Basel
«Fahre. Fahre. Mercedes: Fahre.»
Von Claudia Kocher (Text), Joël Gernet (Video). Aktualisiert am 12.08.2010 27 Kommentare
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«Fahre. Fahre. Fuessgänger: Laufe. Warte. Porsche: Fahre. Mercedes: Fahre. Tram 15: Fahre. Velo eins und zwei: Fahre. Fuessgänger: Warte. Jetzt laufe. Fahre. Fahre. Tram 11: Fahre.» So klingt es unentwegt in der Aeschenvorstadt, wo Brunngässlein und Sternengasse sich treffen und die IWB eine grosse Baustelle unterhalten. Der 47-jährige Ladimiro Di Renzo steht seit vier Wochen jeden Tag hier. Und winkt. Pfeift. Ruft: «Fahre. Fahre. Fahre.» Er ist mittlerweilen ein Ereignis.
Ladimiro Di Renzo ist sich bewusst, dass die Leute stehen bleiben, gaffen, lachen, ihn lustig finden, in seltenen Fällen auch nervig. Es interessiert ihn aber nicht, was andere über ihn denken. Er wisse, dass er gegen den Strom schwimme. Aber seine Kreuzungen müssten sauber bleiben. Wegen der Blaulichter. Letzte Woche kam zweimal die Feuerwehr, einmal die Sanität. «Die fuhren durch wie geschmiert.» Tramkolonnen gebe es bei ihm höchstens bis halb neun Uhr morgens. «Ab dann fliesst alles.»
Verkehr als Spiel
Nach neuneinhalb Stunden hat Di Renzo Feierabend. Er trinkt Wasser, raucht Zigaretten. Müde? K.O.? Erschlagen? «Ich bin fit. Ich bin erfüllt. Es ist ein Spiel. Den Verkehr flüssig zu halten ist wie Klavierspielen.» Die Menschen zu bedienen mache ihn glücklich. Er übernehme gerne Verantwortung. Allerdings gebe es immer wieder Personen, die ohne seinen Befehl über die Strasse laufen würden. Deswegen auch nenne er jedes Tram bei seiner Zahl. Damit alle hören, was er gerufen hat, falls etwas geschieht. «Ich benenne immer alles. So entsteht kein Chaos.»
Di Renzo sagt von sich, er habe ein mathematisches Gedächtnis. «Das hilft mir zu spüren, wann ich den Verkehr anhalten und die Fussgänger rüberlassen soll.» Ungeduldige Fussgänger fühle er. Wütend wird er aber nur, wenn die Trams auf der Kreuzung stehen. «Das nervt.» Letzthin habe er mit einer Frau schimpfen müssen, die direkt vor dem Tram durchlief. Doch sonst sei er Idealist und Altruist. «Diese Kräfte schwingen jeden Tag mit.»
Mozart zur Entspannung
Und was nun, nach neuneinhalb Stunden Lärm, Gewusel, Gestank, Gedröhne? «Zu Hause höre ich klassische Musik und bereite mich auf mein Konzert im Oktober vor. Das entspannt mich.» Am Feierabend ist Mozart sein Liebling. Am Morgen, bevor er zur Arbeit geht, mag er Beethoven oder Liszt. Nebenamtlich sei er klassischer Pianist und komponiere auch. Früher war er mal leidenschaftlicher Schuhmacher, lange selbstständig. «Aber wer zahlt heute noch Geld für gute Schuhe?»
