Griff nach der Unvergänglichkeit

Arthur Cohns neuester Film wurde zum ersten Mal in Basel aufgeführt. Ein Meisterwerk und doch mehr.

«The Etruscan Smile»: Brian Cox (2. v. r.) als schwerkranker Rory MacNeil zusammen mit seinem Sohn Ian, gespielt von JJ Feild, sowie dessen Frau Emily (Thora Birch) und Enkel Jamie.

«The Etruscan Smile»: Brian Cox (2. v. r.) als schwerkranker Rory MacNeil zusammen mit seinem Sohn Ian, gespielt von JJ Feild, sowie dessen Frau Emily (Thora Birch) und Enkel Jamie.

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Es war die erste Nacht in San Francisco, als Rory MacNeil, ein alter Mann, zu schlafen versuchte, aber nicht konnte, weil nebenan ein Kind weinte – und wir bereits ahnten, ohne dass uns das jemand gesagt hätte, wie weit der alte Mann und sein Sohn sich auseinandergelebt hatten. Rory war aus Schottland nach Amerika gefahren, um seinen Sohn Ian und dessen amerikanische Frau Emily zu besuchen sowie ­seinen Enkel, den er nicht kannte, weil er ihn noch nie gesehen hatte.

Jamie, der kleine Enkel, weinte, – er brüllte, heulte, wimmerte, litt. Vater und Sohn hatten sich seit fünfzehn Jahren nicht mehr ­gesehen – nun wälzten sich beide schlaflos im Bett; Rory in einem Feldbett irgendwo im Wohnzimmer eines teuren Appartements im 19. Stock von ­Downtown San Francisco, Ian und Emily im ­behaglichen Ehebett, das so behaglich nicht mehr war, sondern der Trümmerlandschaft einer Ehe glich. Ian sprang auf, schwitzend:

«Ich halte das nicht mehr aus!»

«Er muss selbstständig schlafen lernen», sagte Emily und verkroch sich im Bett, während Ian an der Bettkante sass, als wollte er sich von dort in den Tod stürzen.

«Ich halte das nicht mehr aus.»

Immer noch weinte Jamie, weit weg und verloren in seinem Kinderzimmer.

Rory starrte in die Luft. Ob er gehört hatte, was die beiden jungen Eltern gesprochen hatten, war offen, doch er blickte so, als wäre das der Fall, und er schien den Kopf zu schütteln. «Wie wird so je ein Mann aus ihm?» Später sollten wir erfahren, dass Ian und Emily längst einen professionellen Schlafberater zu Rate gezogen hatten, um Jamie zur Ruhe zu bringen, ebenso würden wir eine Konversation überhören, die Emily mit ihrer südamerikanischen Nanny führte: «Es ist Zeit, dass Jamie eine Fremdsprache lernt», sagte sie, ich zitiere aus der Erinnerung: «Wenn Sie irgendetwas tun, dann erzählen Sie einfach auf Spanisch, was Sie gerade machen, wie zum Beispiel: Ich schneide die Zwiebeln oder ich fülle dieses Online-Formular aus.»

Als der Grossvater am nächsten Morgen endlich alleine war mit dem Kind, führte er es in die Stadt aus. Ohne nach rechts oder links zu blicken, überquerte er mit dem Kinderwagen lebensgefährliche Strassen, während Jamie zufrieden in den Himmel schaute, obwohl der Verkehr ihn jederzeit umzubringen drohte, wie wir befürchteten und es kaum ertrugen, als wären wir Emily und Ian, die typischen Eltern unserer Generation und Epoche, die mehr Bücher über ihre Kinder lesen, als Zeit mit ihnen zu verbringen.

Dabei tat Rory doch bloss das, was man auf den Äusseren Hebriden, wo er herkam, mit kleinen Kindern seit jeher gemacht hatte: Man gebrauchte den gesunden Menschenverstand, wenn es darum ging, ein Kind aufzuziehen. Jahrtausendelang haben wir das gelernt. Also kaufte Rory auch eine fette Blutwurst, verzehrte sie, bis Jamie interessiert den Mund aufmachte – bestimmt kannte er nur organisch-biologisches Gemüse – und vom Grossvater ein Stück abbekam, das er ­verschlang, sodass wir, die unfreiwilligen ­Komplizen dieses schottischen Kindsmissbrauchs, uns darauf einstellten, bald den Erstickungstod eines Kindes miterleben zu müssen.

Archäologie einer Familie

Natürlich tut uns Arthur Cohn das nicht an, sondern er erzählt in seinem neuen Film die Geschichte einer Versöhnung eines etwas dekadenten, verunsicherten Sohnes mit seinem Vater, der so wirkt, als käme er gerade von einer Schlacht zurück und deshalb das Blut eines Feindes noch vom Arm wischt; es ist die Geschichte eines ­Sohnes, der die Äusseren Hebriden nicht mehr ertrug und nach Kalifornien auswanderte, ohne dass der Vater ihm das je verziehen hätte. Man sah sich nie mehr – bis zu diesem Besuch. «Ich war zu ungeduldig, zu warten, bis du ein Mann wurdest», sagte Rory oder: «Wir sind die MacNeils, wir leben seit zweitausend Jahren auf dieser Insel» oder «Willst du ein Pferd zähmen, schneidest du ihm die Eier ab», womit Rory seinen Sohn vor dem Geld von dessen Schwiegervater warnte, der ihm den Weg in die unternehmerische Selbstständigkeit finanzieren wollte.

