Basel

«Fasnacht ist zum Fremdgehen nicht geeignet»

Von Michel Schultheiss. Aktualisiert am 23.02.2012 16 Kommentare

Vorsicht vor Besäufnissen und sexuellen Abenteuern: Christliche Traktate mahnen zur Besonnenheit während der Fasnacht.

«Nimm und lies»: Der christliche Flyer beschäftigt sich meist mit aktuellen Themen - auch mit der Fasnacht.

«Nimm und lies»: Der christliche Flyer beschäftigt sich meist mit aktuellen Themen - auch mit der Fasnacht.

Harmonisches Nebeneinander von Glaube und Fasnacht: Der Schnitzelbank Dootebainli am Fasnachtsgottesdienst 2010 in der Elisabethenkirche. (Bild: Alex Kaeslin)

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Ein christlicher Flyer warnt vor fasnächtlichen Exzessen: «Ist die Fasnacht mit ihrem turbulenten Treiben nicht ein Kurzschluss ohnegleichen? Der Griff zum Glas oder zur Ausschweifung bringt niemals eine Erfüllung Ihrer Herzenswünsche! Sexuelles Sich-gehen-Lassen schändet Sie an Leib und Seele! Halten Sie sich fern von sinnlosem Geniessen!»

Diese Mahnungen sind in einer von zwei Verteilschriften unter dem Titel «Nimm und lies!» zu finden, die manchmal vor der Fasnacht verteilt werden. Hinter den Flyern steckt die Schweizerische Traktatmission (STM) mit Sitz im zürcherischen Seuzach. Die Kritik richte sich nicht gegen die Fasnacht an sich, sondern gegen ihre Auswüchse, betont Christine Zehnder von der STM. Die Moral habe während diesen Tagen kein Gewicht und es komme schnell zu Handlungen, die nachher bereut werden, so zum Beispiel zu Ehebruch oder Alkoholmissbrauch. Zudem sei der Ursprungsgedanke, vor der Fastenzeit «die Sau rauszulassen» aus christlicher Sicht problematisch.

Die Traktatmission versteht sich als evangelisches, überkonfessionelle Werk, welches sich sowohl mit der reformierten Landeskirche wie auch den Freikirchen zugehörig fühlt. Es feierte vor zwei Jahren sein hundertjähriges Bestehen, hat aber seine Wurzeln im 19. Jahrhundert. Es ging aus dem Basler Traktatverein des Pietisten Christian Friedrich Spittler hervor, dem Gründer zahlreicher christlicher Werke wie beispielsweise der Pilgermission St.Chrischona. Die Verteilsektion Basel zählt rund 25 Mitglieder. «Fasnacht ist ein Ausdruck dafür, dass sich der Mensch danach sehnt, anders zu sein, als er», betont Zehnder. Mit den christlichen Flyern wolle die STM in erster Linie auf Jesus Christus hinweisen, der eine Erfüllung geben kann, die viel mehr sei als eine kurze Fasnachtsfreude.

Predigt mit Piccolos

André Feuz, Leiter der Offenen Kirche Elisabethen, schmunzelt, als er von diesen Traktaten vernimmt. Er ordnet sie im Bereich «Fasnachtszeedel» ein. «Vor der Fasnacht muss man nicht warnen», meint der reformierte Pfarrer. Wie jedes Jahr hält er auch am Sonntag vor dem Morgestraich den Fasnachts-Gottesdienst ab. Dort trifft die Predigt auf Tambouren, Pfyffer und Schnitzelbänkler. «Ich als Zürcher muss festhalten, dass die Basler Fasnacht nicht bloss Jux, sondern auch eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Gesellschaft darstellt. Wir wollen das Besinnliche der Fasnacht in die Kirche aufnehmen», meint Feuz. Der fasnächtliche Gottesdienst stelle einen ruhigen Pol zum närrischen Treiben dar.

