Basel

Die Reduktion des Autoverkehrs ist umstritten

Von Patrick Künzle und David Weber. Aktualisiert am 10.11.2010 21 Kommentare

Am 28. November stimmt Basel über die Städte-Initiative und den Gegenvorschlag ab. VCS-Präsidentin Anita Lachenmeier und TCS-Präsident Christophe Haller kreuzen die Klingen.

Die Kontrahenten: Christophe Haller (FDP, 53) ist Grossrat und Präsident des Autoverbands TCS beider Basel. Anita Lachenmeier (Grüne, 51) ist Nationalrätin und Co-Präsidentin des Umweltverbands VCS beider Basel.

Die Kontrahenten: Christophe Haller (FDP, 53) ist Grossrat und Präsident des Autoverbands TCS beider Basel. Anita Lachenmeier (Grüne, 51) ist Nationalrätin und Co-Präsidentin des Umweltverbands VCS beider Basel.
Bild: Henry Muchenberger

Umfrage

Die Städte-Initiative will den Autoverkehr in Basel innerhalb von zehn Jahren um ein Viertel reduzieren. Finden Sie das richtig?

Ja

 
59.5%

Nein

 
40.5%

262 Stimmen


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BaZ: Frau Lachenmeier, sind Sie eine Autohasserin?
Anita Lachenmeier: Nein, ganz und gar nicht. Ich finde einfach, man sollte das Auto gezielt einsetzen. Beispielsweise für Transporte oder für Fahrten an Orte, die mit dem öffentlichen Verkehr nicht gut erreichbar sind. Das Auto kann auch jenen Leuten eine grosse Hilfe sein, die selber nicht mobil sind.

Die Städte-Initiative ist also nicht autofeindlich?
Lachenmeier: Nein, absolut nicht. Im Gegenteil: Laut Statistik sind nur fünf Prozent der Autofahrten Nutzverkehr und dieser steht heute häufig im Stau. Wenn die unnötigen Fahrten künftig mit anderen Verkehrsmitteln gemacht werden, dann haben beispielsweise Gewerbetreibende wieder mehr Platz auf der Strasse und sie finden leichter einen Parkplatz.

Herr Haller, sind die Befürworter der Initiative aus Ihrer Sicht Autohasser?
Christophe Haller: Die Städte-Initiative steht schon ein bisschen unter dem Motto «Das Auto ist böse und man muss es bekämpfen». Ich habe natürlich nichts dagegen, wenn Leute bewusst aufs Auto verzichten. Aber sie sollen bitte ihren eigenen Lebensstil nicht als leuchtendes Vorbild betrachten und allen anderen Menschen ihre Ansichten aufzwingen. Ich empfinde die Städte-Initiative als missionarisch. Diesen ideologischen Hintergrund bekämpfe ich sehr stark.

Die Mehrheit der Stadtbevölkerung verzichtet aufs Auto – politisieren Sie nicht an den Bedürfnissen der Basler vorbei, Herr Haller?
Haller: Nein. Man muss die Bevölkerungsstruktur genau anschauen. In Basel leben viele ältere Menschen, die nicht mehr Auto fahren können, und viele Studenten, die sich noch kein Auto leisten können. Sie verzichten somit nicht freiwillig aufs Auto. Wenn man diese Besonderheit der Bevölkerungsstruktur berücksichtigt, ist Basel nicht untermotorisiert. Grundsätzlich bin ich überzeugt: Mobilität gehört zur Lebensqualität und, man muss sie den Leuten ermöglichen. Zudem ist Basel seit jeher Verkehrsknotenpunkt und Zentrum einer Region. Viele Leute kommen zum Arbeiten und Konsumieren täglich zu uns.

