Basel
«Die Universität ist zu Recht eine Domäne der Talentierten»
Von Nathalie Baumann (Interview). Aktualisiert am 15.12.2008 16 Kommentare
Angelika Krebs, Professorin für Philosophie an der Uni Basel. Foto: Tino Briner
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Basler Studierende debattieren die Zukunft der Hochschulbildung
Überfüllte Seminare, überholte Lernmethoden und vor lauter Kreditpunktejagen keine Zeit mehr zum Denken: Eine Diskussionsveranstaltung spiegelt die wachsende Unzufriedenheit.
Eins zu sechzig. So viele Studierende kommen derzeit in Deutschland auf einen Dozierenden. Alex Demirovic, Politikwissenschaftler an der Technischen Universität Berlin und Herausgeber der sozialkritischen Zeitschrift «Prokla», zeichnete am Donnerstag im Vesalianum ein düsteres Bild der deutschen Hochschullandschaft. Er räumte indes ein, dass auch vor der Bologna-Reform nicht alles zum Besten stand.
Eingeladen wurde der deutsche Linksintellektuelle von der Aktion kritisch-unabhängiger Studierender (AkuS), einer losen Gruppe von Basler Unigängern, die sich um die Qualität der Hochschulbildung sorgt. Sie sind unter anderem der Meinung, dass die Universität «über den Horizont der Berufswelt und der Realwirtschaft» hinausblicken und ein unabhängiger Ort kritischen Denkens sein sollte. Aus diesem Grund beklagen sie, dass die Hochschulfinanzierung über Drittmittel diskussionslos hingenommen werde. Ferner zeigt sich die AkuS unzufrieden mit dem Betreuungsverhältnis, das zwar in der Schweiz nicht ganz so prekär ist, aber allmählich ähnliche Dimensionen annimmt (siehe Interview).
Angelika Krebs, Philosophieprofessorin an der Universität Basel und zweite Referentin des Abends, forderte die Studierenden auf, sich aktiv für bessere Bildung und nachhaltigere Lernformen einzusetzen. Ferner reklamierte Krebs, dass sich angehende Akademiker über substanzielle Studiengebühren stärker an der Finanzierung ihres Studiums beteiligen sollen: «The user pays.» Es gehe nicht an, dass Müllmänner Akademiker subventionierten, sagte sie. – Gerade weil das der Fall sei, argumentierte Alex Demirovic umgekehrt, sollen auch Müllmänner am universitären Wissen teilhaben können. Die Uni müsse für alle offen sein, auf Studiengebühren solle verzichtet werden. «Die Hochschulen sind ein Herrschaftsapparat, an dem sich die Herrschenden ständig reproduzieren», beanstandet er. Das müsse sich ändern. Nach zwei Stunden lebhafter und kontroverser Diskussion wurde das Podium geschlossen. Angesichts der offenen Fragen zeigten sich die Veranstalter entschlossen, die Debatte kommenden Dienstag weiterzuführen.
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BaZ: Angelika Krebs, wer soll zur Uni gehen?
Angelika Krebs: Wer nach Wissen strebt und auch die dafür nötige Begabung mitbringt. Manchen fehlt einfach das Vorstellungsvermögen, anderen die Gedächtnisleistung. Viele von uns sind zur höheren Mathematik nicht fähig. Es haben auch nicht alle Menschen Interesse an akademischen Weihen. Für manche war das Drücken der Schulbank schon eine Qual, und die Hochschule wäre ein Gefängnis. Die arbeitsteilige Gesellschaft braucht ja zum Glück nicht nur Akademiker, sondern auch Müllmänner, Bauern, Sekretärinnen und Krankenschwestern.
Dann soll die Uni nicht für alle offen sein?
Der Slogan «Bildung für alle!» ist nur richtig, wenn es um die Grundbildung an der Schule geht, die uns auf unser Leben als Mensch und Bürger vorbereitet. Für die Hochschulbildung ist er falsch. Die Universität bereitet auf besonders anspruchsvolle Rollen in der Gesellschaft vor, zum Beispiel diejenigen der Richter, Lehrer oder Ärzte. Die Uni ist – aller Gleichheitsideologie zum Trotz – zu Recht eine Domäne der Talentierten. Und das ist nicht unbedingt ein Plädoyer für Elite-Unis.
Sie sagen: «Müllmänner subventionieren Akademiker» und kritisieren damit die «soziale Schieflage» der Finanzierung des Uni-Studiums, wie sie in der Schweiz heute stattfindet. Was wäre die Alternative?
