Basel
Geothermie-Risikoanalyse: Erschütternd klare Erkenntnisse
Von David Thommen. Aktualisiert am 11.12.2009 21 Kommentare
Schluss: Regierungsrat Christoph Brutschin verkündet das Ende des Projekts. (Bild: Henry Muchenberger)
Umfrage
Wie weiter mit der Geothermie?
Sollte die Region Basel trotz des nun definitiv gescheiterten «Deep Heat Mining»-Projekts (siehe Artikel unten) im Hafen Kleinhüningen dennoch weiter auf Erdwärme zur Gewinnung von sauberer Energie setzen?
Ja
Nein
Artikel zum Thema
Stichworte
Etwas gesehen, etwas geschehen?
Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von baz.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...
Es war richtig, das Basler Deep-Heat-Mining-Projekt in Kleinhüningen zu stoppen. Zu diesem Schluss kommt die gestern vorgelegte, 1,2 Millionen Franken teure Risikostudie. Die Basler Regierung hatte sie nach den Erdbeben Ende 2006 in Auftrag gegeben. Die Schäden hat die Versicherung in der Höhe von neun Millionen Franken abgegolten. Dem damaligen sofortigen Unterbruch folgt nun drei Jahre später der endgültige Abbruch des Projekts durch Regierungsrat Christoph Brutschin (SP).
Der Standort Basel sei für die Energiegewinnung in grosser Tiefe nicht geeignet, heisst es im Bericht der interdisziplinären Expertengruppe Serianex, bei der zwanzig Wissenschaftler aus der Schweiz, Deutschland und Frankreich mitgewirkt haben. Wie sich gezeigt habe, seien die Folgen der Wassereinpressungen in Basel – verglichen mit anderen Standorten – «aussergewöhnlich stark», sagte Serianex-Projektleiter Stefan Baisch bei der Präsentation der Studie.
Hohe Kosten
Baisch sagte deutlich, dass mit Schaden verursachenden Beben nicht schon von allem Anfang an habe gerechnet werden müssen: «Im Nachhinein ist man schlauer.» So schlau, dass heute die Experten klar dargelegen können, dass es in Basel bei der Fortsetzung von Deep Heat Mining erneut kräftig rumpeln würde. Die Studie unterscheidet zwei Phasen – den Ausbau des Reservoirs (Wassereinpressung) und den Betrieb des Erdwärmekraftwerks:
> «Mit hoher Wahrscheinlichkeit» würden während der wenige Wochen bis Monate dauernden Ausbauphase bis zu dreissig weitere spürbare Beben eintreten. Bis zu neun davon wären gleich stark oder sogar stärker als das heftigste Geothermiebeben vom 8. Dezember 2006, das mit einer Magnitude von 3,4 registriert wurde. Laut den Experten müssten bei weiteren Einpressungen Beben mit einer Magnitude bis 4,5 erwartet werden.
> Die Experten gehen für diese erste Phase von einem «wahrscheinlichen Sachschaden» von vierzig Millionen Franken im dicht besiedelten Gebiet rund um das Bohrloch aus. Es könnte aber auch viel schlimmer kommen: Die Wahrscheinlichkeit, dass die Beben Schäden von mehr als 600 Millionen Franken anrichten, wird auf immerhin 15 Prozent geschätzt. «Relevante Personenschäden» werden jedoch nahezu ausgeschlossen. Die Beben würden keine Gebäude zum Einsturz bringen.
> Nach der Einpressphase käme der Untergrund auch während der 30-jährigen Betriebsphase nicht zur Ruhe. Die Experten gehen in diesem Zeitraum von weiteren «14 bis 170 spürbaren Beben» aus. Diese würden regelmässig weitere Schäden anrichten. Hier spricht die Studie von jährlichen Kosten in der Höhe von sechs Millionen Franken. Regierungsrat Christoph Brutschin: «Für das Projekt würden wir ganz bestimmt keine Versicherung finden.»
