Basel
Ein harmonisches und karibisches Monstre
Von Ralph Schindel und -minu. Aktualisiert am 13.02.2012 3 Kommentare
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Bevor das diesjährige Drummeli richtig beginnen kann, muss ein etwas verschupfter Bühnenarbeiter noch ein paar Baselbieter auffordern, ihre Autos umzuparkieren, und für einen Arzt besorgt sein, denn in der Pause gibt es Würschtli vom Konsi. Damit ist Ordnung geschaffen – wie immer, wenn das Fasnachts-Comité etwas organisiert.
Trotzdem stehen danach die Seibi und ihre Mysli wild durcheinander auf der Bühne; es ist Jahrmarkt vor dem Bild «Der Kampf zwischen Karneval und Fasten» von Pieter Brueghel dem Älteren. Der «Hanswurscht» – sauber gespielt – darf auf einem solchen Markt nicht fehlen. Die Drummeli-Leidstell gibt anschliessend den Tarif durch für bimmelnde Handys. In kurzen Sequenzen sind immer wieder Durchsagen der Leidstell ins Programm eingestreut. Einer von mehreren roten Fäden.
Ein grosses Fragezeichen
Grau geht es weiter auf dem Marktplatz – bis sich die Pfluderi Clique umdreht und die Bühne in ein buntes Wirrwarr verwandelt. Fast wie ein umgedrehter Handschuh. Ihr «Festival» gefällt. Ein riesiges Fragezeichen auf schwarzem Hintergrund löst die Pfluderi ab. «Lääse Si d BaZ oder e Zytig?», wird das Publikum gefragt. Ein kurzes Stiggli, das ebenfalls wiederkehrt und an den grossartigen Raame «Saage Si Epfel oder saage Si Öpfel?» vom letzten Jahr erinnert. Wie die Leidstell gehören die Fragezeichen zu den gelungenen Wortbeiträgen.
Nun gehört die Bühne den Jungen: Die Jungi Lälli feiert 100 Jahre, spielt den – schwierigen – Jubiläumsmarsch (eine von vielen Uraufführungen), eine Zeitreise von den Urmenschen bis zur heutigen Arbeiterschaft. Der Stamm der Lälli Clique verneigt sich musikalisch mit der «Regimäntsdochter» vor seinem Nachwuchs. Als schöne Geste übergibt der Tambourmajor seinen Stab einem jungen Lälli zum Abwinken.
Karli braucht ein Plätzli
Danach wirds tierisch: Die Aagfrässene entführen uns in die Serengeti und ihre vielfältige Tierwelt. Auf der Bühne ist alles in Bewegung, der «Leopard» ist ebenfalls eine Uraufführung. Die Clique tritt noch während des Marsches wieder ab und macht Platz für «Plätzli gsuecht», die beliebte Sendung von Telebasel. Da braucht es ein neues Heimetli für Karli, die Schweizer Mischung aus Boxer und Bulldogge. Der Hund bellt gerne und laut. Ein toller Einfall, der sich aber leider rasch abnützt. Der Raame ist gut gespielt vom sowieso guten Ensemble mit Urs Bihler, Heidi Diggelmann, Charlotte Heinimann, Marcel Mundschin, Andrea Pfähler und Kurt Walter. Die Idee wird aber zu lange durchgenudelt und wirkt rasch langweilig.
Danach steht der Barbara Club vor der legendären Weinstube Hunziker ein und ehrt in Rot und Grün das «Fräulein» mit dem «Lisettli». Ein einfacher, schnörkelloser Auftritt, gleich wie die Giftschnaigge mit den «Alten Kameraden». HD Läppli verabredet sich nach dem Krieg um sechs im «Krug». Vor dieser Beiz lässt Oberleutnant Clermont den Marsch durchexerzieren. Der erste Bangg Schwoobekäfer hat das Publikum mit soliden Versen und seinem Markenzeichen, der ausgeprägten Diktion, im Sack.
