Basel

Die ganze Welt sucht Erdwärme, nur Basel nicht

Von Markus Vogt. Aktualisiert am 08.12.2011 19 Kommentare

Vor fünf Jahren bebte der Boden in Basel unerwartet heftig. Danach wurde das Projekt Deep Heat Minung gestoppt.

Bohrloch Kleinhüningen. Hier sollte neue Energie gefunden werden.

Bohrloch Kleinhüningen. Hier sollte neue Energie gefunden werden.
Bild: Keystone

Was ist Geothermie?

Die Temperatur in der Erde steigt an, je tiefer man in den Boden vordringt. Ausserhalb von vulkanischen Gebieten liegt die Temperatur in fünf Kilometern Tiefe bereits bei etwa 200 Grad Celsius. Diese Wärme kann man zur Energiegewinnung nutzen, indem man Wasser in die Tiefe pumpt und wieder an die Oberfläche holt. So kann man geothermische Energie fördern.

Dieses Verfahren ist interessant, weil praktisch nur Wasser benötigt wird, um die Hitze aus dem Boden zu holen. Dafür kann mit dem gewonnenen Dampf Strom oder Wärme für die Fernheizung erzeugt werden. Diese Form der Energiegewinnung ist nicht nur sehr sauber. Weil es im Erdinnern extrem heiss ist, erneuert sich diese Energiequelle ständig von selbst.

Das Verfahren, das in Basel ausprobiert wurde, heisst «Hot fractured Rock». Es setzt darauf, dass das Gestein im Boden nicht vollständig fest ist, sondern Risse und Spalten aufweist. Diese werden durch den Wasserdruck erweitert. So entsteht ein unterirdisches Reservoir, in dem das eingepumpte Wasser erhitzt wird. Ein paar Kilometer von der ersten Pumpstation entfernt wird das heisse Wasser wieder aus dem unterirdischen Reservoir gepumpt. Das Ganze ist eine Art riesiger
Durchlauferhitzer.

Umfrage

Das Projekt «Deep Heat Mining» wollte heisses Wasser aus der Erde zu fördern und dann in Strom umzuwandeln. Doch als die Erde bebte, wurde das Projekt gestoppt. Ist es richtig, dass sich Basel von der Geothermie abgewandt hat?

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43.9%

Nein

 
56.1%

876 Stimmen


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«Selbstverständlich» kann sich Markus Häring vorstellen, nach Erdwärme zu suchen. Aber der Geologe fügt dazu: «Überall auf der Welt, nur nicht mehr in Basel». Der Gründer und CEO der Firma Geothermal Explorer International Ltd. ist nach wie vor fest davon überzeugt, dass Geothermie zukunftsträchtig ist und dass es sich lohnt, diesen Weg weiter zu beschreiten.

An das Basler Projekt Deep Heat Mining kann sich Markus Häring erinnern, wie wenn es gestern gewesen wäre. Er weiss ganz genau, was gelungen ist und wo es Schwierigkeiten gab. «Das beschäftigt uns wissenschaftlich heute noch stark», sagt Häring. Denn dank diesem Projekt liege ein unglaublich wertvoller Datensatz vor. Die Auswertungen seien auch noch längst nicht abgeschlossen: Damit befassen sich Wissenschaftler der ETH Zürich, der Uni Berlin, einer japanischen Universität, «namhafte Wissenschaftler».

Unakzeptable Nebenwirkungen

Was hauptsächlich interessiert, ist die Frage, was im Untergrund vor sich geht, wenn man von oben her «eingreift». Mit Geothermie löse man keine zerstörerischen Beben aus, sagt Häring, das habe die Risikoanalyse, die im Auftrag des Kantons Basel-Stadt erstellt wurde, ergeben. Die Frage, wie man die unakzeptablen spürbaren Beben vermeiden kann, stellt sich nicht nur hier in Basel, das als erdbebengefährdet gilt, sondern überall. Ausgelöst wurden neben den über 3000 lokalisierten Mikroereignissen, die beim gezielten Aufbrechen des Gesteins entstehen, ein paar gut spürbare Beben, sagt Häring.

«Wir haben damals aufgehört, bevor es rüttelte.» Das entsprach den Richtlinien, welche die Firma erarbeitet hatte und die von den Behörden genehmigt worden waren: Wenn «unakzeptable Nebenwirkungen» einzutreten drohen, sei die Sache sofort zu stoppen. Das Basler Projekt aufzugeben, bedeutet aber nicht, mit Geothermie aufzuhören. «Das Geothermie-Potenzial ist so riesig, da kann man wegen eines Rückschlags nicht einfach sagen, das sei Unsinn», betont Häring.

