Fans befürchten eine Flut von Auflagen

Von David Weber. Aktualisiert am 26.01.2012 31 Kommentare

Der Bund will die Massnahmen gegen die Hooligan-Gewalt verschärfen. Aus dem Kanton Basel-Stadt sind kritische Stimmen zu vernehmen.

Im St.-Jakob-Park, Mai 2010. Das verschärfte Hooligan-Konkordat wird in Basel nicht viel ändern. Fans dürfen auch weiterhin mit Fahnen ins Stadion.

Im St.-Jakob-Park, Mai 2010. Das verschärfte Hooligan-Konkordat wird in Basel nicht viel ändern. Fans dürfen auch weiterhin mit Fahnen ins Stadion.
Bild: Keystone

Umfrage

Der Bund will die Massnahmen gegen Hooligangewalt verschärfen. Ist das richtig?

Ja

 
74.5%

Nein

 
25.5%

1196 Stimmen


Bewilligungspflicht wird «einhellig begrüsst»

Unter dem Titel «Hooligans an die kurze Leine: Jetzt greifen die Kantone durch» berichtete gestern Abend auch die «Rundschau» über mögliche neue Massnahmen gegen Gewalt rund um Sportveranstaltungen. Als Beispiel diente der Eishockeyclub EV Zug, der seine Eingänge zukünftig mit Kameras überwachen lässt und die Matchbesucher identifiziert. Solche Massnahmen könnten auch andere Kantone ihren Clubs verordnen, wenn die Bewilligungspflicht für Spiele der höchsten Eishockey- und Fussballliga kommt, wie sie von der Kantonalen Konferenz der Justiz- und Polizeidirektoren (KKJPD) im revidierten Hooligan-Konkordat vorgeschlagen wird. Laut KKJPD-Generalsekretär Roger Schneeberger sei die Bewilligungspflicht in der Vernehmlassung von den Kantonen «einhellig begrüsst» worden. Sie werde sicher Teil des revidierten Konkordats bleiben. Die Kantone können die neuen Massnahmen anwenden, sobald das jeweilige Kantonsparlament das Konkordat ratifiziert hat. Welche Auflagen die Kantone im Rahmen des Bewilligungsverfahrens machen werden, bestimmen die jeweiligen Sicherheitsbehörden.

Dossiers

Artikel zum Thema

Stichworte

Korrektur-Hinweis

Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.

Auf die Fussball- und Eishockeyfans könnte einiges zukommen: Identitätskontrollen am Eingang, Verbot von Fahnen und Transparenten, Kombiticket für die An- und Abreise der Gästefans. Die Kantonale Konferenz der Polizei- und Justizdirektoren (KKJPD) fordert eine Bewilligungspflicht für Eishockey- und Fussballspiele der höchsten Spielklasse, dann könnten die Behörden den Klubs ebensolche Auflagen machen. Sonst wird gar nicht erst angepfiffen (siehe auch Text links).

Neben der Bewilligungspflicht schlägt die KKJPD auch die Ausweitung von Rayonverboten auf Stadien in der ganzen Schweiz vor, zudem können Matchbesucher beim Eingang intimen Körperkontrollen unterzogen werden, auch ohne Anfangsverdacht. Deshalb soll das «Konkordat über Massnahmen gegen Gewalt anlässlich von Sportveranstaltungen» – auch Hooligan-Konkordat genannt – verschärft werden. Die Vernehmlassung dazu endete Mitte Januar. Die Rollen in dieser emotional geführten Diskussion sind klar verteilt: Hier ist die Politik, die im Kampf gegen Fangewalt «endlich» vorwärtsmachen will, auf der anderen Seite – und somit auf der Anklagebank – sind Liga, Klubs und Fanorganisationen, die vor einer Vorverurteilung aller Fans warnen und die Praxistauglichkeit einzelner Massnahmen infrage stellen – zum Beispiel, wenn der sofortige Spielabbruch beim Zünden einer Pyrofackel gefordert wird. Wer Bedenken äussert, wird schnell als «Verharmloser» dargestellt.

Umstrittene Durchsuchung

Es gibt aber auch von Behördenseite kritische Stimmen zum Entwurf des revidierten Konkordats. Zum Beispiel von Basel-Stadt. Die Regierung begrüsst zwar «grundsätzlich die Teilrevision», allerdings kritisieren Regierung und Polizeikommandant Gerhard Lips die mögliche verdachtsunabhängige Durchsuchung von Personen auf verbotene Gegenstände. Diese führe zu weit, sagt Lips zur BaZ. Der Polizei seien Kontrollen ohne Verdacht nicht erlaubt, deshalb gebe es keinen Grund, dass dies private Sicherheitsleute tun dürfen. Anders sieht das die Baselbieter Regierung. Auch wenn solche Kontrollen in die persönliche Freiheit eingreifen würden, sei der Schutz von «Leib, Leben und Eigentum» höher zu gewichten, heisst es in der Vernehmlassungsantwort.

