Basel

Die Generation Ritalin gibt es gar nicht

Von Susanne Stettler. Aktualisiert am 02.05.2012 33 Kommentare

Eine Basler Studie beweist, dass bei Kindern viel zu häufig ADHS diagnostiziert wird.

Krankgeredet oder einfach nur lebhaft: Gemäss einer neuen Studie wird bei vielen Kindern fälschlicherweise ADHS diagnos-tiziert, was fatale Folgen haben kann.

Krankgeredet oder einfach nur lebhaft: Gemäss einer neuen Studie wird bei vielen Kindern fälschlicherweise ADHS diagnos-tiziert, was fatale Folgen haben kann.
Bild: Keystone

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Lange war es bei Eltern und Experten nur ein Gefühl, nun ist es wissenschaftlich erwiesen: Die Generation Ritalin gibt es gar nicht! Denn längst nicht jedes Kind, bei dem eine Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) festgestellt wird, leidet auch wirklich daran. Das ist das Ergebnis einer Studie der Universität Basel in Zusammenarbeit mit der Ruhr-Universität Bochum in Deutschland, über die das amerikanische «Journal of Consulting and Clinical Psychology» sowie die deutsche Fachzeitschrift «Psychotherapeut» berichten. Schätzungen zufolge sollen zehn bis 15 Prozent aller Kinder an ADHS leiden und weltweit 80 Millionen Kinder mit dem Medikament Ritalin behandelt werden.

Studienautorin Katrin Bruchmüller, Lehrbeauftragte am Institut für Psychologie der Universität Basel, sowie ihre Co-Autoren Silvia Schneider und Jürgen Margraf von der Ruhr-Universität Bochum befragten 473 Kinder- und Jugendpsychotherapeuten und -psychiater. Ihnen wurden Fallbeispiele zugeschickt, mit der Bitte, eine Diagnose zu stellen sowie eine geeignete Therapie vorzuschlagen. Nur eines der vier vorgelegten Beispiele war anhand der geltenden Leitlinien und Kriterien eindeutig als ADHS identifizierbar, während die anderen Fallgeschichten jeweils mindestens zwei notwendige Diagnosekriterien verneinten. Weil die Forscher zudem dem beschriebenen Kind einmal einen Jungennamen und einmal einen Mädchennamen zuteilten, ergaben sich insgesamt acht zu beurteilende Fälle.

Falschdiagnosen sind häufig

Die Auswertung der gesammelten Daten gab den Wissenschaftlern zu denken, wie Studienleiterin Bruchmüller sagt: «Wir erwarteten natürlich Fehldiagnosen. Aber dass es so viele sein würden, überraschte uns.» So sind Falschdiagnosen in der Studie nicht die Ausnahme, sondern kommen ziemlich häufig vor: Insgesamt 16,7 Prozent der Therapeuten stellten eine falsche ADHS-Diagnose. Bei der männlichen Fallgeschichte waren es 22 Prozent, bei der weiblichen elf Prozent. Vor allem Buben werden also Opfer von Fehleinschätzungen. Wären die Diagnosekriterien noch strenger ausgelegt worden, sagt Buchmüller, hätte es wohl noch mehr Fehldiagnosen gegeben. Erstaunt waren die Forscher nicht nur darüber, dass meist Buben falsch diagnostiziert werden, sondern auch, dass männliche Therapeuten signifikant häufiger ADHS-Fehldiagnosen stellen als Frauen.

Die Gründe hierfür seien vielschichtig, sagt Buchmüller. «Der ADHS-Prototyp ist männlich und zeigt Symptome von motorischer Unruhe, mangelnder Konzentration und Impulsivität.» In der Untersuchung zeigte sich, dass Therapeuten dazu neigen, ihre Diagnosen anhand von Faustregeln und damit prototypisch zu stellen. Das erkläre, warum es mehr männliche ADHS-Patienten gebe. Aber weshalb sind Therapeutinnen beim Diagnostizieren vorsichtiger als ihre Kollegen? «Das wissen wir auch nicht», sagt die Studienleiterin. «Es könnte jedoch sein, dass Männer im Beruf mehr von sich und ihrem Können überzeugt sind als Frauen und sich deshalb weniger an Diagnosekriterien orientieren, sondern mehr nach ihrer Intuition gehen.» Ein problematisches Verhalten sei das, existierten doch klar festgelegte Kriterien, die erfüllt sein müssen, damit von ADHS gesprochen werden könne.

Auffällig heisst nicht immer krank

Es stellt sich also die Frage, ob gewisse Kinder krankgeredet werden, wenn sie nicht in eine bestimmte Schablone passen. Gemäss Bruchmüller trifft diese These zu. «Das ist ein Problem der ganzen Gesellschaft, denn Erfolg und Leistung werden heute sehr grossgeschrieben.» Alles müsse in Rekordzeit erfolgen und mit Bestnoten honoriert werden. «Da passen unaufmerksame Buben und Mädchen viel weniger ins Raster als noch vor einigen Jahren.» Die Menschen würden viel zu sehr nach ihrer Leistung beurteilt, Kreativität und nicht zielgerichtete Aktivitäten hätten da keinen Platz mehr. Der Appell der Studienleiterin: «Wir sollten wieder lernen, dass man Zeit auch mal vertrödeln darf. Das schafft ein viel menschenfreundlicheres Klima.» Zudem sollte bei abweichendem Verhalten nicht gleich nach einer Krankheit als Ursache gesucht werden, fordert Bruchmüller.

