Basel

Grenzgänger erhalten Gehalt in Euro

Von Peter Schenk. Aktualisiert am 21.08.2011 74 Kommentare

Grenzgänger, die im Basler Technologieunternehmen Jaquet arbeiten, erhalten ab 1. September ihren Lohn in Euro ausbezahlt. Zugrunde gelegt wird ein Wechselkurs von 1.29 Franken.

CEO Marc Jaquet in seinem Unternehmen. Er ist ausserdem Präsident des Arbeitgeberverbands Basel.

CEO Marc Jaquet in seinem Unternehmen. Er ist ausserdem Präsident des Arbeitgeberverbands Basel.
Bild: Margrit Müller

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Das 1889 in Basel gegründete Familienunternehmen Jaquet ist heute in der Mess- und Regeltechnik in der ganzen Welt tätig. Wie vielen anderen exportorientierten Schweizer Betrieben macht Jaquet der starke Franken schwer zu schaffen. «Wir verkaufen zehn Prozent unserer Produkte in die Schweiz und 90 Prozent hälftig in den Dollar- und Euro-Raum», erklärt CEO Marc Jaquet, ebenfalls Präsident des Arbeitgeberverbands Basel.

Mitte August wurde den 120 Mitarbeitern mitgeteilt, dass «ab 1. September 2011 aufgrund der aktuellen Situation an den Finanzmärkten die wöchentliche Normalarbeitszeit um 2,5 Stunden auf 42,5 Stunden ohne Lohnanpassung angehoben wird». Die Massnahme werde periodisch überprüft und gegebenenfalls rückgängig gemacht, hiess es im Brief, welcher der BaZ vorliegt.

Besonders dick war die Post für die 36 elsässischen und deutschen Grenzgänger. Sie erhalten ihren Lohn ab Anfang September zu einem Kurs von 1.29 Franken in Euro – derzeit liegt der Wechselkurs bei 1.13 Franken. Den neuen Vertrag sollten sie bis gestern Abend unterzeichnen. Bisher habe laut Jaquet mehr als die Hälfte der Mitarbeiter zugesagt.

Auf Kritik stösst die Entwicklung bei Jean-Luc Johaneck, Präsident der oberelsässischen Grenzgängervereinigung CDTF: «Die Grenzgänger verlieren zwölf Prozent Gehalt und müssen zusätzlich wie alle Beschäftigten sechs Prozent mehr arbeiten. Sie werden als Sündenböcke behandelt. Mittel- und langfristig ist das keine Lösung.»

Zweifel an Rechtmässigkeit

Johaneck räumt zwar ein, dass man unter gewissen Bedingungen die Schwierigkeiten eines Betriebs berücksichtigen müsse, «aber nur dann, wenn die Mitarbeiter auch beteiligt werden, wenn das Unternehmen wieder in die Gewinnzone kommt». Den Wohnsitz als Kriterium für Lohnkürzungen zu nehmen, lehnt er ab. Bewusst provokativ fragt er: «Was würden die Schweizer sagen, wenn sie aufgrund ihres Passes in Deutschland und Frankreich beim Einkaufen höhere Preise als die EU-Bürger zahlen müssten?» Ausserdem verweist Johaneck darauf, dass viele Grenzgänger ihre Hypotheken in Franken aufgenommen hätten. Zudem bestehe die Gefahr, dass ein Unternehmen bei weiteren wirtschaftlichen Schwierigkeiten die Schweizer Mitarbeiter entlasse, da die Lohnkosten für Grenzgänger geringer seien. Auch zweifelt er, ob es rechtmässig sei, dass ein Schweizer Unternehmen Euro-Löhne zahle.

Sehr kritisch beurteilt Bruno Baumann, Industriesekretär Nordwestschweiz bei der Gewerkschaft Unia, die Entwicklung: «Das Auszahlen von Euro-Löhnen ist diskriminierend und widerspricht den flankierenden Massnahmen. Wir lehnen das ab. Zudem ist das Vorgehen innerhalb weniger Tage fragwürdig und gesetzeswidrig. Es hätte Änderungskündigungen gebraucht. Wenn jemand gegen Jaquet klagt, werden wir ihn vertreten.» Der Arbeitgeberpräsident gebe ein schlechtes Beispiel.

Arbeitsplätze erhalten

CEO Marc Jaquet weist die Kritik zurück: «Es geht darum, mit verschiedenen Massnahmen unsere Wettbewerbsfähigkeit aufrechtzuerhalten und so auch die Arbeitsplätze zu erhalten. Wir haben viele Grenzgänger bei einem Wechselkurs von 1.55 Franken eingestellt. Den Währungsgewinn bis 1.29 Franken lassen wir ihnen. Wir wollen die Leute fair behandeln und uns nicht auf ihre Kosten bereichern.» Der vom Unternehmen gewählte Kurs entspricht demjenigen, den das Bundesamt für Sozialversicherung als Umrechnungskurs für die Sozialabgaben publiziert hat – Letztere müssen auch bei Euro-Löhnen in Franken abgeführt werden.

«Wir haben einen Weg gefunden, der dem Einzelnen nicht wirklich wehtut, zumal die meisten Kosten der Grenzgänger in Euro anfallen», betont Jaquet. Der Umrechnungskurs von 1.29 Franken werde auch dann beibehalten, wenn der Euro wieder auf 1.50 Franken oder höher steige. «Die Mitarbeiter sollen kein Währungsrisiko tragen müssen.» Rechtlich sieht er keine Probleme.

Kosten in Euro-Raum verlegen

«Wir haben die grosse Chance, durch unsere Mitarbeiter, die im Euro-Raum leben, einen Teil der Kosten in die Währung zu verlegen, in der wir auch unsere Umsätze machen», sagt Jaquet. Pikant ist, dass die Euro-Löhne ausgerechnet im Betrieb des Basler Arbeitgeberpräsidenten eingeführt werden. In einem BaZ-Interview hatte Verbandsdirektorin Barbara Gutzwiller Anfang August von derartigen Massnahmen abgeraten. «Wenn sie aber dazu führen, Arbeitsplätze zu erhalten, befürworte ich sie», sagte Gutzwiller gestern. (Basler Zeitung)

Erstellt: 21.08.2011, 08:13 Uhr

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74 Kommentare

Daniel Zurbriggen

21.08.2011, 10:30 Uhr
Melden 45 Empfehlung

kein Grenzgänger ist gezwungen in der Schweiz zu arbeiten. Antworten


A. Meier

21.08.2011, 12:00 Uhr
Melden 38 Empfehlung

Die Grenzgänger sollen froh sein, dass sie überhaupt hier arbeiten dürfen und nicht noch reklamieren! Jahrelang nur profitieren und dann auch noch anfangen zu weinen!! Lächerlich Antworten



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