Aber auch zur Bewilligungspflicht gibt es aus Basel eine kritische Bemerkung: Diese dürfe nicht zu «sach- und artfremden Auflagen» führen. Was damit gemeint ist, kann Lips auf Nachfrage nicht präzisieren. Gemeint ist wohl, dass man Angst hat, andere Kantone würden sehr strenge Auflagen verfügen – und auch Basel unter Zugzwang bringen. Denn in Basel-Stadt ist die Bewilligungspflicht für Grossveranstaltungen bereits im Polizeigesetz verankert. Die Zusammenarbeit zwischen Polizei und Klub klappt gut – zudem gab es in den letzten zwei Jahren keine nennenswerten Probleme rund um die Heimspiele des FC Basel.

In Basel werde sich deshalb nicht viel ändern, auch wenn das revidierte Konkordat in Kraft treten sollte, erklärt Polizeikommandant Lips, der letztendlich die Bewilligung erteilt. Er sehe zurzeit keinen Grund, zukünftig beispielsweise ein Verbot von Fahnen und Transparenten in die Bewilligungsauflage zu integrieren, wie das in anderen Kantonen diskutiert wird. Lips bezeichnet die Bewilligungspflicht als «Knackpunkt für das föderale System» der Schweiz. Wünschenswert wären einheitliche Auflagen in allen Städten, so Lips.

Verbote anderswo möglich

Ob sich die Polizeidirektoren darauf einigen können, ist fraglich. Vielmehr dürfte die Einführung der Bewilligungspflicht zu einem Flickenteppich führen. Der Begriff «Bewilligungspflicht» ist eine Blackbox, die jeder Kanton mit Auflagen füllen kann. So könnten in St. Gallen oder Bern das Kombiticket eingeführt und Fahnen im Stadion verboten werden, weil sie die Identifizierung von Pyro-Sündern erschweren. Insofern wären Basler Fans doch betroffen, auch wenn sich im Joggeli nichts ändert.

Der Fanarbeiter und Geschäftsführer von Fanarbeit Schweiz, Thomas Gander, warnt denn auch vor einer Auflagenflut in den Stadien, sollte die Bewilligungspflicht kommen. Die Fanarbeit lehnt das Konkordat an sich und auch den Revisionsentwurf ab und bezeichnet es «als der Eindämmung der Gewalt nicht förderlich, sondern ganz im Gegenteil als kontraproduktiv». Das Konkordat setze nur auf Repression und es bestehe die Gefahr einer flächendeckenden Kriminalisierung von Fussball- und Eishockeyfans. «Massnahmen, welche auf den Gewalttäter fokussiert zur Anwendung kommen, unterstützen wir», sagt Gander.

Die Fanarbeit Schweiz kritisiert in ihrer Vernehmlassungsantwort auch die «mediale Inszenierung und die politische Vereinnahmung», die kaum mehr hinterfragt würden. Denn das Zahlenmaterial belegt die behauptete Gewaltspirale nicht, sagt Gander. 2009 seien 327 Personen wegen Straftaten in und um Sportstätten verzeigt worden, 2010 waren es 303. Die KKJPD wertet die Antworten nun aus. Danach dürfte das revidierte Konkordat in den Kantonsparlamenten, die den Text ratifizieren müssen, für Diskussionen sorgen. (Basler Zeitung)

Erstellt: 26.01.2012, 07:26 Uhr

31

Kommentar schreiben

Verbleibende Anzahl Zeichen:

No connection to facebook possible. Please try again. There was a problem while transmitting your comment. Please try again.

31 Kommentare

Theo Baer

26.01.2012, 10:28 Uhr
Melden 34 Empfehlung

Haben wir denn wirklich keine schwerwiegendere Probleme als die sogenannten Hooligans? Oder ist das die beliebte Konzentration auf eine kleine, in sich geschlossene Gruppe, die man so vorzüglich als Sündenbock für alles hinstellen kann? Ich gehe seit vielen Jahren mit den Kindern ins Joggeli. Würde ich dies tun, wenn ich jedesmal um deren Gesundheit bangen müsste? Antworten


Otto Horn

26.01.2012, 08:48 Uhr
Melden 30 Empfehlung

Also dann würde ich vorschlagen, dass alle Autolenker in einem Kanton in Zukunft für einen Tag nicht Auto fahren dürfen wenn ein Lenker aus ihrem Kanton mit mehr als 20km/h zu viel geblitzt wird.
Macht es wirklich Sinn wegen 1-2% Idioten an Fussballspielen alle anderen zu schikanieren?
Antworten



Basel

Populär auf Facebook Privatsphäre

Verzeichnis

Werbung

Meistgelesen in der Rubrik Basel

Ist der Kreisel bei der Prüfstation trotz Sanierung gefährlich?

Ja

 
52.2%

Nein

 
47.8%

1101 Stimmen

bluebanana.ch

BaZ.Reisen. 2012

Eine Aktion von bluebanana.ch, Baslerstab und Basler Zeitung

BaZ.Mobil.

Mimpfeli