Basel
«Gewaltprävention trägt erste Früchte»
Von Mischa Hauswirth. Aktualisiert am 04.04.2011 4 Kommentare
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Herr Burkhardt, in den vergangenen Jahren geisterte das Schreckgespenst Jugendkriminalität durch die Medien. Dieses Jahr eine Entwarnung. Sie müssen sehr erleichtert sein.
Das mit der Entwarnung erachte ich als übertrieben. Wir haben einen gewissen Rückgang. Jugenddelinquenz bewegt sich allerdings wie die Kriminalität generell in Wellen. Nur weil es runtergeht, kann man jetzt nicht Entwarnung geben, das ist zu früh.
Worauf führen Sie die Abnahme zurück?
Viele Jugendliche, die früher Straftaten begingen oder ein gewisses Kriminalitätspotenzial aufwiesen, sind älter geworden. Sie sind über 18 und gelten als Erwachsene. Die jetzigen Jugendlichen haben mehr von der Gewaltprävention an Schulen mitbekommen. Das hat sicher einen Einfluss auf den Rückgang. Es bedeutet aber nicht, dass wir von den Behörden nun die Hände in den Schoss legen können.
Die Linke wirft den Bürgerlichen Polemik vor, umgekehrt reden Bürgerliche von einer Verharmlosung der Fakten. Wie gewalttätig ist die Jugend wirklich?
Das kommt immer auf den Blickwinkel an, mit der sich jemand dieser Frage nähert. Mir scheint wichtig festzuhalten, dass die Jugend einen Spiegel der Gesellschaft darstellt. Und diesen Spiegel hält sie uns Erwachsenen vor. Jugendliche sehen die harten Verhältnisse, die beispielsweise in der Wirtschaft oder Politik gelten. Die globale Gesellschaft ist keineswegs ein Vorbild für eine Jugend ohne Gewalt.
Die Erwachsenen sind keine gewaltfreien Vorbilder?
So könnte man es formulieren.
Verglichen mit Basel-Stadt ist die Jugendkriminalitätsbelastung im Baselbiet tief. Sind Sie da ein bisschen neidisch auf Ihre Kollegen vom Land?
Ich freue mich, wenn dort die Zahlen tief sind. Das Problem ist aber: Baselbieter Jugendliche kommen nach Basel. Sie verbringen ihre Freizeit nicht in den Dörfern, sondern in der Stadt und begehen hier auch Delikte.
Dann verzerren die Statistiken das Bild?
Fakt ist: Wenn ein Jugendlicher in der Stadt ein Delikt begeht und erwischt wird, so taucht der Fall in unserer Statistik auf und nicht in jener des Landkantons. Wir hatten im vergangenen Jahr einige Delikte, in die junge Baselbieter involviert waren.
Nochmals zurück zur guten Nachricht, dass die Jugendkriminalität zurückgegangen ist. Welche Rolle spielt hier die Prävention?
Eine erhebliche. Es gab in den vergangenen Jahren verschiedene Präventionsmassnahmen, die jetzt erste Früchte tragen. An den Schulen wird beispielsweise besser hingeschaut. Wenn ein Schüler, eine Schülerin auffällig ist, wird rascher reagiert. Früher hiess die Devise Verständnis und Gespräch, heute werden Grenzen aufgezeigt und Sanktionen eingeleitet, sobald es zu einer Grenzverletzung kommt. Dabei darf man nicht vergessen, dass Jugendliche in einem gewissen Alter Worte noch nicht ausreichend verstehen, sie erwarten eine konkretere Reaktion. Und wenn diese nicht erfolgt, machen sie weiter. Ganz wichtig sind auch die Stop-Gewalt-Kurse der Kantonspolizei und die Patrouillen sowie die Gespräche der Jugendpräventionspolizei auf der Gasse. Hier wurde viel geleistet, auch wenn es noch Potenzial gibt.
Ein wachsames Auge haben Sie auf die Mädchendelinquenz. Warum?
Mit Blick auf die vergangenen zwanzig Jahre müssen wir feststellen: Der Anteil straffälliger Mädchen ist um das Vierfache gestiegen. Das hängt mit dem Freizeitverhalten zusammen. Die Eltern gewährten den Mädchen früher tendenziell weniger Ausgang, belegten sie mit stärkeren Regeln. Das ist heute nicht mehr so. Ebenfalls von Bedeutung ist das Selbstverständnis der weiblichen Jugendlichen.
Inwiefern?
Auch Mädchen wollen sich jetzt durchsetzen, unter Umständen mit Gewalt. Oder man nimmt sich, was man will. Darum haben die Gewalt unter Mädchen sowie Diebstähle von Mädchen zugenommen.