Gegen 60 Millionen Franken verlocht
Das Resultat der Studie ist klar: Das Schadensrisiko wird als «nicht akzeptabel» beurteilt – dies gestützt auf die Störfallverordnung. Projekte wie Deep Heat Mining seien in anderen Regionen denkbar, nicht aber in Basel. Hier kämen nur weniger ambitionierte Formen der Erdwärmenutzung infrage. Als Beispiel wird das Projekt in Riehen angeführt. Dort wird Wärme in einer Tiefe von 1500 Metern gewonnen.
Der Schaden, den die Promotoren des Projekts durch den Abbruch haben, ist beträchtlich. Gegen sechzig Millionen Franken wurden bislang verlocht. Indessen gibt die Risikoanalyse Entwarnung, was weitere Folgen betrifft: Die Wassereinpressungen in 5000 Metern Tiefe dürften das Risiko eines grossen natürlichen Bebens nicht erhöht haben. Auch eine Fortsetzung des Projekts würde wohl nicht ausreichen, um ein so verheerendes Beben auszulösen, wie es Basel 1356 erlebt hat. Computersimulationen hätten gezeigt, dass dafür die Veränderungen im Gestein unter Kleinhüningen räumlich zu beschränkt seien.
Mehr zum Thema sowie einen Tageskommentar können Sie in der Basler Zeitung von Freitag lesen. (Basler Zeitung)
Erstellt: 11.12.2009, 08:26 Uhr
WRITE A COMMENT
21 Kommentare
Deep -Heat -Mining ist keine Technologie zur Geothermischen Energiegewinnung. Seit 1980 in Los Alamos wird versucht mittels dieser Technologie Geothermische Energie zu gewinnen. Weltweit sind Hunderte von Millionen Dollar verlocht worden, ohne das eine einzige Anlage heute läuft. Man muss sich endlich der Geothermischen Energiegewinnung durch Thermodynamik zuwenden. Diese Technik funktioniert. Antworten
Man könnte sich auch mal die Frage stellen, ob das Geothermprojekt nicht vorsoglich gewirkt hat. Könnte es nicht sein, dass durch dieses Projekt vorzeitig ein paar kleine Beben ausgelöst wurden, dadurch aber ein späteres grosses, verherendes Erdbeben verhindert wurde? Antworten
Die wirklichen Risiken für die Gesellschaft bestehen dereinst in der Verknappung der fossilen Energien und dem darob entfachten Verteilkampf. Also sollten wir JETZTalle alternativen Energiequellen erforschen und nützen und uns nicht über ein harmloses Ereignis mit minimalen Schäden ereifern, sondern dem Angeklagten Mut machen und allen Profiteuren ihrer Bagatellschäden den Spiegel vorhalten. Antworten
Wir Menschen sind für den Planeten eben nicht vorgesehen, deshalb müssen wir uns alles mittels Technologie (Intellektuellen!) mühsam erkämpfen, was wir zum Leben benötigen, oder aber auch was wir glauben zu benötigen. Es war so oder so ein mutiges Projekt, das jeder, wäre es geglückt, als selbstverständlich betrachtet hätte. Die Erde wehrt sich eben gegen nicht Vorgesehenes, und das ist gut so. Antworten
Jetzt erst werden andere Techniken geprüft? Hat man sich da von Anfang an nur auf die hydrothermale Geothermie gestützt? Das thermodynamische Verfahren kann unabhängig der geologischen Gegebenheiten überall angewendet werden und kommt ohne dem Einpressen von Wasser aus. Eine einzige Bohrung alleine kann auch keine Erdbeben auslösen. Das ist in Fachkreisen hinlänglich bekannt! Antworten
An Bea Keller: Geothermie-Projekte wie jenes das in Basel Geplant war erfordern bestimmte Voraussetzungen wie beispielsweise eine Temperatur von min. 200°C in einer Tiefe von 5000 m. Nun ist es aber so, dass solche umstände gerade eben nur durch die Tatsache das wir uns in einem Erdbebengebiet befinden möglich sind. Die Erdkruste am Rheingraben ist nämlich um einiges dünner als normalerweise! Antworten
