Basel
«Die Integration dient allen Kindern»
Von Patrick Künzle. Aktualisiert am 09.10.2009 2 Kommentare
Reformer: Hans Georg Signer (58) vom Erziehungsdepartement. (Bild: Roland Schmid)
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BaZ: Hans Georg Signer, im Baselbiet ist zuletzt eine heftige Kontroverse um das integrative Schulmodell entbrannt. Basel-Stadt forciert das Modell ebenfalls. Warum?
Hans Georg Signer: Als Bildungsbehörden müssen wir eine zentrale Frage beantworten: Wie können wir möglichst allen jungen Menschen gerecht werden? Mit welcher Unterrichtsform, mit welcher Organisation der Schule?
Und dies ist das integrative Schulmodell?
Wichtig für mich ist, dass das Integrationsmodell die Volksschulidee aufgreift. Die Volksschule wurde erfunden im 19. Jahrhundert als Antwort auf die Ständegesellschaft, die Privilegien vererbt hat. Alle Menschen sollten die Chance haben, über Bildung den Zugang zu allen Lebensbereichen zu erschliessen. Volksschule meinte immer Integration. Bloss: Geistig Behinderte beispielsweise waren dabei nicht mitgemeint. Sie hatten lange keinen Bildungsanspruch, schon gar nicht einen integrativen. Der Aufbau von separativen heilpädagogischen Schulen war für sie ein grosser Fortschritt. Nun gehen wir einen Schritt voran. Wie es das eidgenössische Behindertengleichstellungsgesetz verlangt, sollen alle Kinder und Jugendlichen nach Möglichkeit integrativ in der Volksschule gefördert werden.
Ist das nicht eine unlösbare Aufgabe?
Integration ist einerseits eine idealistische Vision, die sich nie ganz erfüllen wird. Das macht sie jedoch nicht falsch. Andererseits ist unser Integrationskonzept aber auch pragmatisch: Man geht in kleinen Schritten voran im Wissen, dass man letztlich für jedes Kind mit Entwicklungsschwierigkeiten einen individuellen Weg finden muss. Die Erwartung, die Schule könne jedem Kind zu jeder Zeit gerecht werden, ist unrealistisch und führt zu Überforderung.
Es lassen sich somit weiterhin nicht alle Kinder in die Regelschule integrieren?
Ich bin nicht der Meinung, dass man alle Kinder integrieren soll. Es geht nicht um ein verabsolutiertes, abstraktes Prinzip, sondern immer um das Wohl des einzelnen Kindes. Integration kann auch gegen die Interessen von Behinderten, etwa deren Würde, verstossen. Es wird deshalb auch in Zukunft separative Spezialangebote brauchen für behinderte Kinder oder Jugendliche in schwierigen Entwicklungsphasen. Wichtig ist, dass neu gedacht wird, was das Selbstverständliche ist: Selbstverständlich ist, dass man dazugehört – Separation dagegen ist begründungspflichtig.
Behinderte Kinder in Regelklassen einzufügen – funktioniert das tatsächlich?
Bei Körperbehinderten ist es unbestritten, dass man sie gut integrieren kann. Bei den geistig Behinderten sind wir in Basel ein Vorzeigekanton mit unseren Integrationsklassen, die es seit zehn Jahren gibt. Da können wir eins zu eins zeigen, dass die Integration der geistig Behinderten in die Regelklasse gelingen kann und allen Kindern dient. Fast alle behinderten Kinder fühlen sich in den Integrationsklassen wohl und entwickeln sich gut. Die Integration von Behinderten führt auch nicht zu einem Niveauverlust bei den anderen Kindern. Voraussetzung ist allerdings, dass die Integrationsklassen grosszügig unterstützt werden, so wie wir das in Basel tun.
Was ist mit Kindern, die Lernstörungen haben oder verhaltensauffällig sind?
Vor allem die verhaltensauffälligen Kinder sind eine Herausforderung für jedes Schulsystem. Sie sind in einem separativen Angebot wie einer Kleinklasse oft ebenso schwierig zu betreuen wie in einer Regelklasse.
Trotzdem sind die Heilpädagogen teilweise sehr skeptisch, ob es richtig ist, die Kleinklassen aufzulösen.