Die primären Nutzniesser ihres Studiums sind die Studierenden. Sie erhalten später für ihre Arbeit wahrscheinlich einen hohen Lohn, haben eine relativ gute Arbeitsplatzsicherheit und können Befriedigung in ihrem Beruf finden. Nach dem Gerechtigkeitsgrundsatz von Leistung und Gegenleistung sollten sie für ihr Studium bezahlen. Und das bedeutet substanzielle Studiengebühren.
Was meint substanziell?
Mit den vom Arbeitskreis Kapital und Wirtschaft 2004 vorgeschlagenen jährlichen 5000 Franken erhöhte sich der Anteil, den Studierende an den Kosten ihrer Ausbildung übernehmen, von drei auf zwölf Prozent. In Australien tragen sie zwanzig bis dreissig Prozent, in den USA mancherorts sogar neunzig Prozent der Kosten.
Die meisten Studierenden haben dieses Geld nicht.
Ja, aber sie werden es später einmal haben. Nach dem Motto «Studiere jetzt, zahle später, wenn du genug verdienst»‚ ist zur Finanzierung der Studiengebühren auf das zukünftige Einkommen abzustellen. Günstige Darlehen helfen, den Liquiditätsengpass am Anfang des Erwachsenenalters zu überwinden. Die Darlehen sind so auszugestalten, dass niemand aufgrund seines sozialen Hintergrundes von der Universität fernbleibt. Nicht nur das Prinzip von Leistung und Gegenleistung, sondern auch das Prinzip der sozialen Chancengleichheit ist ein Anliegen der Gerechtigkeit. Keine Studiengebühren ohne soziale Chancengleichheit!
Akademiker haben zwar die besseren Berufschancen, aber oft gestaltet sich ihr Berufseinstieg ausgesprochen zähflüssig. Bis die «Generation Praktikum» zurückzahlen könnte, würde es eine ganze Weile dauern.
Die Rückzahlungsmodalitäten sollen so ausgestaltet sein, dass nicht zurückzahlen muss, wer den lukrativen Arbeitsplatz noch nicht gefunden hat oder überhaupt nicht findet. Nur so sind die Studiengebühren ja auch begründet. Ich selbst habe im Studium Bundesausbildungsförderung (Bafög) erhalten, und diese viele Jahre lang zurückgezahlt. Die Rückzahlung begann aber erst, als ich Assistentin mit festem, gutem Gehalt war. Irgendwann fing sie an, irgendwann hörte sie auf. Ich habe es kaum gemerkt. Man darf das Geld nicht so wichtig nehmen. Die Jahre an der Uni sind entscheidende Jahre des Lebens. Worauf es ankommt, ist, dass diese Jahre gute Jahre sind.
Dazu gehören zum Beispiel Seminare mit überschaubarer Teilnehmerzahl, wie sie heute auch in der Schweiz selten geworden sind. Derzeit kommen auf eine Professur vierzig Studierende. Welche Zahl wäre wünschenswert?
Ein Seminar mit vierzig Teilnehmern zerfällt unweigerlich in diejenigen – nicht unbedingt die Talentiertesten – , die vorne die «Show» machen und diejenigen – nicht unbedingt die Dümmsten –, die bloss das Publikum abgeben. Die Richtgrösse für interaktives Lernen ist die magische Zwölf. Hier können sich alle einbringen. Studierende verdienen eine Ausbildung, in der interaktives Lernen seinen festen Platz hat.
Mit welchen Mitteln könnte das erreicht werden?
Indem man mehr Professoren und Professorinnen einstellt. Mit der Einführung von jährlich 5000 Franken Studiengebühren kämen nach den Berechnungen des Arbeitskreises für Kapital und Wirtschaft schweizweit 500 Millionen Franken zusammen. Damit könnten 700 neue Professuren geschaffen werden. Man muss sich die Ausbildung an der Uni, wie das bei den Angelsachsen der Fall ist, mehr kosten lassen. Anders geht es nicht. Neues billiges Lehrpersonal einstellen, das nur lehrt, ist keine Lösung. Gibt man die Einheit von Forschung und Lehre auf, hat man bald nur noch schlechte Lehre und schlechte Forschung.
Nicht nur die Finanzierbarkeit der Lehre, sondern auch jene der universitären Forschung ist eine Debatte ohne Ende. Ist es aus Ihrer Sicht erstrebenswert, dass sich Dritte daran beteiligen?
Die universitäre Forschung hat viel mehr noch als die Lehre den Charakter eines öffentlichen Gutes. Sie soll der ganzen Menschheit zugute kommen. Daher ist sie auch vorwiegend aus öffentlichen Mitteln zu finanzieren. Wenn die Wirtschaft sich in grossem Stil direkt an der Förderung der universitären Forschung beteiligt, ist die Gefahr einer Pervertierung zu gross. Die Logik des Marktes ist nun einmal eine andere als die Logik der Wahrheit.
