatte, an jenem heissen späten Nachmittag, am 13. September 1515, als die Eidgenossen in der Nähe eines Städtchen, das Marignano hiess, gegen den französischen König ins Feld gezogen waren.

Gemäss Gabriel Widmer, einem Söldner aus Horgen, seien vier Leute auf einem Dach gestanden, als man gegen den Feind vorgerückt sei. «Ich kannte sie nicht und wusste auch nicht, was sie da taten, sondern ich zog vorwärts und kümmerte mich nicht weiter um sie.» Anderen Zeugen war aufgefallen, wie die Leute auf dem Dach winkten und den Franzosen, die auf der anderen Seite lauerten, Zeichen gegeben hatten, einer davon war Bächli, wie sich herausstellte. Hatten die Franzosen ihn bestochen – wie so viele andere? War er von einem Hauptmann schlecht behandelt worden, dass er seine Kameraden auslieferte? Jedenfalls, so gestand Bächli am Ende, hatte er die Eidgenossen mit seinen Signalen vom Dach mit Absicht ins Verderben gelockt, nämlich genau an jenen Ort, wo die französischen Geschütze die tödlichste Wirkung erzielten.

Tausende von Eidgenossen liefen geradewegs ins Feuer, wo sie zerfetzt und zerschmettert wurden, ohne auch nur einen Gegner berührt zu haben. Was ihnen vor wenigen Monaten bei Novara noch gelungen war – rasch nach vorne zu rennen, um die Schüsse der Kanonen zu unterlaufen und dann deren Mannschaften zu massakrieren: Bei Marignano scheiterten sie mit dieser Taktik und sie verloren die Schlacht grauenhaft.

Die Marines des Mittelalters

Es war wohl die härteste Niederlage der Schweizer Geschichte. Hatten die Eidgenossen zuvor als «unschlagbar» gegolten, wie der amerikanische Militärhistoriker John McCormack in einem Buch über die Fremden Dienste der Schweiz schrieb, so waren sie jetzt das erste Mal bezwungen worden, was so ausserordentlich war, dass Franz I., der junge König Frankreichs, dem dieses Kunststück geglückt war, sogleich eine Münze prägen liess, auf der er sich als «erster Sieger über die Schweizer» verewigen liess. «Primus Domitor Helvetiorum», lautete die Inschrift auf Lateinisch, womit er – nicht unbescheiden – daran erinnern wollte, dass Julius Cäsar der letzte Feldherr vor ihm gewesen war, der es fertiggebracht hatte, die Helvetier zu überwinden. Verrat, Schiebung, Skandal!

Weil die Niederlage von Marignano so verheerend war, löste sie in der Schweiz wüste Debatten aus, ja es kam zu Unruhen, zu Handgreiflichkeiten. Wer hat uns verraten? Wer ist für das Fiasko verantwortlich? Besonders im Kanton Zürich, besonders auf der Landschaft, platzte den Menschen der Kragen: Ist es nötig, dass unsere besten jungen Männer in der Poebene sterben – für nichts und wieder nichts? Was haben wir in Mailand verloren? Wer hat sie verkauft? Die Pensionenherren in der Stadt! Womit man jene meist vornehmen Leute meinte, die von fremden Mächten Geld bezogen, um Schweizer Söldner anzuwerben und zu vermitteln. Was als Protest gegen unfähige Generäle begonnen hatte: Es roch jetzt nach Rebellion.

Aufstand der Kriegsmüden. Über dreitausend Leute aus Wädenswil, Horgen, Meilen und Stäfa zogen jetzt bewaffnet nach Zürich – und die Lage für die Herrschaften in der Hauptstadt wurde brenzlig. Um den Rebellen entgegenzukommen, versprach die Obrigkeit strenge Prozesse gegen alle Schuldigen, die schon im Dezember 1515 in Zürich begannen. Bereits vorher hatte man Caspar Bächli kurzerhand als Verräter verurteilt. Er wurde in Wädenswil hingerichtet.

