Basel
Ein Quartier probt den Aufstand
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Drei Anwohner aus der Lenzgasse, in deren unmittelbarer Nachbarschaft das geplante Wohnheim für Mädchen zu stehen käme, haben via Flugblatt zur Protestversammlung aufgerufen, und rund 60 sind gekommen. «Das ist keine neutrale Veranstaltung, wir sind dagegen», stellt der erste Sprecher gleich zu Beginn klar. Ziel des Abends sei, möglichst viele Einsprachen gegen das Bauprojekt zu erwirken. Je mehr, umso grösser die Chance auf Erfolg. Doch was ist es, das diese Leute dazu gebracht hat, sich hier in gemeinsamer Empörung zu versammeln?
Foyers Basel, ein Verein pädagogisch-therapeutischer Institutionen für weibliche Jugendliche, hat die ehemalige Fahnenfabrik an der Flughafenstrasse 20 gekauft und möchte diese zu einem betreuten Wohnheim für elf bis dreizehn Mädchen im Alter zwischen 14 und 18 Jahren umbauen. Gemäss Baugesuch soll ein geschlossener Aussenbereich eingerichtet und das Areal mit einem dreieinhalb Meter hohen Zaun gesichert werden. Schnell verbreitete sich die Meldung, dass hier so etwas wie ein Mädchenknast gebaut werde. Wer will das schon in der Nachbarschaft?
«Ich gebe zu und weiss, das ist egoistisch, ich will das nicht», sagt nun die zweite Sprecherin. Zweieinhalb Meter vor ihrem Gartensitzplatz stünde der Zaun, und auch von oben blicke man auf eine Gefängnisanlage. «Ein ungutes Feeling.» Das Publikum nickt. «Guantánamo», raunt einer seinem Sitznachbarn zu. Als Heilpädagogin wisse sie selbst, wie wichtig solche Einrichtungen seien, sagt die Frau weiter. Sie kenne zwar die Institution, wisse, dass sie gut geführt werde, «aber sie ist zu gross für unser Quartier». 13 Mädchen in einer Krisensituation, das seien einfach zu viele. «Dazu kommen 21 Angestellte.» Es wird laut im Igelsaal im Kannenfeldpark. «Wahnsinnig», meint ein älterer Mann. Viele stimmen ihm zu und schütteln ihre Köpfe.
Viel negative Energie
Der Mann der Sprecherin erhebt sich: Jeder, der diesen Zaun sehe, wisse, dass diese Mädchen in Not, in einer elenden Situation seien, aber … «an diesem Ort, diese negative Energie? Das tut diesem Quartier nicht gut.» Und dann die Polizei, die kommen doch sicher oft mit der Polizei, ruft jemand aus dem Publikum. «Und was ist mit den Kindern, die draussen spielen?», meldet sich eine Frau – und ein Mann: «Hat schon einmal jemand an die Wertminderung seines Hauses gedacht?» Fragen und Befürchtungen nun aus allen Ecken: «Diese Mädchen haben sicher Freunde, die dann ständig hier aufkreuzen.» – «Und wo parkieren die ihre Autos?» – «Die müssen doch nicht mitten in einem Wohnquartier sein.»
Die Diskussion sei nun beendet, sagt der erste Sprecher. Es gehe nun um die Einsprachen. Ein Mann noch steht auf. Er wohne ebenfalls an der Lenzgasse, sagt er, trotzdem könne und wolle er nicht einfach dagegen sein. Er appelliert an seine Zuhörer, sich ein Bild zu machen, sich beim Verein zu erkundigen. «Die meisten wollen, dass den Schwachen geholfen wird», erklärt er der BaZ später. «Doch was ist, wenn es eine gewisse Komforteinbusse vor meiner Haustür bedeutet? In solchen Momenten ist die soziale Gesinnung wirklich auf dem Prüfstand.» «Wir fühlen uns einfach überrumpelt», meldet sich die Sprecherin noch einmal zu Wort. «Man hätte vielleicht anders reagiert», sagt sie, «wenn der Verein die Anwohner vorher kontaktiert hätte.» Nach der Versammlung sagen viele, sie würden bestimmt eine Einsprache einreichen, und nehmen eine Anleitung mit.
Die Mädchen sind keine Gefahr
Es tue ihm wirklich leid, sagt Andreas Heierli, Präsident der Foyers Basel, dass sie nicht vorher schon mit den Anwohnern geredet hätten. «Aber seit 35 Jahren gibt es die Einrichtung im Neubadquartier, seit 25 Jahren die in den Ziegelhöfen, und es gab nie wirklich Probleme mit der Nachbarschaft.» Deshalb habe man gar nicht daran gedacht, dass das Projekt auf Ablehnung stossen könnte. «Wir verstehen die Ängste», es gehöre jedoch zum Konzept, dass die Einrichtungen in einem Wohnumfeld seien. Um den Jugendlichen einen stabilisierenden Rahmen zu bieten. «Es geht ja auch nicht um kriminelle Mädchen, sagt Heierli, «die eine oder andere ist vielleicht straffällig geworden, aber in erster Linie sind es Jugendliche, die momentan mit sich und ihrer Umwelt Probleme haben.» Meistens wegen familiären Schwierigkeiten.
«Die Mädchen gehen ihren Weg wie andere Jugendliche, zur Schule und in den Ausgang, aber sie sind keine Gefahr.» An der Flughafenstrasse sei auch keineswegs ein Gefängnis geplant. «Wenn es eine geschlossene Abteilung gibt, was noch nicht feststeht, dann zum Selbstschutz der Mädchen und nicht, weil die Bevölkerung geschützt werden müsste», so Heierli. Und: «Wir stellen uns gerne der Diskussion.» (Basler Zeitung)
Erstellt: 27.02.2011, 07:29 Uhr
Basel
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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.



