Basel
«Es gibt Bilder, die ich nicht vergessen kann»
Von Mischa Hauswirth. Aktualisiert am 22.01.2012 7 Kommentare
Kommissär Melzl erinnert sich
Der lustigste Fall: «Vorletzte Woche ging ein Mann in ein Schuhgeschäft und klaute Schuhe, seine hingegen zog er aus und liess sie im Geschäft zurück. Bevor er aus dem Laden lief, nahm er von den Schuhen die Diebstahlsicherung ab, und weil er nicht wusste, wie und wo er sich dieser entledigen sollte, steckte er sie in den Hosensack. Logischerweise löste die Diebstahlsicherung dann den Alarm aus, worauf der Mann gestoppt und festgenommen werden konnte.»
Der ungewöhnlichste Fall: «Im 2008 besuchte ein Schüler mit seiner Klasse den Zolli, setzte sich für ein Foto auf das Geländer vor dem Wolfsgehege und fiel in den Wassergraben. Die Leitwölfin sprang darauf ins Wasser und biss den Jungen mehrfach in den Kopf. Ein Schulmädchen schlug mit dem Rucksack auf die Wölfin ein, bis diese von dem Jungen abliess, worauf ein Zoobesucher den Schüler aus dem Wolfsgehege ziehen konnte. Der Tierarzt behandelte dann die Kopfverletzungen des Kindes.»
Der bizarrste Fall: «Im Hegenheimer-Quartier wurde ein Drogendealer umgebracht, was wir aber erst viel später erfahren haben. Rasch hat sich auf der Gasse herumgesprochen, dass der Mann tot ist, worauf etliche Drogensüchtige zu ihm nach Hause gingen. In der Hoffnung, irgendwo noch versteckte Drogen zu finden, durchsuchten sie die ganze Wohnung. Als wir dann kamen, gab es eine eigenartige Spurenlage: Der Mann lag unter dem umgedrehten Sofa, auf dem er umgebracht worden war. Weil alles so durchwühlt war, rätselten wir lange, was dort wirklich vorgefallen war.»
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Ende Monat tritt jener Mann in den Ruhestand, der in der Basler Zeitung am meisten zitiert worden ist und im Telebasel die meisten Interviews gegeben hat. Markus Melzl (59) hat mit seinen Angaben zu Überfällen, Mord und Ehedramen, zu Taschendieben, Einbrechern, Kriminaltouristen und Enkeltrickbetrügern stets die Öffentlichkeit informiert. Nach 39 Jahren im Dienst von Polizei und Strafverfolgungsbehörden tritt der Chef Medien und Information bei der Staatsanwaltschaft ab. Die BaZ traf den Kommunikationsprofi im Rang eines Kriminalkommissärs und unterhielt sich mit ihm über Tatorte, traurige Figuren und den Umgang mit Journalisten.
Herr Melzl, wenn Sie über Ihre fast vierzigjährige Dienstzeit in zwei Sätzen Bilanz ziehen müssten, was würden Sie sagen?
Mir hat mein Job immer gefallen, und zwar, weil ich immer zur richtigen Zeit die richtige Aufgabe hatte.
Gab es nie Momente, in denen Sie genug hatten und etwas anderes machen wollten?
Nein. Die Aufgabe als Mediensprecher hätte ich sicherlich nicht von
Anfang an machen können. Es war wichtig, zuerst als Polizist Erfahrungen zu sammeln. Doch ich bin in der glücklichen Lage, sagen zu können: Was ich tat, passte immer zusammen. Mit dem Alter, mit der Lebenserfahrung, mit den persönlichen Fähigkeiten. Darum habe ich die Freude an meiner Arbeit nie verloren.
1973 sind Sie in die Polizeischule eingetreten. Wenn Sie damals mit heute vergleichen – war die Welt früher für einen Polizisten sicherer?
Natürlich gab es auch früher Zwischenfälle, etwa, dass einer auf einen Polizisten losging. Doch das war die absolute Ausnahme. Wenn ich heute die Polizeijournale lese, fällt mir auf, wie häufig Polizistinnen und Polizisten despektierlich behandelt oder angegriffen werden. Sie werden oft angepöbelt, beschimpft, bespuckt und auch beleidigt – das ist schon bedenklich.
