Basel

«Es braucht Aufklärung über die Gefahren»

Von Mischa Hauswirth. Aktualisiert am 22.02.2014 29 Kommentare

Anita Riecher-Rössler von den Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel warnt vor dem Cannabiskonsum. Im Interview redet sie über ihre Skepsis gegenüber einer kontrollierten Abgabe und die Gefahr von Wahnvorstellungen.

Skeptische Stimme: Psychiaterin Anita Riecher-Rössler steht der Abgabe von Cannabis kritisch gegenüber.

Skeptische Stimme: Psychiaterin Anita Riecher-Rössler steht der Abgabe von Cannabis kritisch gegenüber.
Bild: Nicole Pont

Umfrage

Professorin Anita Riecher-Rössler von den Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel kritisiert, dass der Konsum von Cannabis verharmlost werde, und bezweifelt, dass eine kontrollierte Abgabe ihren Zweck erfüllen würde. Halten Sie den Konsum von Cannabis für gefährlich?

Ja

 
69.6%

Nein

 
30.4%

1421 Stimmen


Artikel zum Thema

Debatte über eine kontrollierte Abgabe

Am 25. März wird die Eidgenössische Kommission für Drogenfragen (EKDF) über neue Regulierungsmodelle von Cannabis diskutieren und Vorschläge unterbreiten, unter welchen Rahmenbedingungen künftig Cannabis an Erwachsene abgegeben werden könnte. Im Mai dann soll das Modell vorgestellt werden. Genfer Initianten streben ein Club-Projekt an, das vorsieht, dass Volljährige kleine Mengen von Cannabis beziehen können. Konsumiert werden soll der Hanf im privaten Rahmen. Die Städte Basel und Zürich haben Interessen an einem solchen Projekt angemeldet, und es ist zu erwarten, dass weitere folgen werden. Grund: Trotz Verbot und Repression konsumieren Hunderttausende in der Schweiz Cannabis. Die Befürworter wollen mit dem neuen Modell den Schwarzmarkt austrocknen und näher an die Konsumenten herankommen sowie die Gesundheitsprävention intensivieren, insbesondere auch den Jugendschutz.

Die BaZ wird in loser Folge verschiedene Meinungen zum Thema publizieren und auch die Erfahrungen zeigen, die Amsterdam mit dem staatlich überwachten Verkauf von Cannabis in Coffee-Shops gemacht hat. hws

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BaZ: Eine halbe Million Menschen konsumieren in der Schweiz Cannabis. Werden wir nun bald einen Anstieg von Psychosefällen erleben?
Anita Riecher-Rössler: Ich weiss nicht, ob es wirklich zu einem Anstieg kommen wird.

Aber Psychiater wie Sie warnen davor, dass Cannabis Psychosen auslöst.
Ja, aber parallel zum Anstieg des Cannabiskonsums haben wir Früherkennungszentren für Psychosen aufgebaut. Dass wir versuchen, Psychosen zu erkennen, bevor sie überhaupt voll ausbrechen, wirkt der Zahl dieser Erkrankungen sicher entgegen.

Wie lauten die Zahlen zur Gefahr?
Seit Beginn des Früherkennungszentrums Fepsy in Basel 1999 haben wir rund 500 Patienten abgeklärt. Etwa 70 Prozent der Patienten mit beginnenden Psychosen konsumierten regelmässig Cannabis. Bei Gesunden liegt der Cannabiskonsum in der vergleichbaren Altersgruppe bei 20 bis 40 Prozent. Das ist schon ein deutlicher Unterschied.

Warum löst Cannabis Psychosen aus?
Bei akuten Psychosen werden im Gehirn Botenstoffe ausgeschüttet, vor allem das sogenannte Dopamin, und Cannabis ruft auch eine vermehrte Dopaminausschüttung hervor. Betroffene bekommen Wahnvorstellungen, haben beispielsweise das Gefühl, verfolgt zu werden, hören oder sehen Dinge, die nicht da sind.

Warum ist denn nicht jeder, der Cannabis konsumiert, davon betroffen?
Einige haben eine Neigung, eine Veranlagung für Psychosen, andere nicht.

