Basel
«Die Regierung macht das Quartier kaputt»
Von Mischa Hauswirth. Aktualisiert am 07.07.2012 104 Kommentare
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Irgendwann sei es genug, und dieser Punkt sei jetzt erreicht, sagt Anne Lüthy. Seit ihrer Geburt 1935 lebt sie in einem mehrstöckigen Haus an der Haltingerstrasse. «Das neue Asylheim an der Feldbergstrasse veranschaulicht, wie egal wir Kleinbasler Hausbesitzer den Behörden sind», sagt Lüthy. «Die Regierung macht das Quartier kaputt.» Lüthy hat den Wandel dieses Stadtteils miterlebt. Wie sich das Viertel von einem Quartier von Chemiearbeitern zu Basels Problemfall und dann zum Getto gewandelt hat. Wie die Schweizer Mieter gingen und die ausländischen kamen und der Verkehr auf der Feldbergstrasse mehr und mehr wuchs. Wie kleine Läden schlossen und an ihrer Stelle Dönerbuden oder türkische Geschäfte Einzug hielten. Wie aus einem Arbeiter- und Handwerkerquartier «Klein-Istanbul» wurde.
Das Asylzentrum an der Ecke Feldbergstrasse/Klybeckstrasse ist zwar als «Übergangsnutzung» gedacht, denn in drei Jahren will Immobilien Basel-Stadt ein neues Gebäude bauen und damit das Quartier aufwerten. Doch für Lüthy heisst das drei Jahre «sehr, sehr schwierige Zustände im Quartier». Sie redet von Lärmstörungen, zwielichtigen Gestalten auf der Strasse und einem hohen Anteil an Leuten, die auf der Strasse herumlungern würden. Vor allem nachts. Ein solches Umfeld vertreibe ihr die Mieter, sagt sie. Daran würden auch die Aufwertungsbeteuerungen der Behörden nichts ändern.
Schule als Spiegel des Quartiers
Das Kleinbasel ist seit Jahrzehnten ein Stadtteil mit Problemen, was nicht zuletzt mit der Bevölkerungsdichte zusammenhängt. Neben dem gedrängten Wohnen drückt auch der wachsende Verkehr auf die Lebensqualität. In den Quartieren Matthäus, Klybeck und Kleinhüningen drängen sich mehr als 25'000 Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern auf engstem Raum. Seit 2000 blieb die Wohnbevölkerung im Clara- und Matthäus-Quartier zwar auf ähnlichem Niveau, deutlich angestiegen hingegen ist der Anteil der ausländischen Bevölkerung.
Die negativen Auswirkungen des Nationalitäten- und Kulturmixes zeigen sich besonders deutlich in der Primarschule. Hier liegt der Ausländeranteil in vereinzelten Klassen bei gegen hundert Prozent, Deutsch als Muttersprache wird immer seltener. Das Stadtteilsekretariat Kleinbasel forderte im April dieses Jahres mehr Schulsozialarbeit und hielt fest: «Die Lehrpersonen stossen in Bezug auf die Elternzusammenarbeit oft an Grenzen, da sie auf viele belastete Familiensituationen treffen. Der Bedarf an Unterstützung der Eltern zu Hause, im Familienleben, gehört in diesem Ausmass nicht mehr in den Aufgabenbereich einer Lehrperson.»
Hausbesitzer leiden unter Situation
Anne Lüthy stellt den Niedergang des Kleinbasels nicht nur an dem Wandel im Umfeld fest, sondern auch am Wertverlust ihrer Liegenschaft, obwohl sie ihr Haus unterhält. Sie erzählt von einheimischen Hausbesitzern, die ihre Häuser verkauft oder an den Staat als Sozialwohnungen vermietet hätten, um keine Investitionen mehr tätigen zu müssen. Innerlich hätten viele Hausbesitzer mit dem Kleinbasel abgeschlossen, sagt Lüthy.
Immobilienhändler wollen zwar nicht pauschal von einem Wertverlust von Kleinbasler Immobilien reden, bestätigen aber, dass rund dreihundert Meter um die Kreuzung Feldbergstrasse/Klybeckstrasse sich eine Problemzone erstreckt. Peter Stalder, Immobilienhändler und Meister der Kleinbasler Ehrengesellschaft zum Rebhaus, sagt: «Wer ein Haus kaufen möchte, achtet vor allem auf den Standort. Das Haus kann er umbauen oder neu gestalten, das Umfeld nicht.» Stalder, der selber im Matthäusquartier aufgewachsen ist, stellt die von Lüthy genannten Veränderungen ebenfalls fest und bezeichnet den wachsenden Ausländeranteil als problematisch, «weil das Gleichgewicht nicht mehr stimmt». Die heutige Situation sei auf das Verhalten der Behörden zurückzuführen, die sich um die Innenstadt und das Bruderholz kümmern, das Kleinbasel einfach schlittern liessen, wie er sagt.
Noch deutlichere Worte wählt René Thoma, Meister der Kleinbasler Ehrengesellschaft zur Hären: «Die Verwaltung lässt die Bevölkerung im Kleinbasel im Stich.» Das Asylheim an der Feldbergstrasse ist die jüngste von mehreren Asylunterkünften im Kleinbasel. Wie viele es tatsächlich sind und wo sie sich genau befinden, wollen die Behörden nicht preisgeben. Auf Anfrage der BaZ betont die Asylkoordination, dass sie lieber keinen Artikel mehr über das Thema lesen möchte, weil es der Dialogfindung mit den Anwohnern wenig zuträglich sei.