Wir haben im Archiv nachgesehen, was sich in Ihren ersten Dienstjahren in Basel Spektakuläres ereignet hat: Am 15. Januar 1974 hat ein «gesuchter Sittlichkeitsverbrecher» am St.-Alban-Graben auf Polizisten geschossen. Und in der Nacht vom 21. auf den 22. Juli 1974 gab es einen Brandanschlag auf den neuen Ford Transit vor dem Claraposten. Erinnern Sie sich?
Der Fall mit dem Ford Transit war speziell. Hier gibt es wohl eine Analogie zum Brandstifter von Riehen.
Inwiefern?
Damals kam es im Emmental zu einer Serie von unaufgeklärten Brandstiftungen. Es brannten etliche Sommerhütten von Bauern. Menschen kamen zwar keine um, aber Tiere. Trotz intensiver Suche fand man den Täter nicht, bis er in Basel zu einer Prostituierten wollte, was aber ein Misserfolg wurde. Ohne Geld und vermutlich auch sexuell frustriert warf er etwas Brennendes in den Ford Transit der Polizei. Bei den Befragungen gestand er einem Ermittler dann die Brandstiftungen im Emmental. Der Mann war eine traurige Figur, Analphabet, ehemaliger Verdingbub, mit einem unglaublichen Groll auf den Staat und die Obrigkeit.
Noch zwei geschichtsträchtige Polizeiereignisse: Am 24. Februar 1978 sorgte ein Riesenaufgebot von Polizisten in Kampfmontur dafür, dass AKW-Gegner nicht die N2 besetzten. Und am 28. November raubten Banditen die Bijouterie Kessenich aus und schossen auf Kriminalkommissär Karl Hanslin. Er überlebte nur mit Glück. Haben Sie diese Einsätze miterlebt?
Bei der AKW-Demo war ich in Kampfmontur am Wiesenkreisel im Einsatz. An den Raubüberfall kann ich mich ebenfalls gut erinnern. Das Problem war damals, dass die Polizei aufgrund der vielen Menschen auf der Strasse und in den Trams nicht schiessen konnte. Kommissär Hanslin hat dann nur mit einer Mappe bewaffnet auf einen der Räuber eingeschlagen, der noch im Auto sass, worauf der Räuber schoss. Beim Vorfall wurden ebenfalls zwei Passanten durch Schüsse verletzt.
Und trotzdem sagen Sie, dass Polizisten heute mit mehr Gewalt konfrontiert sind als früher?
Ja, denn diese Vorfälle waren Ausreisser, negative Highlights, wenn Sie so wollen. Es ist nicht so, dass es heute etwas gibt, was es früher nicht gegeben hat. Aber die heutige Aggression gegenüber der Polizei war damals nicht vorhanden.
In den 16 Jahren, die Sie als Mediensprecher tätig gewesen sind, haben Sie viele Tatorte gesehen. Gab es nie einen Punkt, an dem Ihnen Verbrechen und Gewalt zu viel wurden?
Wie erwähnt: Hier spielt sicherlich die Erfahrung eine entscheidende Rolle. Wenn Sie als Mediensprecher an einen Tatort aufgeboten werden und Sie haben schon als Polizist Erfahrungen mit Todesfällen gesammelt, so ist das nicht mehr ganz etwas Neues. Aber Sie haben schon recht: Jeder muss schauen, wie er abschalten kann, wie er Distanz zu den Erlebnissen rund um ein Verbrechen findet.
Und was war Ihre Methode zu verhindern, dass Erlebnisse zur Belastung werden?
Ich sage mir, dass ich das Leid und das Elend dieser Menschen nicht mittragen kann. Das heisst nicht, dass ich keine Empathie empfinde und dass es nicht auch zu Mitleid kommt. Zudem mache ich viel Sport und gehe mit den Hunden in den Wald spazieren.
Gibt es Erlebnisse, die sich nicht so einfach verarbeiten lassen?
Es gibt Bilder, die sich nicht einfach so aus dem Gedächtnis löschen lassen, ja. Ich denke an einen Fall, der sich Anfang 2000 in der Schwarzwaldallee ereignet hat: Bei einem Ehedrama wollte ein Mann auf eine Frau einstechen, die noch ein kleines Kind im Arm trug, und statt der Frau traf er das Kind und schnitt ihm den Kopf ab. Das Bild habe ich heute noch vor Augen, aber ohne, dass es mich belasten würde.
Sie stehen als bekanntestes Gesicht der Staatsanwaltschaft in der Öffentlichkeit. Gab es schon Situationen, in denen Sie bedroht wurden?
