Erhitzte Gemüter kühlen sich ab

Der letztjährige Kulturkampf zwischen den Besucherinnen in der Frauenbadi Eglisee ist einem friedlichen Nebeneinander gewichen.

Oben mit: Beim Konflikt zwischen den Frauen ging es auch um unterschiedliche Vorstellungen über Schicklichkeit.

Oben mit: Beim Konflikt zwischen den Frauen ging es auch um unterschiedliche Vorstellungen über Schicklichkeit. Bild: Keystone

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Es war das Thema im letzten Sommer, sogar über die Region hinaus berichteten Medien von verhüllten Musliminnen, die sich in der Basler Frauenbadi mit sich oben ohne sonnenden Stammgästen streiten würden. Vom «Kampf der Kulturen» im Eglisee war die Rede. Logisch, dass man deshalb wissen möchte, wie es ein Jahr später an diesem Brennpunkt aussieht.

Nach regnerisch-kühlen Wochen ist es am Dienstag endlich wieder einmal Sommer. Das Eglisee gut besucht, auch das Fraueli. Schätzungsweise 300 Frauen und ein gutes Dutzend Kinder tummeln sich an Land und im Wasser. Sie dösen unter praller Sonne oder im Schatten der Bäume, hocken schwatzend auf Bänken und Tüchern, einige schwimmen im Becken ihre Längen, andere gucken ihren Kindern im Planschbecken zu.

Brüste statt Burkinis

Der über alles wachende Bademeister steht am Rand des Schwimmbeckens und plaudert mit einer Frau. Es ist friedlich hier, es geht zu und her, wie es eben in einer Badi so zu- und hergeht. Nichts deutet auf den viel besprochenen Kulturkampf hin. Keine einzige Frau im Burkini ist zu sehen, dafür viele Brüste. Brüste in allen Grössen und Formen. «Ach», brummt der Bademeister und schüttelt den Kopf, «das mit dem Streit zwischen den Frauen wurde total übertrieben dargestellt.» Er habe mit der Zeit diese Berichte gar nicht mehr gelesen. «Wo viele Menschen auf engem Raum sind», sagt er, «ist immer etwas los, das ist normal.»

Und die Frau neben ihm meint, man könne Musliminnen nicht alle in einen Topf werfen. «Indem man Probleme auf die Religionszugehörigkeit reduziert, löst man sie nicht», sagt die Frau – die sich als Lilo Roost Vischer entpuppt, Ethnologin und als Koordinatorin für Religionsfragen der Fachstelle «Integration Basel» angegliedert. In dieser Funktion ist Roost Vischer auch hin und wieder im Frauenbad unterwegs. Man habe «eine kleine Mediation» in die Wege geleitet, sagt sie, um zwischen den Frauen zu vermitteln. Also doch Probleme? «Schon», räumt sie ein, «aber nicht in dem geschilderten Ausmass und vor allem keine unlösbaren.» Das zeige sich bereits. Die Situation sei nun entspannter, seit man mit den Frauen Gespräche direkt vor Ort führe. «Man» bedeutet Lilo Roost Vischer und Bea Kurz, die seit 20 Jahren Stammgast im Frauenbad ist und die Mediationsarbeit auf freiwilliger Basis macht. Weil ihr dieses tolle Bad sehr am Herzen liege, sagt Kurz, die zurzeit in den Ferien weilt, am Telefon. Auch sie bestätigt eine «sehr positive Entwicklung in dieser Saison».

Männliche Bademeister nicht ideal

«Ich habe viel mit den Frauen, vor allem den Alteingesessenen, geredet», so Kurz. «Wir alle müssen lernen, mit den veränderten Lebensbedingungen umzugehen», dafür brauche es viel Toleranz. Aber, macht Kurz klar, so weit geht dann die Toleranz nicht, dass frau sich oben ohne wieder verhüllt. «Nein, nein, da bleiben wir stur.» Was Kleidervorschriften angeht, gibt es nur eine, und die ist unmissverständlich: Das Baden ist nur in Badekleidern erlaubt, wer sich nicht um- respektive ausziehen will, darf also nicht ins Wasser. «Das Sportamt hat klare Kriterien und Regeln», sagt Lilo Roost Vischer, und die müssten durchgesetzt werden. Dazu gehört neben der Kleidervorschrift, dass über sechsjährige Buben keinen Zutritt zum Frauenbad haben. Zusammen mit Bea Kurz, sagt Roost Vischer, unterstütze sie die Bademeisterinnen darin, die geltenden Regeln zu erklären. Und: «Vernünftige Argumente leuchten den Leuten ein.»

Es sei besser diese Saison, sagt Alice Lüdin, die seit 50 Jahren ins Fraueli kommt. «Das Hauptproblem», sagt die 67-Jährige, «war die grosse Verständnislosigkeit zwischen uns und denen.» Dazu kam, dass sie meist in Gruppen kamen, sagt Lüdin, inklusive Grossmütter. «Wir fühlten uns an den Rand gedrängt und wollten unser Stückchen Erde verteidigen.» Inzwischen akzeptiere man sich, sagt sie. «Man kann es als friedliches Nebeneinander bezeichnen, ein Miteinander wäre wohl übertrieben.» Dafür brauche es vielleicht eine nächste Generation, eine, die hier aufgewachsen sei, meint Alice Lüdin. So wie die drei jungen Kurdinnen im Bikini, Feride, Yesim und Hêlin, die überhaupt kein Problem damit haben, dass sich hier so viele Frauen oben ohne zeigen.

«Wir sind ja schliesslich unter Frauen», sagt Hêlin. «Einzig», sagt Yesim, dass manchmal ein männlicher Bademeister hier ist, finde sie «nicht ideal». Kurz vor dem Verlassen der Badi, in der vor Kurzem noch der Kulturkampf stattgefunden haben soll, entdecke ich doch noch ein Frau, die sich deutlich von den anderen abhebt. Vollständig bekleidet und den Kopf mit einem schwarzen Kopftuch bedeckt, sitzt sie mit einer Freundin und ihrem Kind in der späten, aber immer noch warmen Nachmittagssonne. Sie würde schon ein Badkleid anziehen, sagt die 31-jährige Frau, die aus dem Elsass kommt, «aber bei einem Mann als Bademeister geht das nicht.» Inzwischen hat eine Frau den Posten des Bademeisters übernommen: Sie seien zu wenig Frauen, sagt sie, und «manchmal muss ich halt abgelöst werden». Zum Beispiel, wenn sie die Toiletten putze – «dort wäre ein Mann wohl noch schlimmer». (Basler Zeitung)

Erstellt: 04.08.2011, 07:50 Uhr

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