Ein Mann werden, Tausende von Jahren, die Eier abschneiden: Es sind solche archaischen Sätze, die in San Francisco auf die Molekularküche von Ian treffen, einem ausgebildeten Chemiker, der nun zum vielversprechenden Küchenchef geworden ist, dem vielleicht gar eine Karriere und viel Geld bevorsteht, der aber offen lässt, ob er schon nur seiner Frau gewachsen ist; das Urtümliche, die Urzeit, wie sie auf den Hebriden stehen geblieben ist, reibt sich an der Gegenwart, die schillernd zwar, aber fragil und vorläufig, irgendwie unreif zugleich wirkt. Nimmt der Erzähler Partei?

Wenn diesen Film etwas auszeichnet – und vieles wäre da zu nennen –, dann vor allem diese weise Zurückhaltung, dieser Respekt vor der Geschichte an sich. Cohn hat einen untrüglichen Sinn für die gute Erzählung – und er weiss Bescheid, wie eine Geschichte erzählt werden muss, dass der Zuschauer nicht mehr loskommt von der traurigen, schönen Illusion, die realistischer als die Realität ist. Vor mehr als achtzehn Jahren, 1998, hat er die Rechte am Buch «La sonrisa etrusca» erworben, «Das etruskische Lächeln», einem Bestseller des spanischen Autors José Luis Sampedro aus dem Jahr 1985, der damit seinerzeit in ganz Europa und Amerika Erfolge feierte. Jahr für Jahr erneuerte Cohn seinen Anspruch auf die Verfilmung, doch es verfloss viel Zeit, bis er schon nur mit der Drehbuchfassung zufrieden war, für welche er ver­schiedene Autoren engagierte, die nacheinander am selben Stoff kneteten, formten, schnitten und drückten, dabei verlegten sie die Handlung unter anderem von Süditalien und Mailand nach Schottland und San Francisco.

Am Donnerstag, nach achtzehn Jahren, wurde «The Etruscan Smile», der neueste Film von Arthur Cohn, dem einzigen Produzenten dieser Welt, der je sechs Oscars für seine Filme erhalten hat, vor grossem Publikum im Basler Musical-Theater zum ersten Mal gezeigt. Rory MacNeil, im Film 74 Jahre alt, im wirklichen Leben der schottische Schau­spieler Brian Cox, der siebzig ist, befand sich unter den Zuschauern. Auch er hatte, wie er nach der Premiere verriet, den Film noch nie gesehen. Wenn er zufrieden war mit dem Resultat, wie er im Gespräch mit Sandra Studer einräumte, die übrigens glänzend moderierte, dann deshalb, weil es ihm gelungen sei, den Rory so nüchtern darzu­stellen – wie die schottische Landschaft selber gewissermassen, karg und still.

Dabei sagte Brian Cox etwas Kluges: Er habe gewusst, dass dieser Film sentimental wirken könnte, wenn er sich als Schauspieler dazu verführen liesse, die starken Gefühle zu stark zu betonen. Indem er sich zurücknahm, kämpfte er dagegen an, und indem er das Rührende, von dem es so vieles gibt in diesem Werk, von allem Rührenden entkleidete, und ­neutral, sozusagen farblos beliess, habe er dem Zuschauer überlassen wollen, die Gefühle selbst zu schaffen – was unvermeidlich ist, wie jeder erfahren wird, der den Film sieht. Denn Brian Cox und dem Film ist meisterhaft geglückt, was sie sich vornahmen. Es ist ein wunderschöner Film, den man nicht anders als mit einem Lächeln im Gesicht ­verlassen kann, mit jenem «Etruskischen Lächeln», dem Titel des Filmes also, der sich auf eine etruskische Skulptur bezieht, wo ein Paar auf dem eigenen Sargdeckel sitzt und seltsam zufrieden lächelt, als ob es sich freute, endlich gestorben zu sein, dabei aber keineswegs lebensmüde wirkend, ­sondern dem Leben so sehr zugetan wie dem Tod.

Letzte Stufe

Rory MacNeil, das erfuhr er erst in San Francisco, war todkrank. Prostatakrebs, vierte Stufe. Es blieben ihm zwei oder drei Monate. Nicht weil er sich hätte mit seinem verlorenen Sohn versöhnen wollen nämlich, war er nach Amerika gekommen, sondern auf der Suche nach einem guten Arzt. Doch Jamie, der Enkel, der sich gerade anschickte, Laufen und Sprechen zu lernen, dessen hoffentlich langes Leben erst begann, brachte den Sohn und den Vater wieder näher.

Obschon sie sich so unterschieden und wohl auch nie verstanden, wenn es darum ging, was Jamie guttat, bekamen sie das Magische der Generationenfolge zu spüren, von Familienbanden, wie sie vielleicht nur nachvoll­ziehen kann, wer selber schon erlebt hat, mit ­welcher zarten Zuneigung Grossmütter und ­Grossväter ihre Enkel pflegen. Jedes Streicheln ein Griff nach der Unvergänglichkeit.

«Wir MacNeils sind seit zweitausend Jahren auf dieser Insel.» Kein Satz wirkt beruhigender als diese trotzige Selbstvergewisserung menschlicher Existenz. Was immer die Molekularküche und die Erziehungsberater plappern, unter uns rauscht die Ewigkeit. Arthur Cohn ist ein grandioser Film gelungen. Wer eine Geschichte sucht, in welcher seine eigene Familie, seine eigenen Lieben und seine eigene Todesangst alle vorkommen, der wird sie bei «The Etruscan Smile» finden.

Als Rory MacNeil dann starb, schwang sich Jamie aus seinem Bettchen –, noch einmal hatten wir Angst um ihn, dass er sich wehtat – doch Jamie kroch aufs Bett von Rory und lächelte ihn an, den Grossvater, der schlief oder schon im Himmel war. (Basler Zeitung)

Erstellt: 11.02.2017, 00:32 Uhr

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