Basel
Fast die Hälfte der Basler sind ohne Konfession
Von Ralph Schindel. Aktualisiert am 06.11.2011 20 Kommentare
Die religiöse Landschaft ist zersplittert: So zählt Inforel, die unabhängige Informationsstelle Religion, derzeit 249 christliche Gemeinschaften in der Region Basel. Gleichzeitig zeigt die offizielle Statistik, dass 43,9 Prozent der Wohnbevölkerung oder 83 510 Personen keiner Religion angehören.
Das heisst aber nicht, dass sie keinen Glauben haben, sondern nur, dass sie diesen nicht in einer Institution leben. Die Koordination für Religionsfragen von Integration Basel schätzt, dass zwar nur rund 71 000 Personen ihren christlichen Glauben in Institutionen leben, dass es aber tatsächlich rund 112 000 Christen in Basel gibt. Noch extremer ist das Zahlenverhältnis bei den Muslimen. Lediglich 2800 oder 15 Prozent der ansässigen Muslime gehörten einer Institution an, fast 16 000 dagegen würden ihren Glauben im Privaten praktizieren, wie Lilo Roost Vischer, Koordinatorin für Religionsfragen, am Freitag vor den Medien ausführte. «Statistiken sagen nichts über die privaten Glaubenspraktiken aus», sagte Roost Vischer.
Zu hohe Kirchensteuern
Früher war das einfacher: Basel war zunächst einfach christlich geprägt, bevor die Reformation kam und sich durchsetzte. Danach hatten die Katholiken im Kanton für lange Zeit einen schweren Stand. So wurde ihnen zum Beispiel untersagt, eine katholische Schule zu führen. Mit der Verfassungsänderung von 1910 wurden Kirche und Staat entflochten. Die öffentlich-rechtliche Anerkennung erhielten damals die Evangelisch-reformierte (ERK) und die Christkatholische Kirche. Die Römisch-Katholische Kirche (RKK) und die Israelitische Gemeinde Basel warteten hingegen bis 1972.
Die vielen Austritte vor allem aus der ERK und der RKK lassen sich laut Thomas Kessler, Leiter Kantons- und Stadtentwicklung, teilweise mit den «prohibitiv hohen Steuern» erklären. So würden andere Kantonalkirchen etwa in der Romandie kaum Austritte verzeichnen, sie zögen aber auch viel tiefere Abgaben ein. «Die Austrittsdynamik wird sich aber nicht weiter akzentuieren», ist Kessler überzeugt. Die Austritte führten und führen dazu, dass Kirchgemeinden zusammengelegt oder die Räume anders genutzt werden. So feiert die Serbisch-Orthodoxe Kirche ihre Gottesdienste in der 1270 erbauten St.-Alban-Kirche. Weitere Auswirkungen sind Kooperationen wie der Tag der Kirchen am Rheinknie oder die Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen.
Religiöse Landschaft wandelt sich
Im protestantischen Spektrum ist eine Zunahme zu beobachten, etwa durch die Lutheraner und durch Migrationskirchen. Probleme haben die konservativen Freikirchen, die klassischen Gemeinden sind stabil, während vor allem charismatische wie die Pfingstgemeinde oder die International Christian Fellowship wachsen und ein jüngeres Publikum haben. Mit rückläufigen Zahlen würden aber auch die traditionellen Moscheevereine kämpfen, vermutete Roost Vischer. Hier träten vor allem Personen aus, deren Migration weiter zurückliege, sagte Kessler. «Die Migration führt dazu, dass sich die Menschen nach Geborgenheit sehnen.» Grosse Dynamik in der religiösen Landschaft entsteht durch das Wachstum dieser neueren religiösen Gemeinschaften. Diese zeichnen sich durch eine soziale und emotionale Dichte aus, rekrutieren aktiv, treten selbstbewusst auf und vermitteln klare – nicht unbedingt strenge – Regeln.
In diesem weiten Feld bewegt sich der Staat. Er muss zwar keine theologischen Auseinandersetzungen austragen, aber er hat die Aufgabe, auf die Einhaltung gesetzlicher Rahmenbedingungen zu achten wie etwa die Chancengleichheit und die Antidiskriminierung. Gerade in multireligiösen Gesellschaften muss der Staat auch Konfliktfelder bearbeiten.
Die Koordination für Religionsfragen hält dafür den Kontakt zu den Religionsgemeinschaften, kümmert sich um die Anliegen der Verwaltung und der Bevölkerung und vermittelt bei Konflikten. «Wir fällen aber keine Entscheide», betonte Roost Vischer und nannte das Beispiel des Frauenbads Eglisee, in dem es 2010 zu Konflikten zwischen einheimischen und muslimischen Frauen gekommen war. In diesem Jahr ist erfolgreich vermittelt worden. Weitere Themen sind Schwimmdispensen oder Lagerdispensen an den Schulen. Damit ist auch klar, dass es eher selten um Konflikte zwischen den Religionen geht, sondern viel häufiger um Fragen in der Auseinandersetzung mit dem Staat.
Heimat in der Religion
Die künftige Herausforderung wird sein, eine starke religiöse Verortung mit Orten der Begegnung zu verknüpfen. «Das Zusammenleben in einer multireligiösen Gesellschaft erfordert eigene Orte, die als Heimat dienen», sagte Roost Vischer. Gemeint sind zum Beispiel Quartierpfarreien. Die spirituelle Stärkung müsse mit der Stärkung für das multisoziale Zusammenleben einhergehen. «Eigenes stärken, ohne Fremdes zu entwerten», sagte Roost Vischer. Eines der Leitprinzipien des Runden Tischs der Religionen beider Basel, der ebenfalls den Informationsaustausch pflegt und nach Lösungen sucht. (Basler Zeitung)
Erstellt: 06.11.2011, 15:05 Uhr
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20 Kommentare
@G. Graf: wie kommen Sie auf die Idee, dass die "Ausgetretenen" solche Dienstleistungen überhaupt beanspruchen *wollen*? Es würde mir nie im Traum einfallen, kirchlich zu heiraten, oder einen Pfarrer an meiner Beerdigung irgendwas erzählen zu lassen, so konsequent bin ich dann schon und ich denke, andere Ausgetretetene denken auch so. Ihr vermutetes Problem ist also sicher kein Grosses. Antworten
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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.



