«Hitler war halt ein kranker Typ»

Der Kabarettist Serdar Somuncu tritt morgen Sonntag im Stadtcasino mit seinem Programm «Hassprediger reloaded» auf. Der Deutsche verrät, warum für ihn Kabarett ernsthaft ist.

Bezeichnet sich selbst als «Hassias»: Der türkischstämmige Kabarettist Sedar Somuncu (45).

Bezeichnet sich selbst als «Hassias»: Der türkischstämmige Kabarettist Sedar Somuncu (45).

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Der deutsch-türkische Kabarettist Serdar Somuncu (45) polarisiert. Im Stadtcasino Basel gastiert Somuncu morgen Sonntag mit seinem aktuellen Programm «Hassprediger reloaded». Um mit verlogenen Konsens und unaufrichtiger Harmonie aufzuräumen, greift Somuncu zu drastischen Mitteln: Es wird flächendeckend gehasst und beleidigt. Im Interview mit der BaZ erzählt Somuncu, wie es war, vor Neonazis aus «Mein Kampf» zu lesen, was er von Alice Schwarzer hält und warum eine Moschee ein politisches Symbol ist.

Herr Somuncu, Sie müssen ziemlich hasserfüllt sein, sich selbst als «Hassias» zu bezeichnen. Woher kommt dieser Hass?
Serdar Somuncu: Der Hass selbst ist natürlich Attitüde. Aus meiner Show «Hatenight» hatte sich die Idee eines fiktiven Religionsführers, einem Hassprediger und sogar einer eigenen Religion, dem «Hassismus» entwickelt. Hass ist Bestandteil einer bestimmten Sichtweise, die ich ganz konkret zu spüren bekommen habe, als ich aus Hitlers «Mein Kampf» in Ostdeutschland vorgelesen habe.

Inwiefern hat sich dieser Hass Ihnen gegenüber denn geäussert?
Anfangs ganz profan mit Hass- und Drohbriefen. Eine andere Dimension erhielt das Ganze, als plötzlich 200 Neonazis im Saal sassen oder eines Abends 25 Vermummte eine meiner Lesungen stürmten und ich nur unter Polizeischutz auftreten konnte.

Wieso reagierten die Neonazis so humorlos auf Ihre Lesungen?
Ich glaube ganz grundsätzlich, dass es einen Hang zur Humorlosigkeit bei sehr dogmatischen Menschen gibt. Sehen Sie es mal aus deren Sichtweise: Ich als Türke bin in ihre Bastion nach Ostdeutschland gefahren und habe aus «Mein Kampf» vorgelesen. Klar, dass die das nicht lustig fanden.

Als Hassprediger sprechen Sie eine derbe Sprache: Sie bumsen die Mütter aller Hurensöhne und Ihnen juckt oft auch die Kimme. Wieso die Provokation?
Auch das hat seinen Ursprung in meiner «Mein Kampf»-Vorlesungsreihe. Als die Politik plötzlich auf mich aufmerksam und ich zu Vorträgen eingeladen wurde, weil sie die kleinen rechtsradikalen Kiddies nicht mehr erreichte, musste ich mir was überlegen. Anstatt eines wissenschaftlichen Vortrags begann ich, vor Kindern auch in deren Duktus zu sprechen. Hitler war dann eben halt «ein kranker Typ.»

Die Sprache der Jugend zu sprechen, ist ja aber nicht wirklich was Besonderes. Der Comedian Mario Barth füllt mit seinen Plattitüden mittlerweile ja sogar Olympiastadien.
Gut, Mario Barth mag ich nicht besonders, aber das ist was anderes. Kabarett zu machen, auch in der Sprache der Jugend, und das ernsthaft, ist eine Herausforderung. Ich will kein festgeschriebenes Programm abspulen, wie das eben Mario Barth beispielweise in Berlin oder Basel macht. Ich improvisiere lieber.

Das birgt aber auch Risiken.
Ich mag Risiken. Die machen das Leben spannend.

Sie haben Beleidigungen zu einem festen Bestandteil Ihres Programms gemacht. Weshalb hat jede Minderheit ein Recht auf Beleidigung?
Weil sich jeder immer irgend einer Minderheit zugehörig fühlt. Ich habe sogar schon Briefe bekommen, dass ich mich doch bitte nicht über Glutenunverträglichkeit oder den FC Bayern lustig machen soll. Interessant dabei ist doch, dass sich Leute nur dann beklagen, wenn sie selber betroffen sind. Noch nie hat ein Schwuler gesagt, ich soll doch mal die Witze über Juden und Neger lassen, und umgekehrt.

Negative Rückmeldungen sind da sicher nicht weit, wenn Sie auf der Bühne so ziemlich alles und jeden beleidigen.
Es gibt tatsächlich viele Rückmeldungen, doch sind diese auch mit der Zeit berechenbarer geworden. Das Ganze ist ja eine im Voraus angelegte Sache, und trotzdem nerven sich die Leute, vorausgesetzt sie sind selber betroffen. Wie gesagt, es hat sich noch kein Jude beschwert, ich solle doch nicht so derbe Witze über Türken reissen. Das ist sehr entlarvend.

Provokation ist bei Ihnen also Programm?
Das trifft absolut zu, und es funktioniert. Ich erkläre dem Publikum vorab sogar noch, dass das Teil des Programms ist. Das ist, wie wenn ein Zauberer seinen Trick erklärt und die Leute sich trotzdem von der Illusion täuschen lassen. Bei mir lassen sie sich von der Illusion provozieren.