Dennoch funktionieren die Universitäten zunehmend nach der Logik des Marktes. Um wettbewerbsfähiger zu sein, nehmen Fächer mit steigender Tendenz ihre Geisteswissenschaftlichkeit zurück und geben sich als Naturwissenschaft aus. Zum Beispiel die Psychologie.
Es ist fatal, wenn sich die verstehenden Geisteswissenschaften am Modell der erklärenden Naturwissenschaften ausrichten und sich auf einen Wettbewerb mit den Naturwissenschaften um Drittmittel aus der Wirtschaft einlassen (müssen). Die Aufgabe der Geisteswissenschaften ist die Wahrung und Kritik sowie das tiefere Verständnis unserer humanen Lebenswelt. Die Naturwissenschaften und ihre Nützlichkeit entfalten sich erst auf dem Boden dieser Lebenswelt.
Viele Uniangehörige – Studierende wie Dozierende – beklagen die Entwicklung des Hochschulwesens im Zeichen des «Bologna»-Prozesses. Sie kritisieren, dass die Universität zu einem Unternehmen geworden und als Ort der Gesellschaftskritik praktisch nicht mehr existiert. Stimmen Sie ihnen zu?
Nein, ich sehe in «Bologna» vor allem eine Chance, auch für die Geistes- und Sozialwissenschaften. Sind wir doch einmal ehrlich: Die alte, viel beschworene «Freiheit des Geistes» war in diesen Fächern oft nur eine bequeme Lösung sowohl für die Dozierenden als auch für die Studierenden. Die Lehre war oft nicht mehr als ein Abfallprodukt der Forschung. Von den Studierenden wurde nicht viel verlangt. Sie bekamen aber auch nicht viel. Das «freie» Studium führte bei ihnen nolens volens zu Orientierungslosigkeit, Unverbindlichkeit, Mittelmässigkeit und einer beschämend hohen Studienabbrecherquote von rund siebzig Prozent.
Was hat «Bologna» verbessert?
Mit «Bologna» wird die Lehre modularisiert, das heisst, stärker strukturiert. Sie baut aufeinander auf, was das Niveau in Veranstaltungen für höhere Semester steigert. Es werden Mittel für studentische Tutorien gesprochen ein wichtiger Schritt in Richtung Kleingruppenarbeit. Ferner gibt es Kreditpunkte für studentische Leistung. Das bedeutet: Die Studierenden erhalten ein regelmässiges Feedback. Wenn sie ihr Studium abbrechen, tun sie es wenigstens früher.
Und die Gefahren von «Bologna»?
Man kann «Bologna» übertreiben und anstelle von kritischer Bildung, die zum Selbstdenken anhält und den Charakter formt, standardisiertes, nur marktgerechtes oder bloss äusserlich angeklebtes Fachwissen vermitteln. Aber dieser Gefahr kann man sich doch entgegenstellen. Soweit ich sehe, ist uns dies an der Universität Basel bisher gut gelungen. (Basler Zeitung)
Erstellt: 15.12.2008, 15:03 Uhr
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16 Kommentare
...und Frechheit zeugenden Aussagen in der BaZ. Die Chemotherapie heisst Rauswurf und Re-Organisation. Sprich nicht nur lieb ‘Hochschule’ spielen und ach wie seit ihr gescheit, SONDERN ZEIGEN WIE HIRN + AUSBILDUNG der Welt zu Gute kommt. Das Wörtchen “gut” steht im Widerspruch zu “Elitär”. (2 x 5000) x 10000 = 100 Millionen Franken pro Jahr? Nach der Finanzkrise wird es nun Zeit für eine... Antworten
Liebes Schreckgespenst, liebe Uriella mit gebleicht-geglätteten (klingt doch fast so gut wie sozio-ökonomisch) Haaren, liebe Frau Krebs, ein Geschwür, um eine Metapher zu verwenden, ein Geschwür sind beispielsweise Studentenverbindungen - und sie müssten doch zustimmen, dass deren Vorstellungsvermögen und die Gedächtnisleistung wohl getrübt sind - aber genauso Ihre von einer unglaublichen Kälte... Antworten
Fr. Krebs, ich glaube Sie sollten die Schieflage an den Universitäten nicht nur aus der Rolle der Professoren betrachten. Nur weil Sie und ihre Assistenten zu wenig Freizeit haben, wollen Sie die Zahl der Studenten senken? Der Staat hat ein Interesse daran möglichst viele Leute mit Uni-Abschluss im Land zu haben, da so die sachlich fachliche Kompetenz wie auch die Produktivität gesteigert wird. Antworten