Ein Punkt, an dem sich die Gemüter gerne erhitzen, ist die Bedeutung des Migrationshintergrundes für die Jugendkriminalität. Spielt wirklich eine Rolle, woher jemand eingewandert ist?
Es gibt viele Immigrantenkinder, die gar nicht auffallen. Jedoch stellen wir in der Strafverfolgung eine erhöhte Grundaggressivität bei gewissen ethnischen Gruppen fest. Insofern kann der Migrationshintergrund eine Rolle spielen. Bezogen auf die Gewalt jedoch bereiten primär sozial schwache Schichten Probleme.
Können Eltern von Problemjugendlichen mithelfen, die Gewalt zu entspannen?
Natürlich, indem sie dem Kind zuhören. Gerade bei sozial schlechter gestellten Familien müssen wir aber feststellen, dass die Eltern meist beruflich stark gefordert sind, um die Familie über die Runden zu bringen. Solche Eltern reagieren oft abwehrend, wenn sie mit den Problemen ihrer Kinder konfrontiert werden. Zudem fehlt es vielfach an sprachlicher Kompetenz, um das Kind bei seinen Schwierigkeiten ausserhalb des Elternhauses zu unterstützen.
Welche Entwicklung bereitet Ihnen Sorge, wenn Sie die jüngsten Tenden-
zen bei der Jugenddelinquenz anschauen?
Wir haben eine Zunahme von jungen Elsässern, die nach Basel in den Ausgang kommen und dann hier Delikte begehen. Diese Jungen kommen meist aus den bekannten sozialen Brennpunkten von Mulhouse und Umgebung.
Sie sprechen die Banlieues und die Immigrantenkinder aus Nordafrika an?
Nicht nur Minderjährige, sondern auch junge Erwachsene. Ein weiteres Phänomen, das uns beschäftigt, ist die Gruppenbildung unter Burschen und jungen Männern. Man geht heute zu viert oder zu fünft in den Ausgang. Es gibt Gruppen, die machen es sich zum Hobby, jemanden zu verprügeln. Das müssen wir im Auge behalten. Oftmals ist nicht einmal eine Provokation Ursache einer Auseinandersetzung, sondern es wird schlicht und einfach Zoff gesucht.
Welche Rolle spielt Alkohol bei gewalttätigen Konflikten?
Kommt es zu Keilereien, ist meist Alkohol mit im Spiel.
Wieso sind im Kanton Baselland die Zahlen beim Angriff plötzlich so hoch?
Das hat mit diesen Zoff suchenden Gruppen zu tun und damit, dass der Angriff ein relativ neuer Tatbestand im Gesetz ist. Damit können heute nicht nur jene, die dreinschlagen oder jemanden festhalten, sondern auch jene, die sich sonst an der Tat beteiligen, bestraft werden.
Was geben Sie Eltern für einen Tipp, die gewaltvorbeugend auf ihr Kind einwirken wollen?
Regeln aufstellen und auch durchsetzen. Wenn Jugendliche bis am anderen Morgen fortbleiben und so viel Alkohol trinken können, wie ihnen gerade passt, hängt das mit den Eltern zusammen. Regeln zeigen aber nur Wirkung, wenn sie kontrolliert und sanktioniert werden. Wir stellen fest, dass Eltern hier den Konflikt vielfach scheuen, um ihre Ruhe zu haben. Das ist zwar verständlich, aber kann bei den Jugendlichen Fehlverhalten provozieren. Erziehung ist anstrengend.
In Sachen Roma-Einbrecher-Kinder konnten Sie aber einiges erreichen. Was hat die Jugendanwaltschaft hier getan?
Wir haben die Kinder konsequent verhaftet und einige Tage festgehalten. Wir haben ihr Alter überprüft, da sie nie gültige Ausweise mitführen. Diese Taktik war als Abschreckung erfolgreich. Wir machen uns aber keine Illusionen, diese Kinder bleiben mit diesen Massnahmen nicht auf ewig von der Region fern. (Basler Zeitung)
Erstellt: 04.04.2011, 14:40 Uhr
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4 Kommentare
Und was ist mit der Dunkelziffer, Herr Burkhardt ? Mehr denn je wird keine Anzeige mehr erstattet, aus Angst vor weiteren Repressionen der Täter mit immer niedriger Hemmschwelle und weil diese ohnehin keine echten Strafen zu befürchten haben. Vor diesem Hintergrund von einem Rückgang der Delikte zu sprechen, ist wenig glaubwürdig ! Antworten
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