Schlacht um eine Schlacht

Wenn es eine Niederlage gibt, die den Lauf der Schweizer Geschichte in eine andere Richtung gelenkt hat, dann dürfte es tatsächlich Marignano gewesen sein. Die Schlacht ist ein Wendepunkt. Das Wort tatsächlich betone ich, weil sich unlängst eine Art historische Bewegung formiert hat, die sich bemüht, die Bedeutung dieser Schlacht zu relativieren. Schriftsteller, Historiker und Intellektuelle – die meisten zählen zur Linken – haben im Internet eine Homepage eingerichtet, wo sie Texte veröffentlichen, die ihre Sicht der Schlacht und ihrer Konsequenzen vermitteln (www.marignano.ch). Einen Artikel hat auch Georg Kreis, emeritierter Geschichtsprofessor der Universität Basel beigesteuert. Er ist diese Woche in der BaZ erschienen – und mein Text versteht sich auch als Replik darauf, aber nicht nur. Es geht mir um mehr.

«Hurra, verloren! 499 Jahre Marignano», schreiben die Autoren: «2015 jährt sich die Schlacht von Marignano zum 500. Mal. Wir meinen, das sei kein Grund zum Feiern. Weder wurde mit der Niederlage des zerstrittenen Staatenbundes der Mythos der Neutralität begründet, noch bietet sich das grössenwahnsinnige Gemetzel von damals an, heute damit Wahlkampf zu führen.»

La Suisse n’existe pas

Ob «Hurra, verloren!» die geschmacklich passende Losung ist, um einer Schlacht gerecht zu werden, bei der an die achtzehntausend junge Männer gestorben sind, muss offen bleiben. Hurra? Offensichtlich ist die Abneigung gegen jede ernsthafte Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte inzwischen zu gross, und ebenso klar scheint mir, dass man sich bereits in der Rücklage fühlt – ansonsten schwer zu erklären ist, warum man das Jubiläum bereits vor dem Jubiläum nicht feiern will. Warum diese Rücklage?

Sie ist selbst verschuldet. Was immer vor 1848, vor der Gründung des Bundesstaates geschehen ist: Es macht die heutigen Intellektuellen nervös. Am liebsten wäre ihnen, so mein Eindruck, man spräche nicht davon. Schlacht von Morgarten? Hat sicher nicht stattgefunden. Eidgenossenschaft? Ein Bund unter vielen ohne jede Bedeutung. Marignano? Eigentlich ist rein gar nichts passiert. Dass es eine Schweiz vor dem Bundesstaat gegeben haben könnte, dass da ein Land zu existieren schien, das die Nachbarn als solches erkannten, und zwar schon im Mittelalter: Es passt nicht zur Ideologie einer «erfundenen Schweiz», die erst 1848 aus sozusagen rationalen Gründen von den Liberalen auf dem Reissbrett entworfen und durchgesetzt worden ist.

Im Glauben, die Konservativen um Christoph Blocher hätten den Schweizern den EU-Beitritt ausgeredet, indem sie die Geschichte für sich nutzten, haben sich manche Historiker vorgenommen, angebliche «nationalkonservative» Ideologien in der bisherigen Geschichtsschreibung zu widerlegen. Nichts regt diese Intellektuellen mehr auf als die Vorstellung eines schweizerischen Sonderfalls. Also die These, dass die Schweiz sich in manchen Dingen von ihren europäischen Nachbarn unterscheidet und dass sie hin und wieder einem Sonderweg gefolgt ist.

Eine Art Obsession

Marignano markiert den Beginn einer solchen einzigartigen Entwicklung – und das scheint mir so eindeutig, dass es den meisten Historikern die Sprache verschlägt, wenn sie darüber nachdenken sollten. Georg Kreis zum Beispiel spricht zuerst, bevor er über die Bedeutung von Marignano redet, über Christoph Blocher. Ich zitiere den Anfang seines Essays: «Wenn es Marignano nicht gegeben hätte, dann wäre Christoph Blocher, der mindestens in seinem Herzen schon damals dabei war, zwar nicht arm, aber ärmer und seine Ideologie noch armseliger. Er könnte sich nicht auf den ‹wegweisenden Ausgang› dieser Schlacht in der Poebene – der ‹battaglia dei giganti› – berufen. Er hätte kein angeblich vorbildliches Exit vom Schlachtfeld im Ausland, das ihm gestattet, umso rücksichtsloser das Inland zum Schlachtfeld zu machen.»