Wenn ein auffälliges Kind nicht an ADHS leidet, können laut der Expertin Über- oder Unterforderung hinter auffälligem Verhalten stecken, ebenso wie Erziehungsschwierigkeiten, soziale Unsicherheit, Probleme mit bestimmten Autoritätspersonen wie etwa Lehrern oder einfach nur ein lebhafter Charakter. Als «Therapie» in solchen Fällen empfiehlt Bruchmüller ein Elterntraining wie zum Beispiel das «Triple P»-Programm. Weiter sei ein konsequenter, aber dennoch unterstützender Erziehungsstil von Eltern und Lehrern wichtig, damit das Kind lerne, sich an Regeln zu halten. Ebenfalls gut sind gemäss Bruchmüller Sport und Bewegung an der frischen Luft sowie ein Hobby, das dem Kind gefällt.

Zweitmeinung empfohlen

Leide ein Kind tatsächlich an ADHS, könne ihm die Kombination von Verhaltenstherapie und gegebenenfalls auch die Einnahme des Medikaments Ritalin helfen, seinen Weg in der Gesellschaft und im Leben zu finden. Bei einer Falschdiagnose seien unnötige Psychotherapie und Ritalin-Gabe jedoch mehr als schwierig, denn diese Kinder würden sozusagen ruhiggestellt. Welche kurz- und mittelfristigen Folgen sind in einem solchen Fall zu befürchten? «Zunächst ist bei einer falschen Diagnose von einer Stigmatisierung auszugehen, da das Kind dann als ‹krank› gilt», sagt Bruchmüller. Dies würde das problematische Verhalten im Sinne einer selbsterfüllenden Prophezeiung eher festigen, weil dann alle weniger an einer Änderung arbeiten. «So wird auch kaum die wahre Ursache der Schwierigkeiten gefunden und beseitigt.» Und noch viel schlimmer: «Man weiss nicht, ob und welche Langzeitfolgen die Ritalin-Gabe hat.» Gemäss Bruchmüller gibt es Hinweise, dass durchaus mit ernst zu nehmenden Nebenwirkungen und Spätfolgen zu rechnen sei wie beispielsweise Schlafstörungen, Gewichtsverlust oder Wachstumsverzögerungen.

Angesichts der hohen Zahl von Fehldiagnosen und den möglichen Folgen einer unnötigen ADHS-Therapie fragt sich, was die Eltern von ADHS-Kindern unternehmen sollen. Fände es Studienleiterin Bruchmüller sinnvoll, wenn man die betroffenen Söhne und Töchter nochmals abklären liesse? «Ja, denn eine Zweitmeinung ist immer gut», findet die Forscherin. Wichtig sei dabei, dass sich der Therapeut Zeit nehme für die Untersuchungen und dass er neben dem Kind auch die Eltern oder andere Bezugspersonen ausführlich und strukturiert befrage. «Zudem kann man den Therapeuten auch direkt auf die Erfüllung der klar definierten Diagnosekriterien ansprechen.» Gut möglich übrigens, dass neben ADHS auch ADS (Aufmerksamkeitsdefizitstörung) zu häufig diagnostiziert wird. Forschungsleiterin Bruchmüller geht jedenfalls davon aus: «Ohne Hyperaktivität fällt die Erkrankung ja noch weniger auf.» (Basler Zeitung)

Erstellt: 02.05.2012, 10:23 Uhr

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33 Kommentare

Nicolas Pidoula

02.05.2012, 11:33 Uhr
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Das war ja schon lange klar. Mit ADHS ist man einfach schnell das Problem eines "unruhigen" oder schwierigen Kindes los. In der Tat war das in den letzten Jahren eine Mode-Diagnose. Ritalin hat zudem auch noch schädigende Nebenwirkungen. Ich denke, vor allem die Eltern oder Erziehenden sind in die Pflicht genommen, nicht die Psychopharmaka! Antworten


Jan van Berkel

02.05.2012, 10:50 Uhr
Melden 26 Empfehlung 0

Nach meiner Meinung ist die Zahl der Fehldiagnosen zu hoch weil es das Ritalin gibt und es halt bequem ist dies zu verschreiben auch wenn die Diagnose nicht stimmt. Hier sind die Ärzte offenbar unter Druck, wohl auch von der Pharmaindustrie die ja darauf erpicht ist dass ihre Produkte unter die Leute kommen. Man kann auch Krankheiten und die dazugehörigen Patienten kreieren, die KK (wir) zahlt ja. Antworten



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