Geheimsache Tierversuch

Von Michael Rockenbach. Aktualisiert am 01.09.2010 10 Kommentare

Der Bund will mehr Informationen über Tierversuche publik machen. Nun fürchten die Pharma und die Regierungen der beiden Basel ums Geschäftsgeheimnis und die Sicherheit der Forscher.

Umfrage

Der Bund will bei den Tierversuchen mehr Klarheit schaffen. Dagegen wehren sich die Regierungen der beiden Basel sowie die Pharma, die sich auf das Geschäftsgeheimnis berufen. Sollen Tierversuche transparenter werden?

Ja

 
61.4%

Nein

 
38.6%

132 Stimmen


Besonders viele Versuche in der Region Basel

Eigentlich wäre der Zeitpunkt ideal, um im Bereich der Tierversuche für mehr Transparenz zu sorgen. Denn das Bundesamt für Veterinärwesen ist daran, eine neue elektronische Plattform zu installieren mit allen Angaben über die aktuellen Tierversuche und die entsprechenden Bewilligungen. Diese werden dem Bund gemeldet; erteilt werden sie auf kantonaler Ebene von den Veterinärämtern. Viel zu tun haben diese insbesondere in den beiden Basel.

2009 wurden im Stadtkanton 598 Versuche bewilligt – so viele wie in keinem anderen Kanton. Im Baselbiet liefen 270 bewilligte Versuche, in der ganzen Schweiz 3329. Eingesetzt wurden dabei insgesamt 706 104 Tiere. Tendenziell ist die Zahl der Versuchstiere nach 1983 (damals waren es zwei Millionen) bis 2000 kontinuierlich gesunken und danach wieder leicht gestiegen. 2009 war die Zahl wieder rückläufig. Eingesetzt werden die meisten Tiere in den Bereichen Grundlagenforschung, Entdeckung, Entwicklung und Qualitätskontrolle.

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Irgendwo in einem Labor: Fünf Ratten werden aus dem Käfig genommen, immer wieder, damit ihnen irgendeine Substanz gespritzt und Blut entnommen werden kann. Nach der Testreihe werden die Tiere getötet und der Einfluss des Wirkstoffs auf die inneren Organe untersucht. Das Blut wird ebenfalls auf Abbaustoffe hin analysiert. Wo und warum die Tiere sterben, erfährt die Öffentlichkeit nicht. Im Bereich der Tierversuche werden nicht viel mehr als die nackten Zahlen publik gemacht: Exakt 706 104 Tiere wurden 2009 in der Schweiz «verwendet», wie es im offiziellen Sprachgebrauch heisst; die meisten – 79 Prozent – waren Mäuse, Ratten, Hamster oder Meerschweinchen (siehe Text links).

Bei der anstehenden Änderung des Tierschutzgesetzes will das Bundesamt für Veterinärwesen nun für mehr Transparenz sorgen. «Weil das Interesse der Öffentlichkeit gerade in diesem sensiblen Bereich sehr gross ist», wie Amtssprecher Marcel Falk sagt. Vorbild soll das Gentechnikgesetz sein. Dagegen formiert sich aber massiver Widerstand. Denn im Bereich der Gentechnik wird Transparenz ziemlich gross geschrieben: Ort und Zweck eines Versuchs werden ebenso publiziert wie der Name des Studienleiters und seine Institution.

Angst vor radikalen Tierrechtler

Diese Regelung auf Tierversuche zu übertragen, wäre gefährlich, sagen die Kritiker, allen voran Interpharma, der Verband der forschenden pharmazeutischen Firmen. «Damit würden nicht nur die Forschungs-, Geschäfts- und Fabrikationsgeheimnisse gefährdet, sondern auch die involvierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter», sagt Verbandssprecher Roland Schlumpf. Die Forscher gerieten, so seine Befürchtung, ins Visier militanter Tierschützer. «Schon beim jetzigen System gab es immer wieder Angriffe auf die Pharma und ihre Vertreter», sagt Schlumpf. Prominentestes Opfer war Daniel Vasella, Verwaltungsratspräsident von Novartis. Im Oktober 2009 schändeten radikale Tierrechtler das Grab seiner Familie und fackelten seine Jagdhütte im Tirol ab.

Nun graut es auch den Behörden vor weiteren Anschlägen, gerade in der Region Basel, diesem wichtigen Pharma- und Forschungsstandort. In der Vernehmlassung zur Gesetzesrevision hat sich nach dem Basler Regierungsrat auch die Baselbieter Regierung gegen eine möglichst grosse Transparenz im Bereich der Tierversuche ausgesprochen. «Die Sicherheit der Forscher und das Geschäftsgeheimnis sind höher zu gewichten als das Informationsbedürfnis der Öffentlichkeit», sagt der Baselbieter Kantonstierarzt Ignaz Bloch, «darum taugt das Gentechnikgesetz nur bedingt als Vorbild.»

Debatte erwünscht

Julika Fitzi vom Schweizer Tierschutz hat ein gewisses Verständnis für die Ängste. Ihre Sorge gilt aber nicht nur den Betriebsgeheimnissen und Forschern, sondern auch den Tieren. «Ich will wissen, für welchen Zweck eine Ratte, eine Maus oder all die anderen Versuchstiere eingesetzt werden», sagt Fitzi. Werden die einzelnen Tiere im Kampf gegen eine tödliche Krankheit geopfert? Oder müssen sie leiden, nur damit noch mehr Functional Food entwickelt werden kann? Dies soll zwar besonders gesund sein, sei aber vor allem teuer.

«Die Öffentlichkeit hat ein Recht darauf, dass diese Fragen beantwortet werden. Das ist auch mit anonymisierten Angaben möglich», sagt Fitzi. Dabei geht es ihr nicht nur um die öffentliche Debatte, sondern auch um einen besseren Informationsaustausch unter den Forschern. Fitzi: «Nur so kann verhindert werden, dass ein verunglückter Versuch an einem anderen Ort nochmals wiederholt wird und Tiere sinnlos sterben.» (Basler Zeitung)

Erstellt: 01.09.2010, 07:10 Uhr

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10 Kommentare

Elisabeth Petras

01.09.2010, 14:35 Uhr
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Die "Gefahr" durch Radikale Tierrechtler ist keine Gefahr für Leib und Leben, denn erstens müssen radikale Tierrechtler ein Versprechen abgeben, weder menschliches noch tierisches Leben zu gefährden, wie man auf den Seiten der ALF nachlesen kann - und das funktioniert ja offensichtlich auch. Zweitens darf man Menschen nicht Transparenz verweigern, nur um keine berechtigte Wut zu provozieren! Antworten


Rolf Zeller

02.09.2010, 10:57 Uhr
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Dieser Artikel zeigt, wie in der Debatte um Tierversuche mit Halbwahrheiten argumentiert wird. Keine Tierversuche sind geheim, sie werden alle von Kommissionen bewilligt in welchen die Gegner vertreten sind. Wir haben das weltweit strengste Tierversuchsgesetz und es geht nun darum, ob die Personendaten Extremisten zugänglich werden, was eine unakzeptierbare Gefährdung der Forscher bedeuten würde. Antworten



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