Die Sozialhilfequote geht zurück

Von David Weber. Aktualisiert am 27.12.2011 30 Kommentare

Gründe für die Entwicklung sieht Nicole Wagner, die Leiterin der Sozialhilfe Basel-Stadt, im stabilen Arbeitsmarkt und in Integrationsmassnahmen.

Die basel-städtische Sozialhilfequote sinkt kontinuierlich, während jene der Schweiz stagniert.

Die basel-städtische Sozialhilfequote sinkt kontinuierlich, während jene der Schweiz stagniert.

Umfrage

2010 waren in Basel noch 5,6 Prozent der Bevölkerung auf Unterstützung angwiesen. Arbeitet das Sozialamt Basel-Stadt gut?

Ja

 
45.0%

Nein

 
55.0%

731 Stimmen


Nicole Wagner, Chefin der Sozialhilfe Basel-Stadt, freut sich über die sinkenden Fallzahlen. (Bild: Henry Muchenberger)

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Seit Mai 2011 leitet Nicole Wagner die Sozialhilfe Basel-Stadt. Die 52-jährige Juristin löste Rolf Maegli ab, der eine neue Herausforderung annahm. 2010 verzeichnete Basel-Stadt den grössten Rückgang der Sozialhilfefälle aller Kantone, wie das Bundesamt für Statistik letzte Woche bekannt gab. 5,6 Prozent der Bevölkerung waren auf Unterstützung angewiesen, 2009 waren es noch 6 Prozent. Die gute Nachricht fand in den regionalen Medien kaum Beachtung. Wagner nimmt Stellung zu den Gründen des positiven Trends.

Nicole Wagner, zum zweiten Mal in Folge trägt Basel-Stadt bei der Sozialhilfequote nicht mehr die rote Laterne, sondern Neuenburg.
Ja, es ist erfreulich, dass in Basel die Anzahl der Sozialhilfeempfänger rückläufig ist, aber wir vergleichen uns in der Regel mit Städten und nicht mit Kantonen. Weil Städte ganz andere Voraussetzungen haben als ländliche Gebiete, ist der Kantonsvergleich schwierig.

Doch umso erstaunlicher ist es, dass mit Neuenburg ein ganzer Kanton hinter den Stadtkanton Basel zurückgefallen ist. Überrascht?
Nicht unbedingt. Der grosse Teil der Personen kommt wegen Arbeitslosigkeit in die Sozialhilfe. Das heisst, wenn in einer Region viele Firmen abwandern oder Stellen abbauen, hat das mit ein, zwei Jahren Verzögerung direkten Einfluss auf die Sozialhilfequote. In Basel war die Lage in den letzten Jahren relativ stabil.

Der positive Trend in Basel-Stadt widerspricht den Prognosen. Ihr Vorgänger Rolf Maegli warnte Anfang 2009 wegen der Wirtschaftskrise vor einem «massiven Anstieg» der Fallzahlen. War man zu pessimistisch?
Vielleicht, ja. Man hat allgemein angenommen, dass die Auswirkungen grösser sind. Aber einerseits sind Prognosen über die Entwicklung des Arbeitsmarktes schwierig, andererseits waren jene Firmen, die in Basel Jobs abgebaut haben, eher im höheren Segment angesiedelt, was die beruflichen Qualifikationen der Mitarbeiter betrifft. Diese Leute finden schneller wieder eine Anstellung.

Die letzte Woche publizierten Zahlen betreffen 2010. Wie sieht die Entwicklung der Fallzahlen in diesem Jahr aus?
Dieses Jahr zeichnet sich kein grosser Rückgang ab, die Quote sollte stabil bleiben. Die Frage ist, wie es 2012 und 2013 weitergeht.

Was ist Ihre Vermutung?
Das ist schwierig zu sagen. Aufgrund dessen, was bisher von Firmenseite bekannt ist, rechne ich nicht damit, dass die Sozialhilfe stark betroffen sein wird. Die Stellenverluste – zum Beispiel bei Novartis – betreffen gut qualifizierte Leute, welche schneller eine Arbeit finden. Zusätzlich erzeugen die Sozialpläne sowie das Stempeln eine Verzögerung von ein bis zwei Jahren. Aber die Revision der Invalidenversicherung wird Auswirkungen haben. Wie gross die Verschiebung hin zur Sozialhilfe sein wird, hängt von der konkreten Umsetzung ab, die im Moment noch unklar ist.

2006 lag die Sozialhilfequote in Basel-Stadt noch bei 7,1 Prozent, nun bei 5,6 Prozent. Was sind die Gründe für diese Abnahme?
Neben der stabilen Lage auf dem Arbeitsmarkt sind es wohl die verstärkten Integrationsmassnahmen der Sozialhilfe, die greifen. Wir haben uns unglaublich bemüht, gerade bei jungen Erwachsenen zusammen mit dem Amt für Wirtschaft und Arbeit sowie anderen Partnern, Massnahmen zu entwickeln und umzusetzen. Das hat sicher zum Rückgang beigetragen.