Fakt ist: Die Städte-Initiative will den Autoverkehr in zehn Jahren um ein Viertel reduzieren. Weshalb besteht aus Sicht der Initianten Handlungsbedarf?
Lachenmeier: Herr Haller hat gesagt, man dürfe die Mobilität nicht einschränken. Dem kann ich zwar beipflichten. Aber es gibt verschiedene Arten von Mobilität. Die Mobilität der schwächeren Verkehrsteilnehmer ist heute stark eingeschränkt, daher gibt es Handlungsbedarf. Ich habe gerade diese Woche mit einer Frau gesprochen, die jahrelang mit dem Velo zur Arbeit fuhr, jetzt traut sie sich aber nicht mehr, weil der Autoverkehr zugenommen hat. Mir ist wichtig, dass es für alle Verkehrsteilnehmer genügend Platz gibt. Heute hat das Auto ein klares Übergewicht. Dies will die Städte-Initiative verändern und die ökologisch verträgliche Mobilität fördern. Die Städte-Initiative steigert die Lebensqualität, denn 90 Prozent der Leute in Basel müssen schlechte Luft einatmen, die vom motorisierten Verkehr verursacht wird.
Haller: Die Luft würde keineswegs besser mit der Städte-Initiative. Die Umsetzung der Initiative, aber auch des Gegenvorschlags des Grossen Rates würde zu massiven Staus führen.
Lachenmeier: Es ist mir schleierhaft, wie man auf die Idee kommt, dass eine Reduktion des motorisierten Verkehrs zu Stau führt.
Haller: Wenn man jede vierte Autofahrt verhindern will, muss man künstlichen Stau produzieren. Nur wenn die Strassen verstopft sind, werden genügend Leute dazu animiert, aufs Auto zu verzichten. Unter dem Stau leiden dann alle. Andere Möglichkeiten sehe ich höchstens darin, dass am Montag nur noch die Autos mit den geraden Nummern und am Dienstag jene mit den ungeraden fahren dürfen. Oder wir schliessen die Stadt vormittags um 8 Uhr für die elsässischen Pendler. Auch Regierungsrat Hans-Peter Wessels sagt, dass die Initiative nicht umsetzbar ist und die bisherigen und geplanten Verkehrsberuhigungsmassnahmen in den Quartieren stark erschweren würde.

Ihnen schweben wohl andere Massnahmen zur Reduktion des Autoverkehrs vor, Frau Lachenmeier?
Lachenmeier: Künstlichen Stau zu produzieren, wäre natürlich Unsinn. Wir müssen den öffentlichen Verkehr ausbauen, die Velostreifen sicherer machen und die Trottoirs verbreitern, damit die Leute gerne zu Fuss unterwegs sind. Fakt ist, dass 30 Prozent der Fahrten mit dem motorisierten Verkehr kürzer als drei Kilometer sind, 50 Prozent kürzer als fünf Kilometer. Diese Wegstrecken lassen sich problemlos mit dem ÖV, Velo oder zu Fuss zurücklegen. Hinzu kommt, dass 64 Prozent Freizeit- und Einkaufsverkehr ist. Heutzutage wird viel zu schnell das Auto verwendet.
Haller: Jetzt sind wir genau beim Sektiererischen der Initiative. Die Initianten wollen den Leuten eine Lebenseinstellung aufzwingen. Ich selber bin Fasnächtler und ein begeisterter Pfeifer. Sollte ich etwa verlangen, dass das Trommeln, die Guggenmusiken und die Waggis verboten werden? Selbstverständlich nicht. Aber auf diesem argumentativen Niveau bewegt sich die Städte-Initiative.
Lachenmeier: Der Vergleich ist schief. Sie sprechen von Verboten, ich spreche von einem besseren Angebot für den Langsamverkehr. Mit der Attraktivitätssteigerung des ÖV beispielsweise werden viele Leute zum Umsteigen bewegt.
Haller: Das klingt zwar gut, aber mich stört, dass die Initiative unsinnig formuliert ist. Sie bezieht in ihr Reduktionsziel etwa die Autobahnen mit ein, die durch die Stadt führen. Auf diesen Schnellstrassen ist eine Zunahme des Verkehrs um 40 Prozent in 30 Jahren prognostiziert. Die Autobahnen sind jedoch in der Kompetenz des Bundes, der Kanton kann dort gar keine Massnahmen zur Verkehrsreduktion ergreifen. Das bedeutet: Wenn Herr Müller aus Hamburg in die Toskana in die Ferien fährt, dann darf Frau Meier aus dem Neubad ihr Auto nicht mehr benutzen. Nur so am Rande: Zu den Autos werden absurderweise auch Elektrovelos gezählt.
Lachenmeier: Nein, die gehören nicht dazu, weil sie auch mit Menschenkraft betrieben werden.

Sind diese Unschärfen und Unklarheiten nicht vielleicht ein Grundproblem der Initiative, die bloss ein abstraktes Ziel formuliert. Wäre es nicht sinnvoller, einzelne konkrete Massnahmen zur Reduktion des Autoverkehrs zur Abstimmung zu bringen – beispielsweise Road Pricing?
Lachenmeier: Nein, denn es gibt 100 Massnahmen, die ich Ihnen hier aufzählen könnte. Die Städte-Initiative fordert die Behörden dazu auf, zahlreiche kleine Massnahmen zu forcieren.
Haller: Diese kleinen Massnahmen hätten aber grosse Auswirkungen. Wahrscheinlich überlegt sich dann die eine oder andere Firma, ob sie ihre Fabrik nicht doch lieber im Elsass statt in Basel baut, weil die Arbeitnehmer dort mit dem Auto zur Arbeit kommen können. Ich bin zudem sicher, dass noch weniger Leute zum Einkaufen in die Stadt fahren. Die Initiative ist daher wirtschaftsfeindlich.
Lachenmeier: Nur ganz wenige Menschen fahren noch mit dem Auto in die Innenstadt, um einzukaufen. Hinzu kommt, dass eine autofreie Innenstadt sehr attraktiv ist für Einkaufstouristen. Die Leute können in aller Ruhe flanieren. Viele Städte werben explizit damit.