Was muess dä Dominique Strauss-Kahn au sini scharfe Finger
nach Stuubemaitli gryffe loh und andre arme Dinger?
Eso kennt unsere Hanspi Gass nie uff d Schnuure fliege,
Für das miesst dä jo zerscht emoll e Finger uusekriege.
Zum singenden Insekt passt der anschliessende Ausflug in den Wald: D Wiehlmys spielen in einem herrlich grünen, summenden, zirpenden und tschilpenden Wald den «Pfadfinder», einen kurzen, munteren Marsch. Das ist auch gut so, denn die Olympia stürmt die Bühne. Als Römer legen sie «D Römer» brachial aufs Fell, die Flanken werden von den Pfeifern geschützt. Ein wuchtiger Auftritt, der in die Knochen fährt.
Nach einem weiteren Fragezeichen wird es eher gemütlich mit französischem Schlager in St-Tropez und dem «Gendarme» (Uraufführung) der Märtplatz Clique. Die Hommage an Louis de Funès und die Filme, die ihn berühmt gemacht haben, ist gelungen. Das anschliessende Kaschperli-Theater zeigt Herzog Stöffel vom Herrlibärg mit Ritter Nörgeli und die Räuberbande mit Frehnerli, Baaderli und Brunnerli. Sie versuchen den Sturm aufs Stöckli. Der Raame leidet an seiner Länge. Die Guggemuusig Messingkäfer bringt im Bad-Einteiler – man sieht: eine reine Männer-Gugge – viel Wärme ins Musical Theater. Es ist mit «California Dreamin» und «Sugar Baby Love» noch einmal ein toller Auftritt vor der Pause.
Und so sah -minu die zweite Drummeli-Hälfte
WOWWWW – die 1. Spielzeit jagte glamourös über die Bretter. Aufgeregtes Geraune in der Pause: DAS WAR JA GRAND CRU CLASSE. Wird man diese Qualität durchziehen können? Nehmen wirs gleich vorweg: MAN KONNTE. Nein – F r a u konnte. Bettina Dieterle hat das Wunder geschafft: Nach dem Super-Drummeli des letzten Jahres haute sie als neue Regisseurin dieses Jahr noch einen drauf. Und bietet damit d i e MEGA-SHOW! Der Schlüssel zum Erfolg? Ganz einfach: Cliquen, die sprühen. Ein Schauspielerteam vom Besten. Gute Gugge, Bomben-Bängg – ALLES KLAR?
Die Stiggli sind knapp und satt. Da gibts Brüller: die Balkonszene (mit drei sensationellen Protagonisten). Man vibriert im Musical-Horror-Morgestraichtrip (auch hier von den beiden Youngsters des Teams super gespielt. Dazu noch: super choreografiert, super getanzt, super gesungen – SUPERISSIMO) – da sind aber auch neue Töne wie bei der modernen jungen, alten Tante: Ein Zürcher Mundwerk parliert bestes Baseldytsch und zeigt auf eindrücklich witzig-spritzige Art, wie Frau Fasnacht heute denkt. Keine Gefühlsdudelei, kein «Mimooseduft-Nostalgie und Härz-isch-waich-Gesäusel». Im Gegenteil. Selbstkritische, moderne Töne – wie Fasnacht jetzt eben klingt. Und anklingen sollte.
Dieterle hat die Stiggli knapp gehalten. Jedem Schauspieler wurde die Möglichkeit für einen grossen Moment eingeräumt. Alles professionell bis in die Fingerspitzen. APPLAUS. Mit kleinen Zwischensketches oder Randbemerkungen des Bühnenmeisters wird der Marathon aufgelockert. Das macht GANZ GROSSES THEATER! Zu den Cliquen: Der CCB eröffnet den 2. Part mit einer Gefängnisszene. Das Skelett des «Prisonniers de Hollande» liegt hinter Gittern. Die Clique steht ebenfalls hinter solchen. Die Szene ist dunkel, kalt – der Marsch aber CCB-like: hervorragend intoniert. Super auch d Rätz, die zu ihren Wurzeln als «Arbeiter-Clique» zurückfindet. Und im Hafenbecken einen Bossa Nova hinlegt, der die Leute von den Stühlen swingt. Die Trommler sind Percussionisten – ihre Instrumente: Abfall aus dem Hafen. DER SOUND DAMIT WIRD ZUM ABSOLUTEN GENUSS.