Wie gross muss die politische Verzweiflung sein, wenn man die eigene Geschichte nur noch durch die Augen Blochers betrachtet – um diesem nachher vorzuwerfen, er sei blind? Es gab einmal eine Schweizer Geschichte, für die nicht Christoph Blocher verantwortlich ist. Und es gab eine Schweiz vor 1848, deren Geschichte so inspirierend und aufregend ist, dass es etwas Selbstzerstörerisches hat, wenn Historiker sich nurmehr darauf konzentrieren, das «Europäische» darin zu suchen und alles sonderbar Schweizerische auszumerzen.

Warum war Marignano ein Wendepunkt? Weil sich die Schweiz nach dieser Niederlage aus jeder aktiven, eigenen Aussenpolitik in Europa verabschiedet hat, und weil sie aufhörte, andere Gebiete zu erobern – nicht sofort, sondern im Lauf der folgenden Jahrzehnte; wohl nicht mit Absicht, sondern weil es sich so ergab, vielleicht auch weil unseren Vorfahren nichts anderes übrig blieb.

Selbstverständlich erklärte sich damals niemand für «neutral», das hat auch nie jemand behauptet, aber dass dieser Verzicht auf eigene aussenpolitische oder militärische Ambitionen eine Voraussetzung für die spätere Neutralität war: Wer möchte das bestreiten? Ob dieser Rückzug aus höherer Einsicht geschah oder unter dem Zwang der Umstände, das ist die interessante Frage.

Verlockungen der Grösse

Was uns bis heute beschäftigt – und entzweit: Er setzte im Grunde damals ein, als die Eidgenossen sich dazu durchrangen, bis auf Weiteres als Kleinstaat die Weltgeschichte vom Rande her mitzuverfolgen. Marignano steht für die Geburt des Kleinstaates aus dem Geiste der Tragödie. Auf dem Schlachtfeld in der Poebene verbluteten die schweizerischen Ambitionen, als Grossmacht in Europa zu wirken.

Dass es immer wieder Schweizer gab, die lieber «mitentschieden» hätten, wo über die Weltgeschichte verhandelt wurde, ob zuerst in Paris und  Wien, ob dann in Berlin oder London oder schliesslich heute in Brüssel: Das begleitet unsere Geschichte genauso, wie der Wille dieser kleinen Gebilde in den Voralpen, zuerst Orte oder Stände genannt, dann Kantone, in Ruhe gelassen zu werden von den Zumutungen der Geschichte.

Niemand hat dabei recht, vielleicht wäre es für die Leute, die in unserem Land lebten, auch angenehm gewesen, Teil Frankreichs zu werden oder im Deutschen Reich aufzugehen: Wer weiss? Sicher scheint mir: Am Ende wollte man das nicht. Der Preis dafür war das Leben im Kleinstaat, das nie abenteuerlich ist, dafür sicher und ruhig. Intellektuellen mag das nicht immer behagen, den meisten Bürgern aber schon, wenn man sie fragt – und sie wurden immer recht oft gefragt.

Verunsicherte Autoritäten

Als die Zürcher Landschaft sich im sogenannten Lebkuchenkrieg gegen die Reisläuferei wandte, also den fremden Dienst in fernen Ländern, wusste das die Obrigkeit, weil sie eine «Volksanfrage» vorgenommen hatte, eine frühe Form der Volksabstimmung, wie sie damals in vielen Kantonen der Schweiz üblich war. Zwar galt das Ergebnis nicht als verbindlich, doch es fiel so deutlich aus, dass die Behörden sich nicht getrauten, die Wünsche der Bürger zu ignorieren.

Wenig später berief die Obrigkeit einen gut aussehenden, grossen, sehr eloquenten Toggenburger als Leutpriester nach Zürich. Der Mann, der selber als Feldprediger an der Schlacht von Marignano teilgenommen hatte, war den Zürchern aufgefallen als glühender Gegner des Solddienstes. «Metzger», seien die Pensionenherren, «die die Söldner wie Vieh auf die Schlachtbank führten», «Birnenbrater», «Kriegsgurgeln», «Blutkrämer» – so schimpfte es aus diesem Mann. So einen brauchten die Zürcher, weil auch in der Elite der Stadt, die am meisten davon profitiert hatte, Zweifel aufgekommen waren am Nutzen des Solddienstes.

So kam Huldrych Zwingli nach Zürich – wo er bald die Reformation auslöste, die die Schweiz auf immer verändern sollte. (Basler Zeitung)

(Erstellt: 11.10.2014, 04:17 Uhr)

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