Basel

«Es gibt eine neue Junkie-Generation»

Von Mischa Hauswirth. Aktualisiert am 07.07.2011 7 Kommentare

Suchtexperte Walter Meury erklärt, wie sich der Drogenkonsum in den vergangenen 20 Jahren verändert hat und warum es in Basel wieder zu einer offenen Drogenszen kommen könnte.

«Süchtige sind nicht gerne ausgestellt.» Walter Meury, der Mann mit Seehundschnauz, akzeptiert den neuen Standort für die Anlaufstelle.

«Süchtige sind nicht gerne ausgestellt.» Walter Meury, der Mann mit Seehundschnauz, akzeptiert den neuen Standort für die Anlaufstelle.
Bild: Dirk Wetzel

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Nach Bekanntgabe des Standorts für das neue Gassenzimmer wurde Kritik laut. Jetzt mischt sich der renommierte Suchtexperte Walter Meury in die Diskussion ein. Meury ist Geschäftsführer der Suchthilfe Basel und gilt als Kenner der Drogenszene. Er sagt, wie sich der Drogenkonsum in den vergangenen 20 Jahren verändert hat, warum es wieder zu einer offenen Drogenszene kommen könnte und wieso er den zukünftigen Gassenzimmer-Standort an der Münchensteinerstrasse für eine gute Wahl hält.

BaZ: Herr Meury, zwei Jahrzehnte ist es her, seit Sie als Leiter das erste Gassenzimmer in Basel in Betrieb nahmen. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie sich an diese Pionierzeit erinnern?
Walter Meury: Am Anfang hatten wir zu wenig Mitarbeiter und das Gassenzimmer an der Spitalstrasse war sehr eng für die zweihundert Leute, die dort verkehrten. Die Skepsis gegenüber unserer Arbeit war gross. Die Staatsanwaltschaft warf unseren Mitarbeitern sogar vor, sich am Drogenhandel zu beteiligen, was natürlich Blödsinn war. Damals leisteten wir 300 bis 400 Beatmungen im Monat.

Ende 1980er hiess das Ziel, die Süchtigen zum Ausstieg zu bewegen. Das Gassenzimmer wurde als temporäre Notwendigkeit dargestellt. Heute gibt es die Gassenzimmer immer noch, nur heissen sie Kontakt- und Anlaufstellen (K&A). War das Ziel zu ehrgeizig?
So lange wir diese Kapital- und Konsumgesellschaft wollen, werden wir akzeptieren müssen, dass es Drogensüchtige gibt. Drogenabhängige sind einerseits Leute, die zum System herausgeflogen sind und den Einstieg nicht mehr aus eigenem Antrieb finden. Andererseits sind sie jene, die genau das tun, was die Gesellschaft von ihnen verlangt – nämlich zu konsumieren. Wenn auch Substanzen, die wir verboten haben.

Ist das nicht eine Pauschalentschuldigung für Süchtige, damit sie sich nicht anstrengen müssen?
Wir müssen klar sehen: Es trifft oft jene, die bereits eine schlechte Ausgangslage haben. Arbeitslose zum Beispiel. Es ist nun mal so, dass gewisse Menschen, wenn sie mit ihrem Leben nicht mehr klarkommen, bei Substanzen landen. Das kann der Alkohol sein. Das können Drogen sein.

Kokain ist heute die am meisten konsumierte harte Droge. Verursacht diese Substanz andere Probleme bei der Suchthilfe als Heroin?
Ja, denn nicht nur die Stoff-, auch die Konsumformen haben sich seit Ende der 1990er-Jahre verändert. Heute wird vorwiegend Kokain konsumiert. Zudem ist seit etwa sieben Jahren der Konsum von rezeptpflichtigen Medikamenten wie Benzodiazepinen sehr beliebt. Ein Generationenwechsel bringt ebenfalls Veränderungen mit sich: Vor zwanzig Jahren hatten wir Süchtige, die aus Protest gegen die Gesellschaft mit dem Drogenkonsum begonnen hatten, ganz im Geist der 1968er-Bewegung. Bezüglich Wiederintegration waren das ganz andere Leute. Seit zehn Jahren stellen wir fest, dass ein Grossteil der heutigen Drogensüchtigen eine psychische Vorerkrankung haben, wir haben es mit einer neuen Junkie-Generation zu tun. Das bringt mit sich, dass das Therapieangebot neu ausgerichtet werden musste. Das Abstinenzziel rückt in den Hintergrund. Wir sehen uns mit dem neuen Phänomen konfrontiert, dass Menschen ihre psychischen Probleme oder Lebenskrisen mit Drogen zu therapieren beginnen.

Zum Beispiel?
Migranten und Migrantenkinder, die ihre Kriegs- und Flüchtlingstraumata heilen möchten. Oder Frauen, die in der Kindheit missbraucht wurden.

Aber warum schicken wir die Süchtigen nicht einfach in einen Zwangsentzug?
Vor 20 Jahren war die Ansicht weit verbreitet, es brauche den Leidensdruck, damit ein Süchtiger den Ausstieg will. Der Entzug ist jedoch der kleinste Teil der ganzen Geschichte. Viel wichtiger ist die Frage, was danach kommt. Lange Zeit hat man nicht an die Nachsorge gedacht. Wir hatten viele, die zwei Jahre in Therapie und weg waren, clean zurückkamen und plötzlich wieder süchtig wurden. Ein Zwangsentzug bringt einen Erfolg, der nichts wert ist. Es gilt herauszufinden, warum jemand begonnen hat, den Stoff zu nehmen.

Wie erreichen Sie die Süchtigen?
In den K&A ist der erste Kontakt wesentlich einfacher. Oftmals ergeben sich Gespräche über Probleme ganz nebenbei, während man zusammen Kaffee trinkt. Unsere Mitarbeiter kennen 80 bis 90 Prozent der Süchtigen und deren Lebensumstände. Wir thematisieren den Ausstieg, erarbeiten mit den Betroffenen neue Perspektiven und geben Informationen ab.

Was würde passieren, wenn die K&A ersatzlos geschlossen würden?
Früher oder später würde wieder eine offene Drogenszene entstehen. Vielleicht nicht gerade mit den Ausmassen eines Platzspitzes, aber es ginge in diese Richtung. Es würden sich um die 250 Süchtige in der Basler Öffentlichkeit bewegen, und das würde zu den bekannten Diskussionen führen, unter anderem weil überall Spritzen herumlägen.

Die neue K&A soll ins Gundeli. Glauben Sie, dass die Süchtigen die lange Strecke von der Innenstadt aus akzeptieren?
Der Standort hat heute nicht mehr den gleichen Stellenwert wie vor 20 Jahren. Damals ging es darum, dass die Süchtigen das Angebot akzeptieren. Deshalb musste es dort sein, wo sie sich aufhielten. Heute haben wir diese Akzeptanz. Das geplante K&A ist nicht am Stadtrand, sondern am Rand des Gundeli. Zudem vergisst man anscheinend, dass Süchtige nicht gerne ausgestellt sind. (Basler Zeitung)

Erstellt: 07.07.2011, 13:16 Uhr

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7 Kommentare

Martina Melzel

07.07.2011, 21:02 Uhr
Melden 25 Empfehlung

Ja, keine Frage von Links oder Rechts. Die gute Arbeit kann man nur vorbehaltlos unterstützen. Antworten


Hans Iseli

07.07.2011, 15:48 Uhr
Melden 22 Empfehlung

Auch für einen Rechten tönt dies vernünftig. Antworten



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