Dann ist Cannabis vor allem für eine Risikogruppe gefährlich?
Ja, aber das Problem ist, dass Sie vorher nicht wissen, ob Sie empfindlich sind für eine Psychose oder nicht.

Wenn ein Erwachsener einen moderaten Cannabiskonsum hat, zum Beispiel einmal pro Woche, einmal pro Monat oder noch weniger – wie gross ist dann die Gefahr?
Die wenigsten erkranken an einer Psychose, aber es gibt weitere negative Folgen. Ich denke da vor allem an die negativen Folgen für die Hirnentwicklung bei Jugendlichen. Aber auch bei Erwachsenen kann chronischer Gebrauch zu kognitiven Störungen führen, also einer Verschlechterung der Hirnleistung mit Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen und Beeinträchtigung der Lernfähigkeit. Das kann zum Abfall der Schul- oder Arbeitsleistung führen. Aber auch im Strassenverkehr nimmt die Reaktionszeit ab. Es besteht also ein Risiko, wenn man sich unter Cannabiseinfluss auf der Strasse bewegt.

Dann bräuchte es Toleranzwerte für den Strassenverkehr?
Wie wollen Sie das machen? Die Halbwertszeit von Cannabis ist 48 Stunden. Wer am Freitagabend Cannabis konsumiert, hat am Sonntagabend noch die Hälfte der Menge im Blut.

Die Rauschwirkung hält aber kaum so lange an.
Möglicherweise wirkt sich die Menge immer noch auf die Konzentrationsfähigkeit aus. Insgesamt ist Cannabis zwei Wochen lang im Blut nachweisbar. Das Problem ist auch, dass im Vergleich zu vor dreissig Jahren das Cannabis 20- bis 30-mal potenter ist.

Woher kommt Ihre Skepsis gegenüber einer kontrollierten Abgabe?
Unter anderem weil damit eine Art Doppelbotschaft gesendet würde. Einerseits könnte mancher denken, das ist nicht so schlimm, wenn es doch teillegalisiert wird. Andererseits will man über die Gefahren aufklären.

Dem kann man entgegenhalten, dass die Repressions- und Präventionsstrategien der vergangenen Jahrzehnte den Konsum nicht zum Verschwinden ge­bracht haben.
Als in der Schweiz – und auch hier in Basel – Cannabis leicht verfügbar war, lag der Konsum bei den Jugendlichen deutlich höher als danach, als die Hanfshops wieder verschwanden. Ähnliche Beobachtungen wurde in jenen US-Bundesstaaten gemacht, wo Hanf in Apotheken gegen Rezept abgegeben wird. Daraus können wir ableiten, dass die Verfügbarkeit ungemein wichtig ist für den Konsum. Gerade bei den 14- bis 17-Jährigen sank der Konsum, als Cannabis nicht mehr so leicht verfügbar war.

Das Modell möchte Cannabis nur Erwachsenen zugänglich machen. Was stört Sie daran?
Wie die genannten Erfahrungen zeigen, besteht ein Verhältnis zwischen Verfügbarkeit für Erwachsene und Konsum bei Jugendlichen. Und gerade bei Jugendlichen sind die Folgen für die Gehirnentwicklung sehr bedenklich. Es gibt Studien, die zeigen, dass Jugendliche, die Cannabis konsumieren, schlechtere Schulleistungen erbringen und seltener einen Schulabschluss schaffen als solche, die es nicht tun. Wenn wir heute rückläufige Zahlen beim Cannabiskonsum haben, so ist das doch eine positive Entwicklung, und wenn sich schon etwas positiv entwickelt, warum soll man dann am eingeschlagenen Weg etwas ändern?

Die Befürworter einer kontrollierten Abgabe wollen den Jugendschutz stark ausbauen und den Strassenhandel sowie Dealer weiter strafrechtlich verfolgen – beruhigt Sie das nicht?
Doch, das sind sicher beides richtige Schritte. Ich wünschte mir vor allem eine breite Diskussion über die Risiken des Cannabiskonsums. Auch bei erwachsenen Konsumenten kann Cannabis die Hirnleistung wie etwa die Konzentrationsfähigkeit reduzieren. Die Frage ist dann, wie häufig sie konsumieren.