Er liebt seine Arbeit, seine Kreuzung. Bis Ende Monat ist er noch da. Dann hat er zwei Wochen Ferien. Wo er nachher eingeteilt wird, weiss er nicht. «Ich möchte sehr gerne wieder an diese Kreuzung». Noch lieber hätte er eine Stelle beim Kanton, denn als Lotse bei der Security arbeite er im Stundenlohn. Sein grösster Wunsch: Den Feierabendverkehr zu regeln. Zum Beispiel am Aeschenplatz. Und das klänge dann etwa so: «Fahre. Fahre. Lastwagen: Fahre. Töff: Fahre. Fuessgänger: Laufe. Warte. Tram 3: Fahre. Blaues Auto: Fahre. Fahre. Fahre. Velos eins zwei drei: Fahre.» (Basler Zeitung)
Erstellt: 12.08.2010, 08:14 Uhr
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27 Kommentare
Herr Di Renzo ist wahrlich eine Erheiterung und er gibt klare Anweisungen und alle die reklamieren, sollten sich klar darüber sein, das es ohne ihn wahrscheinlich bei dieser Baustelle mehrere Unfälle gegeben hätte! Ich arbeite auch an diesem Verkehrsknoten und ich höre lieber seine Stimme als eine Sirene vom Krankenwagen, weil wieder jemand quer über die Strasse gelaufen ist. Antworten
Ja, auch ich habe in seit Tagen bewundert, und auch ein bisschen bemitleidet. Den wer chrampft schon 9 1/2 Stunden bei der letzten Sommerhitze so. Man stelle sich vor, ein Basler Schugger Arbeiten gleich so lang mit elan - nur mit dem Verkehrsregeln... Antworten
@Fritz Hurni Besten Dank, immerhin gibts nicht nur mich, Leute die dem Beschalle den ganzen Tag am Arbeitsort ausgesetzt sind @correcher Sie hauen aber recht in die Tasten, selbständigen Unternehmer ihr Einkommen zu vergellen, falls Sie nicht um die Ecke hier arbeiten, ist es wohl totaler Euphemismus mit fehlende(n) Pragmatismus und Nachsicht zu unterstellen. Antworten
Handzeichen sind völlig genügend, sofern richtig gebraucht. Meistens stehen die Leute aber nur mit gesenkten Armen da, irgendwann beginnen sie zu winken. Bei korrekten Handzeichen braucht es kein Geschrei und Geschnurr. Verstehen nicht alle deutsch, im Auto hört man eh nicht. Also besser mehr Handzeichen als Gelaber, das alle nervt, auch mich als Velofahrer übrigens. Antworten
Wenn man seine Anweisungen den ganzen Tag anhören muss,kann es den einten oder anderen nerven.Wichtiger ist aber das Herr Di Renzo bei allen Kreuzungen die er bedient,stets alle Situationen im Griff hat und somit die Sicherheit aller Verkehrsteilnehmer und Fussgänger gewährleistet.Für mich ist er besser als die grosse Mehrheit aller Verkehrslotsen. Deshalb möchte ich Herr Di Renzo Danken! Antworten
Ich habe ihm mal beim Klavierspielen zuhören dürfen..er spielt wunderbar! wolan, ihr Bewunderer und Skeptiker von Ladimiro Di Renzos Verkehrsregelungskünsten, besucht doch sein Konzert im Oktober - der Mann lebt seine Passion, ob als Dirigent der Strasse oder freier Wanderer auf den Tasten! Antworten
@Zanotelli: Ihre Aussage lässt erahnen, zu welcher Sorte Unternehmer Sie gehören. Pragmatismus u. Nachsicht scheint jedenfalls NICHT zu Ihren Stärken zu gehören. Seien Sie froh, dass SIE ein gutes Einkommen haben u. nicht den ganzen Tag Abgase einatmend an der prallen Sonne stehen müssen. Kaufen Sie sich einen grossen Ventilator u. schliessen Sie das Fenster od. lassen Sie das Internetradio laufen Antworten
... vorallem sind seine Handzeichen FALSCH! Der erhobene Arm bei einem Verkehrspolizisten bedeutet "Halt vor der Verzweigung für alle Richtungen;" ... wenn er dann mit der anderen Hand noch winkt, gibt er widersprüchliche Signale. Das verwirrt mehr, als es hilft. Zudem, wenn man wie ich dort sein Büro hat und dem Schnuri den GANZEN TAG zuhören muss, nervt es nur noch. Antworten
Sicher ist dies die amüsanteste Kreuzung im Raum Basel!! Eine Art living theater. Es lohnt sich wirklich, einige Minuten zuzusehen, und dabei auch die Reaktionen der Verkehrsteilnehmer und Fussgänger zu beobachten. Ich jedenfalls freu mich täglich über diese ausserordentliche Stimmung an einem Platz in unserem Quartier. Antworten
Sensationell! Ich kenne Ladimiro bestens! Ich hoffe, der Staat gibt ihm eine Chance! Es ist einfach unglaublich, was dieser Mann alles kann! Und alles was er macht, tut er zu 100 %. Und - bei allem was er tut - er bringt Farbe in unser Leben. Bravon Ladimiro, mach weiter so! Dein Freund aus dem Tessin! Antworten
