Basel

Historiker wollen neue Geschichtsschreibung

Von Patrick Marcolli, Patrick Künzle. Aktualisiert am 08.01.2011 22 Kommentare

Die Regierung will keine Kantonsgeschichte in Auftrag geben. Historiker schütteln darüber nur den Kopf. In der übernächsten Woche kann sich der Grosse Rat dazu äussern. Ein heftiger Streit ist programmiert.

Umfrage

Der Basler Regierungsrat lehnt das Ansinnen von Politikern ab, die eine Gesamtdarstellung der Kantonsgeschichte fordern. Braucht es ein solches Geschichtswerk?

Ja

 
68.5%

Nein

 
31.5%

809 Stimmen


Oswald Inglin versteht die Basler Welt nicht mehr: «Wir brüsten uns als Kulturstadt und als Stadt der Wissenschaften», sagt er. «Aber wir haben keine breit abgestützte wissenschaftliche Gesamtdarstellung zur Geschichte unseres Kantons. Das ist fast peinlich.» Der Gymnasiallehrer und CVP-Grossrat macht mit diesen Worten seiner Enttäuschung darüber Luft, dass die Regierung nichts davon wissen will, eine neue Basler Geschichte in Auftrag zu geben.

Seinem parlamentarischen Vorstoss «Eine Basler Geschichte für alle» erteilt sie ebenso eine klare Absage wie dem Anzug von Isabel Koellreuter (SP) betreffend einer neuen Basler Kantonsgeschichte und dem Vorstoss von Roland Engeler (SP) betreffend Schaffung eines Lehrmittels zur Geschichte der trinationalen Region Basel. Nimmt man das klare Nein der Regierung zum Massstab, so dürfte auch die Antwort auf den Vorstoss von Brigitta Gerber (Grünes Bündnis) «zur Frage der Darstellung der baslerischen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts und möglicher Zusammenarbeit mit dem Kanton Baselland» abschlägig beantwortet werden.

Kaum nachvollziehbarer Entscheid

Politisch sind die Vorstösse äusserst breit abgestützt: Mit Ausnahme der SVP haben sie Vertreter aller Parteien unterzeichnet. Doch der Regierungsrat lässt keinen Zweifel daran, dass er es widersinnig fände, eine Kantonsgeschichte zu initiieren oder aktiv zu propagieren. Das Nachdenken über die eigene Geschichte finde «laufend und sehr lebendig statt», heisst es in der Antwort auf die Vorstösse von Inglin, Koellreuter und Engeler. Es gebe «eine sehr lebendige historiografische Kultur» in Basel mit «einem breiten Spektrum an Veröffentlichungen». Mit viel Süffisanz schreibt die Regierung weiter: «Die deutlichste Willensäusserung für eine – wie auch immer geartete – Kantonsgeschichte stellen die drei Anzüge selbst dar.» Eine «öffentlich wahrnehmbare Anmeldung eines entsprechenden Mankos» habe es aus ihrer Sicht keine gegeben. Ausserdem könne die Regierung den Anstoss dazu gar nicht geben: «Eine Initiantengruppe aus der Zivilgesellschaft müsste mit kongruenter Vorstellung über Ausrichtung und Umfang eines solchen Werks die Initiative ergreifen und für diese Idee einstehen. Dann wäre es Sache der Regierung, solche Initiativen zu unterstützen.»

Weisser Fleck in der Geschichtsschreibung

Wo liegt denn nun das von der Regierung und den Interpellanten angesprochene Manko? Namhafte Basler Historiker orten grosse Defizite in der Basler Geschichtsschreibung, dies sei ein «objektiver Befund», sagt beispielsweise Georg Kreis. Martin Schaffner, emeritierter Professor des Historischen Seminars der Uni Basel, sagt, Basel müsse, was eine Darstellung seiner Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert angeht, gar «als weisser Fleck der schweizerischen und der europäischen Geschichtsschreibung gelten». Die eklatanten Mängel auf der Darstellungsebene «Stadtgeschichte Basels» kontrastierten mit dem Reichtum und der Vielfalt von wissenschaftlichen Untersuchungen, die in den letzten drei Jahrzehnten zur Stadtgeschichte erarbeitet und publiziert worden seien.