Die Kleinklassen, ein von der Volksschule getrennter Schulzweig, waren zur Zeit ihrer Gründung eine wichtige soziale und pädagogische Erfindung, indem sie die Aufmerksamkeit auf die jungen Menschen mit Lern- und Entwicklungsschwierigkeiten lenkten und sie mit den Instrumenten der Heilpädagogik förderten. Auch hier denken wir heute anders: Kinder, die heilpädagogisch gefördert werden müssen, sollen nach Möglichkeit nicht ausgegliedert werden, sondern in der Regelschule mit heilpädagogischer Unterstützung lernen. Aber auch hier gilt: Integration ist nicht in jedem Fall möglich und sinnvoll. Die Grenzen der Integration liegen einerseits bei den Möglichkeiten der Kinder und Jugendlichen und andererseits bei der Tragfähigkeit der Volksschule. Es braucht weiterhin heilpädagogische Spezialangebote, die aber nicht mehr von der Volksschule getrennt sind.
Wie weit ist der Weg vom Integrationskonzept zur Verwirklichung?
Ein Konzept wie jenes zur Integration lässt sich in einem Jahr zu Papier bringen. Die Umsetzung passiert im Kontakt von Menschen zu Menschen. Das ist unendlich viel schwieriger und braucht viel Zeit. Deshalb haben wir auch lange Zeiträume eingeplant, um das Integrationskonzept umzusetzen. Wir wollen die Schulen nicht unter Druck setzen.
Das Tempo bei der Umsetzung der Integrationsidee war in den vergangenen Jahren jedoch eher forsch.
Das stimmt. Wir müssen selbstkritisch feststellen, dass die Auflösung der Kleinklassen an der Orientierungsschule zu schnell erfolgte.
Überfordert man mit der Integrationsaufgabe nicht ohnehin manche Lehrer, manche Klassen, manche Schulhäuser?
Doch, das ist möglich. Deshalb wollen wir auch nicht mit Quoten entscheiden, welches Schulhaus wie viele Kinder integrieren muss. Sondern wir müssen anschauen, welche Klassen sich dazu eignen, etwa ein geistig behindertes Kind aufzunehmen. Man muss immer im Einzelfall und im Kontext des Vierecks Kind, Familie, Klasse und Schulhaus sowie Fachpersonen entscheiden.
Der Baselbieter Lehrerverein schiesst scharf gegen das integrative Modell. In Basel war das Konzept «Förderung und Integration an der Volksschule» bis Ende September in der schulischen Konsultation. Wie interpretieren Sie die vorwiegend positive Reaktion der Basler Lehrerschaft?
Es wäre töricht, die Entwicklung einer Kernfrage der Volksschule gegen die Lehrerschaft voranzutreiben. Die Lehrerschaft hat in ihrer Konsultationsantwort zwar Vorbehalte und Sorgen zur Integration geäussert und ausreichende Ressourcen angemahnt, aber den schulorganisatorischen und pädagogischen Grundsatzfragen klar zugestimmt. Wir können also in enger Absprache mit der Lehrerschaft, den Schulleitungen und den Fachpersonen in dieser Frage voranschreiten.
Sind Sie überzeugt, dass das Integrationsmodell mehr als ein aktueller Trend ist?
Ich würde nie in Anspruch nehmen zu wissen, was in zwanzig Jahren ist. Jede bildungspolitische Entwicklung hat wieder ihre Korrekturen erfahren. Ich vermute aber, dass die Entwicklung in Richtung Integration Bestand haben wird. Denn sie ist Wesenskern einer demokratischen Gesellschaft.
Und vollkommen umkehrbar wäre der Integrationsprozess ohnehin nicht, oder?
Nein, allein schon deshalb, weil Integration keine Umwälzung auslöst, sondern Weiterarbeit am Kernauftrag der Volksschule bedeutet. Integration ist nicht eine neue Aufgabe. Gerade bei der Integration von fremdsprachigen Kindern darf Basel stolz auf seine Schule sein. (Basler Zeitung)
Erstellt: 09.10.2009, 03:35 Uhr
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2 Kommentare
Von mir aus kann Herr Signer die Volksschule kaputtmachen. Ich wäre einfach froh, wenn endlich Bildungsgutscheine an Eltern verteilt würden und das Staatsmonopol fällt. Die Eltern sollen entscheiden können, ob sie ein kaputt reformiertes Schulsystem weiterhin unterstützen wollen. RIP Volksschule. Antworten
Mit der Heterogenisierung der Volksschule wird das Bildungsniveau vorsätzlich herabgesetzt. Für die Lehrerinnen und Lehrer wird es immer schwieriger, in solchen Klassen zu unterrichten. Konflikte, die durch die Schulreform erst generiert werden, dürfen dann von sog. Heilpädagogen angeblich wieder ins Lot gebracht werden. In Wirklichkeit wird die psychosoziale Kontrolle systematisch ausgebaut. Antworten
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