Der Rückschlag als Lehrstück

Das Basler Projekt sei im Ausland genau verfolgt worden, berichtet Häring. Heute bestehe grosses Interesse, die Technik weiterzuentwickeln. Das geschieht nicht mehr mit der Geopower AG, die in Basel der Auftraggeber war, sondern mit einer Nachfolgefirma, der Geo Energie Suisse. Die Aktionäre sind fast die gleichen wie zuvor bei der Geopower, Gründungsmitglieder im November 2010 waren die Elektra Baselland, das Elektrizitätswerk der Stadt Zürich, die Energie Wasser Bern, der Gasverbund Mittelland, die Industriellen Werke Basel (IWB), die welsche EOS Holding und die Azienda Elettrica Ticinese. Von den Stromerzeuger-Firmen nicht mehr dabei ist einzig die Axpo, die sich aber eigenständig mit der Weiterentwicklung der Geothermie befasst.

«Ein Rückschlag ist immer auch ein Lehrstück. Basel wird als Lehre genommen, die ganze Welt interessiert sich dafür», meint Häring – nur eben Basel nicht mehr, wo es vor fünf Jahren gestoppt wurde. Versuche und Projekte gibt es in Australien, Südkorea, Grossbritannien, den USA und auch im Elsass, auf unterschiedlichem Stand. In der ganzen Welt gebe es Hunderte Geothermiekraftwerke, welche Heisswasservorkommen nutzen, allerdings nur wenige Versuchsanlagen, bei welchen der Durchfluss des heissen Wassers im Untergrund künstlich erzeugt werden muss. Die in Basel verwendete sogenannte hydraulische Stimulation wird zur Verbesserung der Produktion bisweilen auch in konventionellen Geothermiekraftwerken angewandt. Die Geothermieanlage in Riehen nutzt ein natürliches Thermalwasservorkommen. In Riehen wurde bis etwa 1500 Meter in die Tiefe gebohrt. Dies reicht jedoch lediglich zur Wärmegewinnung für den Wärmeverbund.

Klare Aussagen der Experten

In Basel ist das Thema nicht mehr aktuell. Der für Energiefragen zuständige Regierungsrat Christoph Brutschin erinnert daran, dass während einer kurzen Zeit erwogen wurde, das bestehende Bohrloch für die Speisung der Fernwärme zu nutzen. Denn zwischen 2000 und 3000 Metern war man auf heisses Wasser gestossen, das man allenfalls für die Wärmegewinnung hätte nutzen können, ähnlich wie in Riehen. Aus wirtschaftlichen und technischen Gründen sei diese Idee aber von Geopower wieder aufgegeben worden. Der Entscheid, das Basler Geothermie-Projekt definitiv zu stoppen, sei nach wie vor richtig: Die Stellungnahmen und Voraussagen der Experten seien allzu deutlich gewesen. Die klaren Aussagen der Experten seien möglich gewesen, weil die entstandenen Erdbeben dank einem für das Projekt errichteten Überwachungsnetz genau verfolgt und ausgewertet werden konnten.

«Die Geothermie ist aus meiner Sicht nicht einfach generell ‹gestorben›. Es gibt ja im Ausland funktionierende Geothermie-Anlagen», sagt Brutschin zu den Zukunftsperspektiven. Für Basel allerdings könne er sich kein Geothermie-Projekt mehr vorstellen, das über jenes von Riehen hinausgehe. Die heftigen Reaktionen der Bevölkerung hätten gezeigt, dass man in so dicht bebautem Gebiet auf Erdbeben besonders sensibel reagiere. «Dafür habe ich volles Verständnis, ist man doch einem Erdbeben praktisch schutzlos ausgeliefert. Umso mehr reagiert man auf Erdbeben, die von Menschen ausgelöst worden sind – auch wenn es dabei eigentlich um eine sehr sinnvolle und vorher von allen Seiten nur gelobte Sache ging.» Regierungsrat Brutschin verweist darauf, dass es immer noch genug andere erneuerbare Energien gebe, die auch in Basel genutzt werden können: Sonne, Holz, Abwärme, Wasser. (Basler Zeitung)

Erstellt: 08.12.2011, 07:30 Uhr

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19 Kommentare

Bruno Waldvogel

08.12.2011, 09:00 Uhr
Melden 20 Empfehlung

Es geht hier nicht um die heftige Reaktion der Bevölkerung. Geothermien funktioneren in nichtbevölkerten Gebieten relativ gut. Weil man zum Beispiel keine grösseren Schäden hat, wenn es zum Blowout von Gasblasen kommt. Oder die seismischen Aktivitäten und Geseteinsnbrüche keine grösseren Schäden anrichten. Auch das Thema Wasserverschmutzung belästigt nur wenige. In der Agglo ist das gefährlich! Antworten


Felix Meyer

08.12.2011, 10:28 Uhr
Melden 17 Empfehlung

Es ist sehr bedauerlich, dass Basel so überreagiert hat. Das bisschen Wackeln - und schon Panik. Viele "Schäden" waren wohl gar nicht von diesen Erschütterungen, doch so konnte man Schäden auf Kosten der Geothermie anmelden ... ... Damit hat Basel eine Chance vertan! Antworten



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