Schaffner nennt Themen, «die aus heutiger Sicht und im Hinblick auf die Zukunft der Stadt unerlässlich sind»: Industriegeschichte (wirtschaftlich, technisch, betriebsorganisatorisch, sozial), Migrationsgeschichte, Verkehrsgeschichte oder auch die Geschichte der «imaginären Stadttopografie», also der Bilder, die sich die Bewohner von ihrer Stadt machen. Heiko Haumann, wie Schaffner emeritierter Professor und ausgewiesener Experte der Basler Geschichte, nennt die Geschichte der Industrie und der Lebenswelten des 19. Jahrhunderts als Manko sowie auch die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg.

Gemeinwesen zuständig

Die Lage auf dem Markt der Gesamtdarstellungen der Basler Geschichte ist tatsächlich prekär: René Teutebergs «Basler Geschichte» ist nicht mehr auf dem neuesten Stand. Daneben gibt es Paul Burckhardts «Geschichte der Stadt Basel» von 1957, die Martin Schaffner als «immer noch lesbar» bezeichnet, jedoch endet der Band um 1900. Auch der Sammelband «Basel – Geschichte einer städtischen Gesellschaft» von Georg Kreis und Beat von Wartburg (2000) kann laut Schaffner das Defizit einer modernen Stadtgeschichte nicht beheben.

Aufgabe der Regierung

Für Esther Baur, Leiterin des Staatsarchivs Basel-Stadt, könnte eine Synthese und Neuinterpretation der Basler Geschichte ein offensichtlich vorhandenes Bedürfnis befriedigen. Das seit 1991 «wiederholt festgestellte Desiderat» bestehe weiterhin fort, solange die an grösseren historischen Zusammenhängen Interessierten auf Werke zurückgreifen müssten, die ganze Epochen nicht behandeln und zahlreiche Themenkreise oder neue Fragestellungen aus der Betrachtung ausschliessen.

Georg Kreis wiederum stellt das Argument der Regierung in Abrede, dass die Zivilgesellschaft die Initiative übernehmen müsse: «Es ist eher umgekehrt: Die Regierung müsste begründen, warum Basel ohne Kantonsgeschichte auskommen soll.» Eine private Initiative sei nur dann sinnvoll, wenn sie von Erfolgschancen ausgehen könne. Dazu bräuchte es entsprechende Signale der Regierung. Martin Schaffner ergänzt: «Ihre Geschichte gehört zu den primären kulturellen Ressourcen einer Stadt und als solche fällt ihre Förderung mit in die Zuständigkeit eines demokratischen Gemeinwesens.»

Markt vorhanden

Im Buchhandel behaupten sich Werke gut, die sich mit Basler Geschichte beschäftigen. Die öffentliche Nachfrage ist da. So sagt Oliver Bolanz, der Leiter des Christoph Merian Verlags, der Einzelwerke zur Basler Geschichte herausgibt: «Mit historischen Publikationen lassen sich gute Auflagen erzielen, Basel hat ein interessiertes Publikum.» Dies bestätigt Haumann: Die von ihm mitherausgegebenen «Orte der Erinnerung», ebenfalls im Christoph Merian Verlag herausgegeben, fänden guten Absatz.

In seiner Januarsitzung wird das Basler Parlament also entscheiden können, ob es die Vorstösse abschreibt oder gegen den Willen der Regierung stehen lässt. Der letzten Initiative für eine umfassende Basler Geschichte, von der Regierung unter dem Eindruck der neuen Baselbieter Kantonsgeschichte forciert, war kein gutes Schicksal beschieden: 1992 schickten die Basler Stimmberechtigten mit 71 Prozent Nein-Stimmen eine entsprechende Kreditvorlage von 8,8 Millionen Franken bachab. (Basler Zeitung)

Erstellt: 08.01.2011, 07:34 Uhr

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22 Kommentare

Hans Peter

08.01.2011, 08:37 Uhr
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Wir haben doch eine Universität. Und diese hat eine historische Fakultät. Und das Ganze wird vom Kanton bezahlt. Wie wärs mit einem "Return on Investment"? Merci liebe Professoren und Studenten. Antworten


Abbas Schumacher

08.01.2011, 10:22 Uhr
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2/ Ich glaube kaum, dass es sehr viele sind, die noch mehr in die Tiefe der Vergangenheit geforscht, das Interesse daran haben dies zu lesen. Für den Hausgebrauch reicht es, wäre ja da schon schön, es würden sich mehr für diese bis jetzt zu Tage geschaffene Vergangenheit interessieren. Antworten



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