Ein einziges Mal nach einer Radiosendung. Ein Mann kam auf mich zu und liess an mir seine ganze Wut über die Strafverfolgungsbehörden ab. Aber es blieb glücklicherweise bei Worten.
Welches war Ihr eindrücklichstes Erlebnis?
Der Fall, bei dem im Frühling 2004 ein Polizist erschossen wurde. Ich habe den Mann gekannt, und als ich ihn dann tot am Boden liegen sah, hat das sehr wehgetan. Aus einer alltäglichen Einsatzsituation heraus – einer Nichtigkeit – wurde ein Polizist getötet. Das machte mir schlagartig bewusst, dass dieses Schicksal gerade so gut mir hätte widerfahren können. Auch ich trug mal eine Uniform und war auf der Strasse im Einsatz. Es war ja nicht ein delikater Anti-Terror-Einsatz. In solchen Momenten ist es trotz Emotionen wichtig, sehr professionell zu reagieren und die Kommunikation klar strukturiert und mit der nötigen Zurückhaltung durchzuführen.
Jahrelang haben Sie Journalisten mit Informationen beliefert. Hand aufs Herz: Was denken Sie über Journalisten?
(lacht) Es gab vielleicht eine Handvoll Journalisten, bei denen ich das Gefühl hatte, das war jetzt unfair, was sie gemacht haben. Mit den meisten hatte ich es immer sehr gut.
Danke für die Blumen. Aber wir können Ihnen nicht recht glauben, dass Sie sich nie über Anfragen genervt haben, über Aufdringlichkeit, Unprofessionalität?
Nein, es war wirklich nicht so schlimm. Ich habe die Medienanfragen immer gerne beantwortet. Ich hatte nie das Gefühl, jetzt belästigt mich jemand. Es kommt ja auch darauf an, wer sich meldet. Die verschiedenen Medien haben ganz andere Ansprüche. Bei vielen reicht es, wenn man noch zwei Sätze zusätzlich zur Medienmitteilung sagt. Da ist eine Anfrage in relativ kurzer Zeit erledigt.
Sie haben sich mal augenzwinkernd als «Medienunterhalter» bezeichnet. Nun verschwinden Sie aus der Medienlandschaft, wenn wir das so sagen dürfen. Werden wir Journalisten Ihnen nicht fehlen?
Noch ist offen, wie es auf mich wirken wird, wenn ich die Anfragen und den Kontakt mit den Medienschaffenden nicht mehr habe. Sicherlich werde ich weiterhin ein Medienkonsument mit Ansätzen zu einem Newsjunkie bleiben. Mein Interesse, was von Seiten der Polizei und der Staatsanwaltschaft in Basel läuft, werde ich – wenn auch aus der Ferne – auf jeden Fall künftig mitverfolgen.
Sehen wir Sie bald als Kolumnisten?
Ich sage nicht grundsätzlich Nein, aber ich werde mich hüten, über das Themenfeld Polizei und Staatsanwaltschaft eine Meinung von mir zu geben. Ich will nicht wie Statler und Waldorf, die beiden Alten in der «Muppet Show», alles kommentieren müssen.
Gibt es konkrete Zukunftspläne?
Ich gehe positiv in die nahe Zukunft, auch wenn ich noch nicht genau weiss, was ich mit der vielen Zeit tun werde, die mir nun zur Verfügung stehen wird. Jedenfalls hatte ich genügen Zeit, mich auf diesen neuen Lebensabschnitt vorzubereiten. (Basler Zeitung)
Erstellt: 22.01.2012, 12:51 Uhr
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7 Kommentare
Vielen dank Herr Melzl,für ihr interessantes Interview.Für ihren neuen Lebensabschnitt wünsche ich ihnen,beste Gesundheit und viel Glück.Das haben sie zu recht verdient! Sie waren immer sehr sachlich und die ruhe selbst,
das machte Sie sehr Sympathisch.Merci!
Antworten
Herr Melzel wir kennen und bedauerlicher weise nicht. Wünsche Ihnen aber alles Gute und vor allem gesundheit , dass Sie noch viele Jahre geniessen können. Einmal mehr geht ein jemand aus dem Dienst den man vermissen wird. Für Ihre Abrbeit und Einsatz, immer ruhig und diplomatisch, offen und verständlich kommuniziert. Dafür herzlichen DANK! Antworten
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