Was die in den christlichen Traktaten geschilderten Auswüchse anbelangt, reagiert Pfarrer Feuz mit Humor: «Fasnacht ist zum Fremdgehen nicht geeignet. Erstens ist es kalt, zweitens ist dieses Vorhaben eher schwierig mit Kostüm und Larve». Auch zum Alkohol-Konsum reagiert er gelassen: «Jesus hat Wasser verwandelt, zwar nicht in Ueli-Bier, wohl aber in Wein – und nicht umgekehrt.» Dies bedeute, dass auch schon damals beim Alkohol kräftig zugegriffen wurde, meint Feuz. Aufgrund des unverkrampften Verhältnisses zwischen Kirche und Brauchtum erfreut sich der ökumenische Fasnachts-Gottesdienst grosser Beliebtheit. Es habe noch nie Reklamationen gegeben, meint Feuz. «Ist das fasnächtliche Treiben nicht bloss ein Rollenwechsel, eine Jagd nach Trugbildern?», fragt der STM-Flyer. Viele Basler Christen sind hier anderer Meinung. Wenn Predigten auf Schnitzelbängg, Orgeln auf Piccolos und Fasnachtszeedel auf Traktate treffen, wird dies nicht grundsätzlich als Widerspruch betrachtet.

Freikirchliche Fasnächtler

Auch Xaver Pfister, Informationsbeauftragter der römisch-katholischen Kirche steht hinter der Basler Tradition und bekundet Mühe mit den Fasnachts-Warnern. Die reformierte Kirche habe früher die Fasnacht bekämpft, was sich aber im Laufe der Zeit gewandelt habe. Zudem gehöre das Ekstatische zur Religion, meint Pfister.

Nicht nur bei den beiden Landeskirchen sieht man das Thema gelassen. Auch bei der Freikirche International Christian Fellowship (ICF) Basel sind einige begeisterte Fasnächtler zu finden, wie Pastor Manuel Schmid erzählt. «ICF versteht sich konsequent als Teil unserer Gesellschaft und der lokalen Kultur. Eine besonders leidenschaftliche Fasnächtlerin unter uns fertigt sogar professionell Larven und Kostüme an. Als Kirche sind wir allerdings nicht offiziell an Fasnachtsaktivitäten beteiligt - wir überlassen das den persönlichen Vorlieben unserer Besucher», meint Schmid. ICF-Mitglieder, welche in der Fasnacht grundsätzlich Probleme sehen, sind dem Pastor nicht bekannt.

Ähnliches sagt auch Simon Kaldewey, Pastor der Freien Evangelischen Gemeinde Riehen. Einzelne Gemeinde-Mitglieder seien kritisch zur Fasnacht eingestellt aufgrund der heidnischen Wurzeln dieses Brauchtums. Im grossen Ganzen werde die Fasnacht jedoch als kultureller und gemeinschaftlicher Anlass geschätzt. Vereinzelt gebe es auch Aktiv-Fasnächtler. Diesen sei sehr wohl bewusst, dass heute nicht mehr Winter-Dämonen verjagt werden, sondern dass die Basler diesen alten Brauch heute aus ganz anderen Gründen feiern, meint Kaldewey. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 23.02.2012, 11:25 Uhr

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16 Kommentare

Anja Suter

23.02.2012, 13:38 Uhr
Melden 22 Empfehlung

Ich werde an der Fasnacht extrem Fremdgehen und das Leben geniessen. Wir sind nicht nur für eine Person bestimmt, der Mensch ist auch ein Rudeltier. Man sollte die Gene so oft austauschen wie nur möglich. Schade das hier wieder versucht wird die Menschheit in ein Korsett zu zwängen, welche total asexuell ist, völlig unverständlich fürs 21 Jahrhundert? Heuchlerisch, denkt mal nach was ihr wollt? Antworten


Yves Schneider

23.02.2012, 13:50 Uhr
Melden 17 Empfehlung

Sorry aber das ist nun wirklich privat und solange niemand gefährdet wird geht es auch niemanden was an. Gerade diese religiösen Sprüche von Moral und Sünde sind auf reine Unterdrückung der Menschheit ausgerichtet. Wir müssen uns von all dieser Last befreien. Schaut man die Vergangenheit dieser Institutionen an, so sieht man dass diese null Recht haben uns irgendwelche Verhaltensregeln vorzugeben. Antworten



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