Frau Lachenmeier, was passiert nach einer Annahme der Städte-Initiative, wenn das Reduktionsziel in zehn Jahren nicht erreicht wird?
Lachenmeier: Dann muss man noch stärkere Massnahmen ergreifen und erreicht das Ziel erst zwei, drei Jahre später. Zum Beispiel mit Road Pricing.

Glauben Sie denn, dass das Ziel erreicht werden kann?
Lachenmeier: Ja, das Ziel ist realistisch. Viele Leute realisieren, wie stark ihre Lebensqualität steigen würde, wie viel Freiräume und Freiheit sie hinzugewinnen würden.
Haller: Die Leute würden an Freiheit verlieren. Sie dürften nicht mehr Auto fahren. Ich möchte dagegen in einer liberalen Gesellschaft leben.

Es fällt auf, dass der Abstimmungskampf bislang flau verlaufen ist. Vor allem die Gegner treten kaum in Erscheinung. Es gibt nicht einmal eine Internet-Homepage des Nein-Komitees.
Haller: Wir haben eine Facebook-Seite.

Trotzdem: Warum investieren die Bürgerlichen deutlich weniger in den Abstimmungskampf als unlängst bei der Parkraumbewirtschaftung – ist ihnen die Vorlage zu wenig wichtig?
Haller: Nein, sie ist sehr wichtig. Wir machen auch, was möglich ist, haben Plakate aufgehängt, ein Komitee gegründet. Zugegeben: Wir haben nicht allzu grosse finanzielle Mittel. Die Gegner scheinen mehr investieren zu können.

Womit wir zur Schlussfrage kommen. Die Städte-Initiative formuliert ein verkehrspolitisches Ziel, das in zehn Jahren erreicht werden soll. Wie lautet Ihre persönliche Vision, wie soll die Verkehrsstadt Basel im Jahr 2020 aussehen?
Lachenmeier: Ich denke, dass bedeutend mehr Leute Velo fahren, weil die Velostreifen ausgebaut sind und es weniger gefährliche Kreuzungen gibt. Wesentlich mehr Leute sind zu Fuss unterwegs, weil die Trottoirs breiter und damit sicherer sind. Die meisten Leute aus der Agglomeration kommen mit dem Tram und der S-Bahn in die Stadt. Es gibt mehr Tempo-30-Zonen. Und man kann die Kinder bedenkenlos in die Schule schicken. Meine Vision ist, dass die Verkehrszone insgesamt reduziert wird, sodass man mehr Freiräume und Begegnungszonen einrichten kann.
Haller: Ich wünsche mir, dass der Durchgangsverkehr möglichst schnell durch Basel gelangt. Noch besser wäre es, wenn der Verkehr, der von Hamburg nach Palermo fährt, um die Stadt herum geführt würde. Ich wünsche mir aber auch, dass die verschiedensten Verkehrsträger in Frieden miteinander leben. Die Wahlfreiheit für unsere Bürgerinnen und Bürger soll bestehen bleiben. (Basler Zeitung)

Erstellt: 10.11.2010, 07:23 Uhr

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21 Kommentare

Morten Lupers

10.11.2010, 09:35 Uhr
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Haller argumentiert mit Übertreibungen, zieht die Massnahmen ins Lächerliche, verbreitet Unwahrheiten. Wer hier effektiv von missionarischem Eifer (und Wirtschaftsinteressen) getrieben ist, ist er. Ausserdem drängt auch jemand, für den Freiheit offenbar vor allem aus Autofahren besteht, selber seine Vision den anderen auf. Die leben nämlich in derselben Stadt und atmen dieselben Abgase. Antworten


C. Brunner

10.11.2010, 10:04 Uhr
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Alle bisherigen Massnahmen gegen den Verkehr, Beruhigung der Quartierstrasse haben das Verkehrsaufkommen auf dem Cityring verstärkt, aber auch am Cityring wohnen Menschen, meist soche, die unfreiwillig oder freiwillig auf das Auto verzichten. In meiner Nachbarschaft haben die wenigten ein AUto, dürfen aber den Dreck von ca. 16000 Autos täglich inhalieren. Antworten



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