Basel

Geheimsache Tierversuch

Der Bund will mehr Informationen über Tierversuche publik machen. Nun fürchten die Pharma und die Regierungen der beiden Basel ums Geschäftsgeheimnis und die Sicherheit der Forscher.

Umfrage

Der Bund will bei den Tierversuchen mehr Klarheit schaffen. Dagegen wehren sich die Regierungen der beiden Basel sowie die Pharma, die sich auf das Geschäftsgeheimnis berufen. Sollen Tierversuche transparenter werden?

Ja

 
61.4%

Nein

 
38.6%

Besonders viele Versuche in der Region Basel

Eigentlich wäre der Zeitpunkt ideal, um im Bereich der Tierversuche für mehr Transparenz zu sorgen. Denn das Bundesamt für Veterinärwesen ist daran, eine neue elektronische Plattform zu installieren mit allen Angaben über die aktuellen Tierversuche und die entsprechenden Bewilligungen. Diese werden dem Bund gemeldet; erteilt werden sie auf kantonaler Ebene von den Veterinärämtern. Viel zu tun haben diese insbesondere in den beiden Basel.

2009 wurden im Stadtkanton 598 Versuche bewilligt – so viele wie in keinem anderen Kanton. Im Baselbiet liefen 270 bewilligte Versuche, in der ganzen Schweiz 3329. Eingesetzt wurden dabei insgesamt 706 104 Tiere. Tendenziell ist die Zahl der Versuchstiere nach 1983 (damals waren es zwei Millionen) bis 2000 kontinuierlich gesunken und danach wieder leicht gestiegen. 2009 war die Zahl wieder rückläufig. Eingesetzt werden die meisten Tiere in den Bereichen Grundlagenforschung, Entdeckung, Entwicklung und Qualitätskontrolle.

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Irgendwo in einem Labor: Fünf Ratten werden aus dem Käfig genommen, immer wieder, damit ihnen irgendeine Substanz gespritzt und Blut entnommen werden kann. Nach der Testreihe werden die Tiere getötet und der Einfluss des Wirkstoffs auf die inneren Organe untersucht. Das Blut wird ebenfalls auf Abbaustoffe hin analysiert. Wo und warum die Tiere sterben, erfährt die Öffentlichkeit nicht. Im Bereich der Tierversuche werden nicht viel mehr als die nackten Zahlen publik gemacht: Exakt 706 104 Tiere wurden 2009 in der Schweiz «verwendet», wie es im offiziellen Sprachgebrauch heisst; die meisten – 79 Prozent – waren Mäuse, Ratten, Hamster oder Meerschweinchen (siehe Text links).

Bei der anstehenden Änderung des Tierschutzgesetzes will das Bundesamt für Veterinärwesen nun für mehr Transparenz sorgen. «Weil das Interesse der Öffentlichkeit gerade in diesem sensiblen Bereich sehr gross ist», wie Amtssprecher Marcel Falk sagt. Vorbild soll das Gentechnikgesetz sein. Dagegen formiert sich aber massiver Widerstand. Denn im Bereich der Gentechnik wird Transparenz ziemlich gross geschrieben: Ort und Zweck eines Versuchs werden ebenso publiziert wie der Name des Studienleiters und seine Institution.

Angst vor radikalen Tierrechtler

Diese Regelung auf Tierversuche zu übertragen, wäre gefährlich, sagen die Kritiker, allen voran Interpharma, der Verband der forschenden pharmazeutischen Firmen. «Damit würden nicht nur die Forschungs-, Geschäfts- und Fabrikationsgeheimnisse gefährdet, sondern auch die involvierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter», sagt Verbandssprecher Roland Schlumpf. Die Forscher gerieten, so seine Befürchtung, ins Visier militanter Tierschützer. «Schon beim jetzigen System gab es immer wieder Angriffe auf die Pharma und ihre Vertreter», sagt Schlumpf. Prominentestes Opfer war Daniel Vasella, Verwaltungsratspräsident von Novartis. Im Oktober 2009 schändeten radikale Tierrechtler das Grab seiner Familie und fackelten seine Jagdhütte im Tirol ab.

Nun graut es auch den Behörden vor weiteren Anschlägen, gerade in der Region Basel, diesem wichtigen Pharma- und Forschungsstandort. In der Vernehmlassung zur Gesetzesrevision hat sich nach dem Basler Regierungsrat auch die Baselbieter Regierung gegen eine möglichst grosse Transparenz im Bereich der Tierversuche ausgesprochen. «Die Sicherheit der Forscher und das Geschäftsgeheimnis sind höher zu gewichten als das Informationsbedürfnis der Öffentlichkeit», sagt der Baselbieter Kantonstierarzt Ignaz Bloch, «darum taugt das Gentechnikgesetz nur bedingt als Vorbild.»

Debatte erwünscht

Julika Fitzi vom Schweizer Tierschutz hat ein gewisses Verständnis für die Ängste. Ihre Sorge gilt aber nicht nur den Betriebsgeheimnissen und Forschern, sondern auch den Tieren. «Ich will wissen, für welchen Zweck eine Ratte, eine Maus oder all die anderen Versuchstiere eingesetzt werden», sagt Fitzi. Werden die einzelnen Tiere im Kampf gegen eine tödliche Krankheit geopfert? Oder müssen sie leiden, nur damit noch mehr Functional Food entwickelt werden kann? Dies soll zwar besonders gesund sein, sei aber vor allem teuer.

