«Guy Morin lügt»

Die Gegner des Syngenta-Auftritts an der Expo in Mailand sind ausser sich. Sie fühlen sich vom Basler Regierungspräsidenten Guy Morin nicht ernst genommen.

Sind nicht happy mit dem Engagement von Syntenta: Urs Müller, (Brot für Alle), Catherine Morand (Swissaid) und Florianne Koechlin vom Blauen-Institut (von links nach rechts).

Sind nicht happy mit dem Engagement von Syntenta: Urs Müller, (Brot für Alle), Catherine Morand (Swissaid) und Florianne Koechlin vom Blauen-Institut (von links nach rechts). Bild: Keystone

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Dass Agrarmulti Syngenta, in mehreren Ländern wegen Verletzung von Menschen- und Gewerkschaftsrechten eigener Angestellter verurteilt, Hauptsponsor des Basler Auftritts an der Expo in Mailand ist, erstaunt. Dass der von Re­gierungsratspräsident Guy Morin versprochene kritische Dialog nicht stattfindet, sondern Syngenta die Plattform unhinterfragt einnehmen kann, ebenso. Bei der gestrigen Pressekonferenz stellt sich nun heraus: Morin, Vorsteher einer rot-grünen Regierung, hat den kritischen Diskurs gar nicht erst gesucht.

Syngenta bestreitet ihren Umsatz zu mehr als 70 Prozent mit Pestiziden – manche davon sind in der Schweiz längst verboten, da sie als hochtoxisch eingestuft werden. So das Insektizid Paraquat, das als Auslöser für Krankheiten wie Parkinson angesehen wird und darum im gesamten EU-Raum verboten ist. Dass der Agrarmulti sich mit einer Spende von 200'000 Franken ein «Schaufenster» am Basler Expo-Auftritt habe erkaufen können, sei falsch, sagt Roman Künzler von Multiwatch. Seit 2005 schlägt der Verein Alarm, sobald multinationale Konzerne Menschenrechte verletzen. Dass dies bei Syngenta zutrifft, beweisen juristische Gutachten und Prozesse, wie jener 2011 in Bangalore, wo der Konzern wegen Verletzung der Völkerrechte verletzlicher Völker verurteilt wurde. Dennoch darf Syngen­­ta, Produzentin genmanipulierten Saatguts, für das indische oder afrikanische Kleinbauern jedes Jahr viel Geld zahlen, in Mailand ihre Vision künftiger Agrarkultur und Biodiversität präsentieren.

Bedauernswerter Fehler

Vom Weltleid zurück nach Bern: «Sie haben uns einen kritischen Dialog mit der Syngenta versprochen», setzt Florianne Koechlin, Biologin und Ge­­schäftsführerin des Blauen-Instituts, an. «Warum findet er nicht statt?» Zwar sei im dritten Teil der Ausstellung geplant, kleine und mittlere NGOs mit konkreten Beispielen zum Thema «Den Planeten ernähren» zuzulassen, doch zur Eröffnung schreitet Syngenta unhinterfragt.

Morin lächelt: «Der Dialog hat doch bereits heute begonnen – hier», antwortet er Koechlin. Sie schüttelt den Kopf, nein, eine solche Diskussion gehöre an den Ort der Ausstellung. Dort sollte nicht nur Syngenta zu Wort kommen, sondern auch Dritten die Möglichkeit geboten werden, ihre Vision zukünftiger Agrarkultur darzustellen. Multiwatch und seine Mitstreiter, Swissaid, Alliance Sud, Urban Agriculture Basel und weitere, haben Morin darum eine Liste mit Personen zukommen lassen, die den Auftritt von Syngenta mit einem kritischen Diskurs und weiteren Perspektiven ergänzen könnten.

Nun sagt Morin, was er nie hätte sagen dürfen. Nämlich, dass er alle Personen auf dieser Liste angefragt habe, ob sie bereit wären, an der Expo teilzunehmen: «Wer nicht dabei ist, hat entweder nichts bieten wollen – oder nichts bieten können.»

Der perfekte Mann

Auf der Liste stand auch der Name von Hans Rudolf Herren, Vorreiter eines Paradigmenwechsels von der industriellen zu einer multifunktionalen Landwirtschaft. Dass das geht, bewies Herren: Ohne Pestizide, sondern mit Wespen und Marienkäfern bekämpfte er eine Maniok-Epidemie, rettete Afrika vor einer Hungersnot und wurde mit Preisen ausgezeichnet. Mit seiner Stiftung Biovision kämpft Herren dafür, dass öfter zu diesen schonenden und billigeren Methoden gegriffen wird.

Einer, der über die Zukunft der Agrarkultur weltweit etwas zu sagen hätte. Auf der genannten Liste, die dem Regierungsrat vorgelegt wurde, war er darum vermerkt. An der Expo teilzu­haben, wäre in seinem Sinne gewesen. Und, so beteuert Morin während der Pressekonferenz mehrmals, man habe alle auf der Liste angefragt. «Guy Morin lügt», ruft Koechlin wutentbrannt aus, während sie zu ihrer eigenen Medienveranstaltung schreitet. Behauptet der Regierungsrat tatsächlich, er habe alle vorgeschlagenen Personen angefragt, um einen kritischen Diskurs mit der Syngenta zu führen, obwohl das nicht stimmt? Herren mailt: «Frau Köchlin hat recht, ich wurde bis jetzt noch von niemanden eingeladen, für die Milan Expo einen Beitrag zu leisten.» Hoppla. (Basler Zeitung)

Erstellt: 25.02.2015, 07:30 Uhr

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