Gibt es eine Gruppe von Klienten, die Ihnen Sorgen macht?
Sorgen nicht direkt, mehr im Sinn davon, dass wir unser Augenmerk besonders auf die jungen Erwachsenen richten. Wir haben ein grosses Interesse, dass Junge möglichst rasch und vor allem dauerhaft in den Arbeitsmarkt gelangen oder zurückgeführt werden können. Deshalb fassen wir den Begriff «junge Erwachsene» bewusst weit und legen grossen Wert auf Ausbildung und eine Verbesserung der beruflichen Qualifikation der Betroffenen. Sonst besteht die Gefahr, dass abgelöste junge Erwachsene bei der nächsten Sparrunde einer Firma wieder betroffen sind, und erneut bei uns landen.

Heute haben aber gerade auch Personen ab 50, die den Job verlieren, Schwierigkeiten wieder Arbeit zu finden. Wieso der Fokus auf die Jungen?
Das eine schliesst das andere ja nicht aus. Auch auf die Gruppe der über 50-Jährigen und der Langzeitarbeitslosen haben wir einen besonderen Fokus. Die Sozialfirma Dock, die diesen Sommer den Betrieb aufgenommen hat, ist ein Angebot für diese Gruppen. Aber warum ist die Integration von Jungen besonders wichtig? Weil sie noch das ganze Leben vor sich haben, respektive 30 bis 40 Jahre an Arbeitszeit oder Sozialhilfeabhängigkeit. Bei Personen kurz vor der Pensionierung geht es mehr um eine gute Übergangslösung. Die Perspektive ist eine andere.

Und es ist eine Frage der finanziellen Belastung für die Sozialhilfe.
Auch, ja. Wir haben alle ein Interesse, dass wir junge Erwachsene in den Arbeitsprozess bringen. Aber ob jung oder alt: Arbeit bedeutet nicht nur Lohn, sondern auch eine Tagesstruktur, soziale Kontakte, Selbstwertgefühl. Wenn Junge da rausfallen, ist das verheerend, mit allen Folgeerscheinungen für die Gesellschaft.

Im Frühsommer kritisierte die Liste 13, eine Organisation für Armutsbetroffene, dass die Sozialhilfe zu streng sei, also überdurchschnittlich viele Sanktionen ausspreche und unterdurchschnittlich wenige Integrationszuschüsse gewähre. Was sagen Sie dazu?
Mir liegen keine Zahlen vor, dass Basel-Stadt strenger wäre als die Sozialhilfen anderer Städte. Aber es ist so, dass wir auch eine Gegenleistung einfordern und damit gute Erfahrungen gemacht haben. Die Sozialhilfe ist bemüht, für jede Person spezifische Unterstützungsmassnahmen zu treffen. In Absprache mit den Klienten. Das ist eine Gratwanderung, die einen finden, wir üben zu viel Druck aus, die anderen zu wenig. Aber das Ziel ist immer die Integration des Klienten, insbesondere in den Arbeitsmarkt.

Kritik gibt es auch, weil die Mitarbeitenden zu viele Dossiers bearbeiten müssen.
Die hohe Dossierbelastung ist in der Tat eine grosse Herausforderung. Umso mehr freut mich das grosse Engagement der Angestellten.

Hohe Dossierbelastung, was heisst das in Zahlen?
100 bis 120 Dossiers pro Person wären die Zielgrösse, aber teilweise müssen Mitarbeitende 130 oder bis 140 Dossiers bearbeiten.

Ist Entspannung in Sicht? Werden Sie zum Beispiel bald mehr Personal erhalten?
(Lacht) Das wäre natürlich schön, aber das ist eher unrealistisch. Das Budget und die Stellenzahlen sind relativ fix, und dass der Grosse Rat uns mehr Mittel gibt, ist unwahrscheinlich. Aber ich glaube, dass wir durch einen optimalen Einsatz der Ressourcen eine Entlastung erzielen können, daran arbeiten wir. (Basler Zeitung)

Erstellt: 27.12.2011, 07:32 Uhr

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30 Kommentare

Alois Weber

27.12.2011, 11:21 Uhr
Melden 28 Empfehlung

Dieses Zahlenspiel ist die reinste Propaganda um der Bevölkerung weiszumachen, dass die Geldverschwendung beim Sozialamt rückläufig sei. Oder wie lässt sich erklären, dass die Werte in Franken in dieser Statistik unterschlagen werden? Oder wieso wird zur steigenden Bevölkerungszahl in Basel und dessen veränderten Zusammensetzung (Deutsche Zuwanderer) kein Wort verloren? Antworten


Gregor Surer

27.12.2011, 08:31 Uhr
Melden 22 Empfehlung

Fast doppelt so hoch wie der Schweizer Durchschnitt ... Es gilt dem Sozialbetrug und der Erschleichung von Zuwendungen zu stoppen um die Bedürftigen zu unterstützen. Mit dem Mittel würde sich die Zahl enorm verringern und es wäre etwas Geld da um den Härtefällen mehr als nur das Minimum zuzuwenden. Antworten



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