Unvergessenes Bötschli
Und schliesslich die Abräumer des Abends: der Dupf-Club. Wir sind nicht am Rhein. Sondern an der schönen blauen Donau. Genauer: am Wiener Neujahrskonzert. Die Pfeifer intonieren als Philharmoniker den «Radetzky-Marsch» – die Tambouren sind noch viel harmonischer (oder hormonischer?): Sie öffnen ihre Hemden. Und lassen die Festtagswampen rauslampen. Darauf trommeln sie mit ihren Händen, bis der Bauchspeck rot ist und die Zuschauer aus dem Häuschen sind. Perfekte Intonierung. Perfekte Choreografie. Nachdem bei den Rootsheere der «Glopfgaischt» (mit neuen Zwischentönen) herumgegeistert ist, bieten d Naarebaschi (und wer kann es sonst?) Trommel- und Pfeiferkunst vom Neusten. Und Feinsten. Zu Ehren von Bötschli wurde ihr Kuttlebutzer-Schlagwort «Sodeli» von Beery Batschelet und Ivan Kym intoniert. Ein Marsch mit pfeifertechnischen Vierfachsprüngen. Dies alles wird naarebaschibravourös gemeistert. Dazu der eindrückliche Rahmen: im Hintergrund d Kuttlebutzer mit der Rauchwolke, vorne die Trauergemeinde, die Bötschli ehrt.
D Basler Bebbi lassen es im russischen Wald schneien. «Na Sdarowje» heisst ihr russisches Militärmarschpotpourri – ein Wintermärchen mit eisklaren Tönen: traumschönen Momenten, optisch wie musikalisch. An Carmen erinnern uns d OptiMischte mit ihrem Bizet-Opernauftritt, den Kastagnettenrhythmen und einem einmal mehr perfekten Trommel-Pfeifer-Spiel. Spitzenbangg Singvogel zwitschert über Plutonium… und besticht mit dem grossartigen Aufbau des Banggs. Mehr verraten wir nicht. Und nachdem d Grunz Gaischter als Piraten in der Karibik gestrandet sind und mit einem tollen Medley zum Blockbuster und einer Honneur pour Jack Sparrow Furore machen, erleben wir die Fusion der Muggedätscher und Verschnuuffer mit der «Pfyffer Daagwach». Eine Symphonie in Weiss. Bleibt der Epilog. Auch hier: KEIN S-HÄRZ-ISCH-GLIGGLIG-D-GNEY-SINN-WAICH-Gesäusel – nein: ein Waggis (total blau, total laut) mischt die Szene auf und führt den Fasnachtszucker ad absurdum. GUT GEBRÜLLT (und super gespielt) – nit kalt, aber scheen. Sondern: heiss und schräg! Voilà – Schlussmarsch. Und donnernder Applaus. S Monstre 2012 hats gepackt: SUPERJAHRGANG! (Basler Zeitung)
Erstellt: 13.02.2012, 10:25 Uhr
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3 Kommentare
In der ersten Hälfte brauchte ich Streichhölzer um die Augen offen zu halten. Roter Faden? Eher ein grosses Wirrwarr mit Cliquen, die teilweise keine grosse Mühe aufgewendet haben. Zweite Hälfte war besser - jedoch auch nur das, was Mann/Frau standardmässig von solch einer Veranstaltung erwarten darf! Antworten
Basel
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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.

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