Sie füllen aber keine Olympiastadien mit ihrem anspruchsvollen Humor. Warum?
Trotz so gut wie keiner TV-Präsenz kommen mittlerweile bis zu 2000 Gäste an meine Auftritte, allein in Basel werden es auch 600 Zuschauer sein. Das spricht doch dafür, dass es die Leute leid sind über Belanglosigkeiten zu sprechen und sich nur «kennt ihr den, kennt ihr dat» anzuhören.

Sind Sie in dem Fall ein Intellektueller?
Wenn das einen Menschen bezeichnet, der mit dem Verstand arbeitet, dann ja. Wenn ich mich als Intellektueller aber verstehen würde, um mich abzugrenzen, dann nicht. Ich halte mich schliesslich nicht für etwas Besseres, vielmehr sehe ich mich in der Verantwortung auf der Bühne nicht nur an der Oberfläche zu kratzen.

Das ist aber ziemlich idealistisch. Die meisten Comedians geben doch einfach ein paar billige Witze am Samstagabend auf RTL zum Besten.
Die Programme sind wirklich häufig zu profan. Manchmal ist es ein wenig wie ein Kampf zwischen David und Goliath. Und obwohl ich nicht glaube, dass es eine Revolution geben wird, ich sage, da entwickelt sich eine Macht. Ich finde es grundsätzlich schade, dass viele Künstler ihre idealistische Haltung verloren haben. Kunst zu machen hat doch vor allem nebst Reproduktion auch mit Innovation zu tun. Wobei ich eine ganze Weile damit keinen grossen Erfolg hatte.

Serdar Somuncu war erfolglos?
Nicht so richtig, aber ich habe in der Schweiz anfangs auch mal in Burgdorf Einpersonentheater vor fünf Zuschauern gespielt. Es war mir zwar eine grosse Ehre, 800 Kilometer nur für solch ein auserlesenes Publikum anzureisen, aber Kafkas Bericht für eine Akademie interessiert doch weniger Leute, als wenn ich aus Hitlers «Mein Kampf» lese. Da versuche ich schon auch eine Art Köder zu legen.

Sie sind ein beissender Kritiker. Sie mögen Alice Schwarzer nicht, haben Sie einmal gesagt. Was halten Sie von Feminismus?
Von Feminismus halte ich viel, von Alice Schwarzer hingegen nicht so viel. Seitdem sie eine Kolumne für die Bild-Zeitung schreibt sowieso. Wer gegen Sexismus ist, darf doch nicht für die Bild-Zeitung schreiben. Ich habe Schwarzer sogar mal persönlich getroffen, da hat sich mir alles Negative bestätigt, was ich zuvor nur erahnt hatte.

Als politischer Mensch hat ihre Kritik auch nicht vor der Schweiz Halt gemacht. Sie haben die Schweiz als «unfähig, eine politische Diskussion zu führen» bezeichnet. Warum?
Diese Kritik bezog sich damals auf die Annahme der Minarettinitiative. In ihrer ganzen Neutralität ist die Schweiz manchmal in gewissen Dingen extremer, die in Deutschland allein aufgrund der Geschichte so nicht möglich wären.

Sie haben ja aber selbst schon in einem Interview Moscheen als politische Symbole bezeichnet. Widersprechen Sie sich da nicht ein wenig?
Klar gibt es da eine Parallele in der Argumentation. Es ist jedoch etwas anderes, wenn ich gegen Moscheen schimpfe, weil ich für Säkularisierung bin oder die SVP mit ihrer Initiative keine Minarette will, um Ressentiments gegen Muslime zu schüren.

Ist das also Ihre «differenzierte Intoleranz», wie Sie es nennen?
Genau. Ich habe keine Angst vor Berührungen mit anderen Meinungen. Der Begriff der «differenzierten Intoleranz» hat den Ursprung in der Debatte um eine Grossmoschee in Köln, wo die Rechten von Pro Köln dagegen waren und die Linken aus Protest gegen Pro Köln dafür. Tolerant sein, heisst aber manchmal auch differenziert intolerant sein zu müssen.

Wieso hätte die Moschee denn Ihrer Meinung nach nicht gebaut werden sollen?
Den Klotz müssten Sie mal sehen. Die Moschee sieht aus wie ein billiger Taj Mahal-Verschnitt. Hinzu kommt, dass in einem Land mit 4,2 Millionen Muslimen, von denen nur gerade einmal zwei Prozent sich als strenggläubig bezeichnen, diesen dadurch ein viel zu grosser Platz eingeräumt wird.

Serdar Somuncu, «Hassprediger reloaded»
Sonntag, 26.5.; Stadtcasino Basel
Festsaal; Türöffnung um 19 Uhr; Tickets an der Abendkasse erhältlich
(baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 25.05.2013, 10:18 Uhr

Sedar Somuncu

Serdar Somuncu, 1968 in Istanbul in der Türkei geboren, ist ein deutscher Kabarettist, Schauspieler, Regisseur und Musiker. Somuncu studierte Musik, Schauspiel und Regie in Maastricht und Wuppertal. Bekannt wurde Somuncu mit Lesungen aus Hitlers «Mein Kampf». Im Jahr 2011 brachte er ein eigenes Musikalbum auf den Markt mit dem Titel «Dafür kommt man in den Knast.» Mit seinem aktuellen Programm «Hassprediger reloaded» tritt er nebst Städten in Deutschland auch in Basel und in Zürich auf. Zuletzt veröffentlichte Somuncu anfang 2013 sein Buch «Hasstament», eine Transkription sämtlicher Episoden seiner Show «Hatenight». Mehr Informationen auf seiner Website.

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