kurz nach dem Baustopp gab es auf TeleBasel einen Report, wie sie es im Elsass gemacht haben. Irgendwie haben sie da das Gestein in der Tiefe mit Chemikalien herausgelöst. Nun ist das Loch schon gemacht und man könnte es den Elsässern gleich machen (eben mit Chemikalien) und vom Strom und Wärme zum (fast) Nulltarif profitieren. Das Geld wäre sonst zu läppisch in den Sand gesetzt! Antworten
Danke für die Ängste welche wir dank den Erdbeeben ausstehen durften. Danke für soviel Geld verlochen ohne vorher nur einmal logisch nachzudenken. Welcher Gesunde Menschenverstand kommt auf die Idee in einem Erdbeeben Gebiet in die Erde zu bohren und Wasser reinzulassen? Um zu wissen,das die Erde aufgerüttelt wird braucht es kein Studium. Antworten
@Ronnie König: richtiger Entscheid, oder ist ein Basel wos alle paar Nächte rumpelt und pumpelt bis kein Stein mehr auf dem anderen steht besser? Vorallem wenn ich dran denke, was da alles so in Luft gehen würde, wenns die ganzen Labors und Produktionshallen von Novartis zusammenlegt. (Schweizerhalle schon vergessen)? AKW- im Münsterhügel fällt wegen Erdbebengefahr in BS auch flach. ; -) Antworten
Es gab/gibt eine Anlaufstelle (Anwalt glaube ich) betr. Meldung der Schäden, welcher sich um die Schäden im Auftrag des Bauherrn kümmert(e). Am besten beim Kanton BS nachfragen. Übrigens: 2 Erdbeben, welche kurz vorher stattfanden und eine Stärke von ca. 5.1 hatten, haben wahrscheinlich diese Risse verursacht. Ist aber auch eine gute Gelegenheit das Haus neu zu malen ;-) Antworten
Geothermie ist grossartig. BD: Ein VR Geothermie ohne einen einzigen Fachmann einzusetzen und dann einem einzelnen Ingenieur, der sicher bohren kann ohne Geologiekenntnisse die Führung zu übergeben. Das ist wie ein Pilot der nicht fliegen kann. Riesiger Schaden ohne Gegenwert, wir haben ja zu viel Geld in BS. Und Jeder weiss Granit ist Granit. Die Geothermie in Riehen funktioniert: Trämli längt Antworten
Danke Hr Brutschin für den Entscheid: so nicht, Rest noch zu klären. UVP2003, S.46 stand: es wird ErdBeben geben bis 2,9M. Fatal war der Schluss: Schäden erst ab 5,4M. NEAT-Erdbeben 3/2006 hatte bei blossen 2,4M massive Schäden hinterlassen; Experten staunten hiess es 2006. 2003 im Elsass (Soultz s.S.)lernte es blitzschnell: statt 100bar bohrte man dort nur noch mit <80bar: Basel trotzdem ~300bar Antworten
Verdrehte Logik, Herr Brutschin! ”Bisher hätten aber die Erfahrungen ähnlicher Projekte in dicht besiedeltem Raum gefehlt. So sei die vorliegende Risikoanalyse auch nur möglich gewesen, weil das Verhalten des Felsgesteins erst nach dem Einpressen von Wasser so deutlich erkennbar geworden sei.” GENAU da hätte das Vorsorgeprinzip eben greifen müssen: Unbekannte Gefahr? Keine Freigabe, keine Kohle! Antworten
Richtig so...nur bleibt nach wie vor die Frage offen, wer bezahlt nun eigentlich alle Schäden die an meinem Mehrfamilienhaus und Einfamilienhaus ausgelöst durch diese Spielereien angerichtet wurden? wer? Weiss da jemand der geneigten Forümler Bescheid...wo muss ich mich hinwenden? Antworten



Roger Moser
Sehr geehrter Herr David Thommen, Ihr Artikel sagt viel über gemachte Fehler und das sehr plakativ. Aber über die vergebenen Chancen, eine Alternative zu Atomkraftwerken und deren Risiken und diesen Müller, der dort entsteht, wo auch die Spezialisten behaupten sie hätten die Technologie im Griff..... fehlt. Geben Sie doch den Spezialisten eine Chance aus Ihren Fehlern zu lernen, bald wird es Neues Antworten