Lieber Ladimiro Das ist absolut super! Jeder weiss genau (zu jeder Zeit), was er zu tun oder zu lassen hat. Für mich 'beigst Du nicht einfach Steine zu einer Mauer' sondern 'baust eine Katedrale'. Bleib wie Du bist und lass Dich nicht von den Ewignörgerln unterkriegen!!! Antworten
Erstaunlich wie wenig es doch braucht um in die Baz Schlagzeilen zu kommen. Vor einiger Zeit wurde über ihn schon mal berichtet damals hatte Di Renzo angeblich Inspirationen und Eingebungen von längst verstorbenen Komponisten wie Chopin etc. seine Schäferhündin trug den sinningen Namen: Mozart. Der ehemalige Schummacher in 3. Generation versteht es jedenfalls gut, sich den Medien zu präsentieren. Antworten
@diverse: über die zeit meiner posts machen sie sich mal keine gedanken, zumal sie zur gleichen zeit ja auch posten. und alle ganz locker ... ich finde ihn ja auch ganz amüsant, aber nüchtern betrachtet (hören sie ihm mal aufmerksam zu + beobachten sie v.a. die fussgänger/velofahrer) trägt er nicht zur verkehrsberuhigung/-sicherheit bei. einfach gesagt: weniger wäre mehr (+ trotzdem noch amüsant). Antworten
@hans scholl: Ich weiss nicht was sie arbeiten, aber falls sie nicht gerade im Schichtbetrieb sind frage ich mich schon wie gross ihr Einsatz und Herzblut für ihren Job sind wenn sie um 9:24 Uhr und 10:06 Uhr Zeit finden hier im Forum zu Posten ;) Herr Di Renzo findet dann wohl kaum Zeit dazu! Antworten
Das Kasperli-Theater sollte man umgehend abstellen ! Wegweisen ist ja richtig und gut aber das ganze Geschnorre bringt mich als Unternehmer mit Büro an der Aeschen, wo man bei 35Grad Hitze das Fenster aufmachen muss, fast zur Weissglut. Das Polizeidepartement, die solche Private Dienste mit der Verkehrsleitung beauftragen sollen sich doch das ganze BMW fahren, Fussgänger laufen, ganztätig anhören Antworten
Lieber Herr Scholl, ich habe die von Ihnen erwähnte Sendung noch nie gesehen und finde Herrn Di Renzo und seine Art schlichtweg erheiternd. Ich kann dabei seine "Effizienz", offenbar im Gegensatz zu Ihnen, nicht beurteilen. Es freut mich aber, dass auch Sie "on the job" soviel Einsatz zeigen, Herzlichen Glückwunsch dazu. Glauben Sie mir, etwas "lockerer" lebt es sich besser ;-) Antworten
@hans scholl - darf man seine arbeit nicht mehr mit "begeisterung" machen? übrigens, der stau der trams kommt nicht von dem mann, der da mit "inbrunzt" herumwinkt; der kam wieder mal von einem siemens-trämli, bei dem am barffi alle sicherungenen durchgedreht waren (elektrischer schaden), ich stand im tram und durfte auch so meine zeit vertreiben ... Antworten
@Harald Waldner: "An die Motzer: Macht Ihr Euren Job erstmal mit soviel Einsatz und Herzblut." Ja, den mache ich (und viele andere auch). Aber dies alleine reicht nicht. Ihre Aussage beweist es ja: es geht nur um die Show (offenbar reicht Ihnen "Big Brother" & Co. nicht aus). Antworten
Der Mann ist absolut Weltklasse, ich sehe ihn jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit, mittlerweile eine echte Kultfigur. An die Motzer: Macht Ihr Euren Job erstmal mit soviel Einsatz und Herzblut.... Herr Di Renzo, weiter so...das Publikum am Aeschenplatz wird Sie vermissen, wenn die Baustelle nicht mehr ist... Antworten
Immerhin einer der winkt. Die meisten dieser Wachleute sind komplett überfordert mit ihrem Job. Stehen irgendwo da, die Hände unten und alle fahren irgendwie. Nachdem es fast gekracht hat, springen sie dann auf die Strasse, winken irgendetwas. Von Verkehrssicherheit keine Rede. Diese Wachen verschlimmern die Situation oft unnötig, weil niemand mehr weiss, wann und wie fahren. Aber eben. Sparen... Antworten
es mag ja originell sein ... und man mag dadurch sogar in die zeitung kommen, aber für die betroffenen verkehrsteilnehmer ist es wirr und letztlich gefährlich, da sich dasdurch nicht mehr alle an die "anweisungen" halten ... es ist ja auch deutlich mehr show als verkehrsführung. und effizient ist es auch nicht, stauten sich bspw gestern abend teils mehrere trams bis an den aeschenplatz ... Antworten




jean-pierre neidhart
@Theo Pfister: Oje, was sind Sie nur fuer ein Miesmacher. Humor und Lebensfreude sind fuer Menschen wie Sie wohl ein Fremdwort. Wenn alle so denken wuerden wie Sie, waere die Welt ein trauriger Ort. Antworten