«Die Öffentlichkeit hat ein Recht darauf, dass diese Fragen beantwortet werden. Das ist auch mit anonymisierten Angaben möglich», sagt Fitzi. Dabei geht es ihr nicht nur um die öffentliche Debatte, sondern auch um einen besseren Informationsaustausch unter den Forschern. Fitzi: «Nur so kann verhindert werden, dass ein verunglückter Versuch an einem anderen Ort nochmals wiederholt wird und Tiere sinnlos sterben.» (Basler Zeitung)

Erstellt: 01.09.2010, 07:10 Uhr

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10 Kommentare

Claudia Müller

30.09.2010, 09:20 Uhr
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Transparenz auf jeden Fall. In den vielen Jahren der Forschung wurden Tests xxxxmal wiederholt (was unverständlich ist). Heute sind Datenbanken vorhanden und somit viele Tierversuche unnötig. Wieso werden u.a. z.B. Amputationen vorgenommen? Wir wissen heute auch, dass Tiere anders reagieren als Menschen. Wie viele Medis wurden zurückgerufen? Ausgetestet am Tier, schlussendlich schädlich für Mensch Antworten


silvie kuemmin

05.09.2010, 10:57 Uhr
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Möchte lieber nicht alles wissen,wie viele unnötige Versuche durchgeführt werden.Diesen Forschern traue ich alles zu, ein Tier ist nichts wert ABFALLWARE!Quäle nie ein Tier zum Scherz?denn es fühlt wie du den schmerz!Ich habe in den 90er Jahren aushilfsweise-Postverteilung in der Roche gearbeitet+viele Ratten-Beaglehunde gesehen mit Katheter. Traurig! Geschäftsgeheimnis?Mehr Klarheit! bin dafür. Antworten


rudolf thoma

04.09.2010, 11:39 Uhr
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@M.Ingelsperger! So kann wahrlich nur eine Vivisektionsbefürworterin antworten, Tierversuche sind in der heutigen modernen Zeit unnötig und verpönt! Antworten


Antonietta Tumminello

03.09.2010, 22:12 Uhr
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Ob ein bestimmtes Tier auf eine bestimmte Substanz nun gleich, ähnlich oder völlig anders als der Mensch reagiert, weiß man derzeit erst, wenn diese Substanz auch am Menschen angewendet wurde. Die Erkenntnis, wie ein bestimmtes Tier auf einen bestimmten Stoff reagiert, ist daher völlig bedeutungslos für den Menschen. Vielmehr kann man mit Tierversuchen "beweisen" was man will. Antworten


Milena Ingelsperger

03.09.2010, 13:39 Uhr
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@Herr Thoma: Was für ein Argument! Homöopathie mag bei vielen Sachen helfen. Aber was machen Sie, wenn sie ein künstliches Hüftgelenk brauchen, plus Narkose plus das zugehörige Röntgen? Tierversuche sind für eine Vielzahl von Sachen vorgeschrieben, die auch Homöopathen nutzen. Und das nicht, weil Forscher so gerne Tiere quälen. Antworten


Rudolf Thoma

02.09.2010, 19:57 Uhr
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"Quäle nie ein Tier zum Scherz, denn es fühlt wie du den Schmerz" schon im zartesten Kindesalter wurde mir das immer und immer wieder eingebleult. Wenn mich eine Krankheit geiselt, dann greife ich mit grossem Erfolg zur Homöopathie! Würden alle Medifresser die mitgelieferten Beipackzettel aufmerksamer lesen, dann würden sie sich besinnen und nicht einfach sinnlos bei jedem "Bobo" Medi schlucken Antworten


Sibylle Weiss

02.09.2010, 13:30 Uhr
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Also wenn ich dieses Bild sehe, wo 4 kleine Tiere in engem Käfig zusammengepfercht sind, wird es einem gelinde gesagt bzw. geschrieben übel! Und hört mal mit diesen "fantischen Tierschützern" auf, das ist doch einfach albern und grenzt schon an Hallusinationen, wo man weisse Mäuse sieht, nicht nirgends vorhanden sind, was man von obigem Bild wahrlich nicht schreiben kann! Antworten


Rolf Zeller

02.09.2010, 10:57 Uhr
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Dieser Artikel zeigt, wie in der Debatte um Tierversuche mit Halbwahrheiten argumentiert wird. Keine Tierversuche sind geheim, sie werden alle von Kommissionen bewilligt in welchen die Gegner vertreten sind. Wir haben das weltweit strengste Tierversuchsgesetz und es geht nun darum, ob die Personendaten Extremisten zugänglich werden, was eine unakzeptierbare Gefährdung der Forscher bedeuten würde. Antworten


Sven Schuetze

02.09.2010, 06:30 Uhr
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1. Die Staaten schreiben den Pharmafirmen weltweit die Versuche vor, Roche und Co. denken sich die nicht selbst aus 2. Ich als mehrfach operierter bin dankbar, dass ich ausgetestete Medikamente bekomme, denkt mal dran, wenn Ihr Eure nächste Grippe behandelt oder nahe Verwande mit Krebs im Spital liegt 3. Höre ich das Geschrei, wenn das erste Kind an einem ungetesteten Medikament stirbt Antworten


Elisabeth Petras

01.09.2010, 14:35 Uhr
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Die "Gefahr" durch Radikale Tierrechtler ist keine Gefahr für Leib und Leben, denn erstens müssen radikale Tierrechtler ein Versprechen abgeben, weder menschliches noch tierisches Leben zu gefährden, wie man auf den Seiten der ALF nachlesen kann - und das funktioniert ja offensichtlich auch. Zweitens darf man Menschen nicht Transparenz verweigern, nur um keine berechtigte Wut zu provozieren! Antworten



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