Der kurze Einblick in die Gedanken von Frau Krebs sind interessant. Meines Erachtens, wäre es sinnvoll diese Gedanken weiterzuführen und zu analysieren. Vielleicht würde was dabei rauskommen. Weil eines steht für mich heute schon fest. Die Chancengleichheit haben wir bis heute nicht erreicht. Wenn Geld vorhanden ist, dann sind private Nachhilfstunden und die benötigten Zensuren kein Problem. Antworten
So starr wie das Rollenverständnis (vgl. Beruf mit Geschlecht in 1. Antwort), so elitär ist Krebs' Bild der Gesellschaft. Klar, zur Elite gehörend, ist man froh, wenn einem der Dreck weggeputzt wird. Aber Müllleute sollen nichts an der Uni verloren haben, nicht mal bezahlen? Wissenschaft müsste der Gesellsch. dienen statt Schöngeistern! Hier muss wennschon Prinzip Leistung gg. Gegenl. ansetzen. Antworten
Ich finde die Vorschläge von Frau Krebs interessant und überdenkenswert. Gute Bildung muss Ihren Preis haben, und Darlehen können bei anschliessender Berufstätigkeit wieder zurückbezahlt werden. Es ist evident wichtig, dass wir genügend gut ausgebildete Leute in der Schweiz haben, so dass wir nicht die Häfte der Leute aus der EU importieren müssen. Antworten
Diese pauschalen Aussagen zeugen entweder von massloser Arroganz und elitärem Denken oder von einer grenzenlosen Dummheit. Schade, dass es zur Studienzeit von Frau Krebs offenbar noch keine saftigen Studiengebüren gab. Dies hätte wahrscheinlich verhindert, dass jemand wie Frau Professor später an unserer Alma mater zu akademischen Weihen und einem sehr guten Gehalt kommt. Antworten
...ist, sagt einiges über ihre weitreichenden, ökonomischen "Talente" aus. Die Uni soll akademisch Begabte fördern - nicht jene, denen Papas Geldbörse jede Extravaganz erlaubt. Universitäten, die mehr als 10,15 % eines Jahrgangs ausbilden, können nicht gut sein. Antworten
Es wäre wünschenswert, dass die Schnapsidee des "Gymnasiums für alle" beerdigt wird. Kantone mit einem Gymnasiastenanteil von über 15 % sollte der Zutritt zur Uni nur mit Prüfung erlaubt sein. Da Intelligenz nicht steigerbar ist, muss demenstprechend das Niveau gesenkt werden. Hierdurch fände eine intellektuelle statt eine monetäre Selektion statt. Dass Fr.Krebs nicht auf so eine Idee gekommen... Antworten
Zweitens wird die Uni weniger und weniger die Domäne der akademisch talentierten und verkommt zum Klub der akad. talentiereten und untalentieren Reichen wenn sie anfangen, horrende Gebühren zu fordern. Das ist bereits der Fall in den Ländern, die als Beispiele genannt werden. In den USA müssen arme Studenten zuerst in den Krieg bevor sie Studiumsunterstützung erhalten, falls sie dann noch leben. Antworten
Ersten ist es falsch, diskriminierend und unglaublich arrogant von zu sagen, dass 'die Uni zu Recht die Domäne der Talentierten' ist wie Prof Krebs dies sagt: sind dann Handwerker nicht talentiert, Frau Krebs? Wohl gibt es dabei einige, die mehr talentiert sind als die gute Prof Krebs, nur auf andere Weise eben. So ein simples Vorurteil sollte eine Professorin der Philosopie doch durchschauen. Antworten
Es ist zu begrüssen, dass über die Rolle der Universität in der Gesellschaft diskutiert wird. Das Plädoyer für Studiengebühren hingegen ist fragwürdig, denn laut Prof. Krebs haben Akademiker wahrscheinlich einmal einen höheren Lohn als Nichtakademiker. Ergo bezahlen sie auch mehr Steuern, und damit der nächsten Generation ihr Studium - aber keine Schulden, falls der Lohn doch nicht so toll ist... Antworten
Eine neue , wahrhaft philosophische Version der Chancengleichheit: das Recht, Schulden zu machen, haben alle. Die kleine Ungleichheit liegt nur darin, dass die Studierenden aus unbegüterten Kreisen mit dem Universitätsabschluss einen Schuldenberg antreten, dessen Äufnung den Studierenden aus wohhabenden Kreisen erspart geblieben ist. Antworten



Jonas Ryser
Frau Krebs "Gerechtigkeit" ist nur für diejenigen Gerecht, deren Eltern ihnen das Studium locker finanzieren können. Will man Frau Krebs' Gerechtigkeit wirklich, muss man bei den Einkommenssteuern ansetzen. Wer mehr verdient zahlt mehr. "Man sollte das Geld nicht so wichtig nehmen" - das ist eine zynische Aussage einer Professorin mit gutem Gehalt. Antworten