In verschiedenen Liegenschaften rechts des Rheins leben zurzeit 338 Asylsuchende, dazu kommt noch die Bundesempfangsstelle an der Freiburgerstrasse mit über 100 Plätzen, die aber unter Aufsicht des Bundes steht und deshalb nicht im Zuständigkeitsbereich des Kantons liegt. Zum Vergleich: Auf Grossbasler Seite leben aktuell 415 Asylsuchende. Einige Kleinbasler wollen – motiviert vom Widerstand im St. Johannsquartier gegen das Asylschiff – nicht länger hinnehmen, dass die Behörden frei bestimmen können, wo sie die Asylsuchenden einquartieren. Asylkoordinatorin Renata Gäumann sagt, dass bei der Suche nach Unterkünften für Asylsuchende nicht das Quartier im Vordergrund steht, sondern der Häusermarkt und die Preise. «Natürlich versuchen wir, die Asylsuchenden auf verschiedene Stadtviertel zu verteilen, aber wir haben kein unbeschränktes Budget zur Verfügung», sagt Gäumann. «In den vergangenen Jahren war es nun mal so, dass es im Kleinbasel eher Liegenschaften zu mieten oder kaufen gab, die wir uns leisten konnten.»
Schnellere Verfahren gefordert
Gemäss Georges A. Böhler, Präsident des Quartiervereins Kleinhüningen, ist die Regierung selber schuld, wenn es in der Bevölkerung immer mehr rumort. Er fordert, dass Basel-Stadt den Verteilschlüssel, nach dem die Asylsuchenden in der Schweiz verteilt werden, neu verhandelt. «Es kann doch nicht sein, dass Basel-Stadt gleich viel Asylsuchende aufnehmen muss wie der Kanton Neuenburg, der über viel mehr Platz verfügt.»
Für FDP-Grossrat und Regierungsratskandidat Christophe Haller ist das Problem der Gettoisierung im Kleinbasel nicht von heute auf morgen zu lösen. «Andererseits ist es offensichtlich, dass es nun wie in Holland deutlich schnellere Asylverfahren braucht», sagt Haller. Er geht davon aus, dass sich dadurch auch die Situation in Basel entspannen würde. Haller hält es für kein geeignetes Signal an die Asylsuchenden, wenn diese vor dem Erhalt eines definitiven Bleibeentscheides in Wohnungen untergebracht werden. Und er wünscht sich eine Diskussion darüber, ob Basel-Stadt zusammen mit anderen Kantonen ein Asylzentrum auf dem Land führen könnte. Im Frühling gab es eine Informationsveranstaltung zum neuen Asylzentrum an der Feldbergstrasse. Lüthy sagt, sie sei nicht eingeladen worden und habe erst im Nachhinein davon erfahren, obwohl ihr der für das kantonale Asylwesen zuständige SP-Regierungsrat Christoph Brutschin versprochen habe, sie persönlich einzuladen. Lüthy unterstellt den Behörden, sie absichtlich vergessen zu haben, um ihre kritische Stimme von der Veranstaltung fernzuhalten. Asylkoordinatorin Gäumann widerspricht dieser Darstellung und sagt, Lüthy habe eine persönliche Einladung erhalten.
Oft bleibt nur der Wegzug
Mit ihren Bedenken zur Lage im Quartier hat sich Lüthy Anfang Juni an Brutschin gewandt. In seinem Antwortbrief schreibt er, dass die neue Nutzung der Liegenschaft zu einer Verbesserung des Wohnumfeldes beitragen werde, sei dort doch bislang ein Bordell mit illegalen Prostituierten einquartiert gewesen.
Lüthy mag als Einzelperson auftreten, doch sie ist nicht die Einzige, die genug hat von der «kantonalen Ansiedlungsstrategie von Asylsuchenden». Auch Böhler fordert die Politiker auf, die Bevölkerung endlich ernst zu nehmen. Denn die Schweizer, die noch im Kleinbasel lebten, würden die Faust im Sack machen. «Viele haben Angst vor Repressionen durch den Staat oder die Multikultianhänger oder werden mundtot gemacht», sagt Böhler. «Oft bleibt da nur noch der Wegzug in ein anderes Quartier oder ganz weg von Basel.» (Basler Zeitung)
Erstellt: 07.07.2012, 07:39 Uhr
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104 Kommentare
ch habe selber fast 40 Jahre im KB gewohnt und kann das nur unterschreiben. Das Kleinbasel ist voll am Verslumen. Zu viele dieser Zugezogenen halten sich an keine Regeln, sei es, was die Hausordnung anbelangt oder welche Pflichten man gegenüber der Allgemeinheit hat, und nicht zuletzt, wie man sich in der Öffentlichkeit benimmt. Von den Problemen im Umgang mit Ämtern ganz zu schweigen. Antworten
"bislang ein Bordell mit illegalen Prostituierten einquartiert gewesen". Und die Lebensqualität hat sich mit dem Asylzentrum gesteigert? Als direkt Betroffener kann ich nur sagen: Eine blanke Lüge. Lärm hatte ich keinen als die illegalen Prostituierten da waren (nun ist es die Hölle). Jahrelang wird -im vollen Wissen- illegale Prostitution geduldet/gefördert: Was ist bloss los in dieser Stadt! Antworten
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