Lässt sich Cannabis nicht konsumieren, ohne gleich körperliche oder psychische Probleme zu haben?
Es gibt sicher Menschen, die Cannabis sehr gezielt konsumieren und damit umgehen können. Dem muss man gegenüberstellen, dass bei Leuten, die häufig Cannabis über eine längere Dauer konsumieren, die Leistungen chronisch schlechter werden.

Beim Alkohol gibt es die negativen psychischen Auswirkungen ebenfalls. Welche Substanz verursacht mehr Probleme, Alkohol oder Cannabis?
Ich mache keinen Vergleich. Es ist ja nicht so, dass in der Gesellschaft der Alkohol durch das Cannabis ersetzt würde. Cannabis kann auch Depressionen oder Ängste auslösen, und im Cannabisentzug werden manche auch aggressiv.

Wenn alles so bleibt, wie es jetzt ist, was würde das für den Gesundheitsschutz jener Hunderttausenden von Konsumenten bedeuten, die oft mit massiven Schadstoffen belastetes illegales Cannabis konsumieren?
Das Hauptproblem hier ist, dass die meisten Leute gar nicht wissen, wie sehr sie sich schaden. Darum ist es wichtig, dass gut aufgeklärt wird über die Wirkung sowie die gesundheitlichen Risiken.

Sie glauben nicht an eine Konsumform, die nicht in gesundheitlichen Problemen endet, beispielsweise als Medizin?
Wir kennen Einzelberichte, dass Cannabinoide bestimmte Schmerzen bei manchen Patienten reduzieren, zum Beispiel bei Multipler Sklerose. Aber solchen Patienten kann man die Subs­tanz ja heute schon mittels Rezept zugänglich machen.

Trotz Ihrer Bedenken und Warnungen sind Sie gegen eine Verbotskultur. Warum?
Meines Erachtens braucht es vor allem eine gute Aufklärung. Cannabis wird zurzeit ziemlich verharmlost. Staat, Schulen, Gesundheitsdepartemente, Ärzte, Medien und so weiter sollten viel mehr über die Risiken von Cannabis aufklären. Aber auch andere Präventionsmassnahmen wären wichtig – gerade bei Jugendlichen. Diese geben beispielsweise an, Cannabis vor allem zur Stressreduktion zu gebrauchen. Das braucht vielleicht einen breiteren gesellschaftlichen Diskurs: Warum sind unsere Jugendlichen so gestresst? Wie könnten wir ihnen helfen, Stress zu vermeiden oder anders zu bewältigen? (Basler Zeitung)

Erstellt: 22.02.2014, 08:53 Uhr

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29 Kommentare

Beat Bannier

22.02.2014, 12:46 Uhr
Melden 77 Empfehlung 16

Verharmlost werden meiner Meinung nach, vor allem die Nebenwirkungen von Psychopharmaka, welche aber diskussionslos an Jugendliche u. Kinder, in hoher Anzahl ausgegeben werden.
Jeder Dritte IV Fall gründet auf den Nebeneffekten der Behandlung mit Medikamenten. Die Frau Professorin lenkt von den grossen Problemen ihrer Gilde ab. In 10 Jahren, kennen wir dan die Folgen zb. des Ritalins od. Demesta
Antworten


anita kreuz

22.02.2014, 12:49 Uhr
Melden 50 Empfehlung 14

das wichtigste wurde nicht erwähnt. jugendliche konsumieren zusätzlich noch ritalin, alk, kokain oder sonstige psycho medis. thc werte sind massiv hoch, eine kombi von allem im wachstum führt unweigerlich zu schädigungen, abhängigkeit. ich kenne einen 11 j!! der notfallmässig eingeliefert wurde vor 8 monaten. keine aussicht auf besserung, wandelnder zombie. wollen wir sowas wirklich? Antworten



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