Hörnli-Rehe fressen die Gräber kahl

Bis zu 30 äusserst gewitzte Rehe sollen auf dem Basler Friedhof Hörnli leben – zum Leidwesen einiger Angehöriger und von Floristen.

Blumenschmuck als Delikatesse: Nicht nur den Verstorbenen bietet der Friedhof Hörnli ein Plätzchen. Auch eine Gruppe Rehe hat sich auf dem Gottesacker fest niedergelassen.

Blumenschmuck als Delikatesse: Nicht nur den Verstorbenen bietet der Friedhof Hörnli ein Plätzchen. Auch eine Gruppe Rehe hat sich auf dem Gottesacker fest niedergelassen. Bild: Tobias Stöcklin

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Direkt aus der Vase mampft das freche Reh die gelben Rosen, die ein Grab auf dem Hörnli schmücken. Der eine Strauss ist bereits bis auf ein paar grüne Stiele abgefressen, am zweiten tut sich das Tier gerade gütlich. Seine Artgenossen spazieren derweil seelenruhig zwischen den Gräbern umher oder springen über die Grünflächen.

Der Basler Friedhof ist für die Wildtiere ein Schlaraffenland. Täglich kommen Angehörige von Verstorbenen und besuchen die Gräber auf dem Gottes­acker. Im Gepäck haben sie meist Grünzeug, seien es Sträucher zum Pflanzen oder frische Schnittblumen für die Vasen. Anstatt sich im Wald auf die Suche nach frischem Grün zu machen, brauchen die verwöhnten Hörnli-Rehe also nur zu warten, bis die Menschen wieder weg sind.

Rehe sind wählerisch

«Rehe sind, anders als Kühe, sogenannte Konzentratselektierer», sagt Marco Balmelli, Mitpächter des Jagdreviers Riehen-Bettingen. Das heisst, sie fressen nicht einfach, was sie vorfinden, sondern suchen gezielt nahrhafte Leckereien. Ganz oben auf ihrem Speiseplan stehen frische Triebe. «Etwas, das im Wald derzeit Mangelware ist, weshalb der Friedhof natürlich besonders lockt», so Balmelli.

Einige Rehe kommen aber nicht nur zum Fressen aufs Hörnli, sie sind hier bereits sesshaft geworden. «Es gibt Schätzungen, die von bis zu 30 Tieren ausgehen, die fest auf dem Hörnli leben», sagt Balmelli. Zum Vergleich: Auf dem gesamten Kantonsgebiet geht man von rund 100 Tieren aus. Die für das Hörnli zuständige Stadtgärtnerei spricht von acht bis zwölf Tieren, die regelmässig an frisch gepflanzten Blumen, Grabschmuck und Trauerkränzen knabbern. Im Frühling seien jeweils zwei bis drei Jungtiere dabei.

Kampfmittel Buttersäure

Für Angehörige, aber auch Gärtner und Floristen ist das ärgerlich. Innert kürzester Zeit sind gekaufte Blumen aufgefressen. Das schadet dem Geschäft. «Leute, die auf den Friedhof gehen, kaufen beispielsweise weniger Schnittblumen, weil diese sowieso gleich wieder gefressen würden», sagt Georges Meyer, Präsident des Floristenvereins beider Basel gegenüber dem Magazin des Gewerbeverbands, den KMU News. Auch für die Stadtgärtnerei bedeuten die Rehschäden einen Verlust. Bei den von ihr betreuten Gräbern muss sie die sogenannten Verbissschäden beheben. Das Ersetzen der Pflanzen hat im Frühling 2013 rund 15'000 Franken gekostet. Für 2014 darf man mit ähnlichen Werten rechnen.

Um die Schäden durch das Wild zu reduzieren, setzen die Verantwortlichen auf Vergällung. Gefährdete Grabflächen werden mit einem speziellen, stinkenden Wildabhaltemittel eingesprüht. Die von der Stadtgärtnerei gepflegten Grabfelder sprüht diese ausserdem noch mit einem Gemisch aus Hornmehl und Buttersäure ein. Offenbar mit Erfolg: «Gemäss einer Umfrage bei Gärtnern und gemäss unseren eigenen Beobachtungen konnten die Schäden deutlich reduziert werden», sagt Stadtgärtnerei-Sprecherin Brigitte Vogel. Eine Einschätzung, die Georges Meyer keineswegs teilt. Im Gegenteil, die Schäden hätten eher noch zugenommen. Meyer benützt die Wildab­haltemittel selber auch und sagt: «Mit diesen Massnahmen lässt sich das Problem nicht lösen.» Nach kurzer Zeit würden sich die Rehe an die Mittel gewöhnen und einfach weiterfressen.

Jäger sind in der Nähe aktiv

Vom Zaun rund ums Hörnli lassen sich die Tiere genauso wenig abhalten. «Auf der Suche nach Nahrung überspringen sie auch den bis zu zwei Meter hohen Zaun oder zwängen sich selbst durch kleinste Öffnungen hindurch», sagt Brigitte Vogel. In Winterthur habe man Versuche mit Kuhgittern gemacht, um die Rehe abzuhalten. Ohne Erfolg. «Die Rehe sprangen auch hier einfach darüber», weiss Vogel. Deshalb sehe man vom Einsatz solcher Gitter ab. ­Dasselbe gelte für einen zum Fernhalten von Wildschweinen angebrachten Elektrozaun.

Die Jäger können auf dem Friedhofsgelände nichts gegen den Reh-Bestand tun. Das Hörnli ist nicht nur kein Jagdgebiet, sogar das Gesetz schützt den Totenfrieden. Rund um das Hörnli herum sind die Jäger aber bereits aktiv geworden. Die generelle Abschussquote wurde auf dem Kantonsgebiet um zehn Prozent erhöht. «In direkter Nachbarschaft des Friedhofs sogar um 50 Prozent», sagt Balmelli. Rund 25 bis 28 Rehe schiessen die Basler Jäger jedes Jahr. Weitere Tiere werden von Hunden gerissen oder überfahren.

Wie die Stadtgärtnerei das Problem lösen könnte, dafür hat auch Balmelli kein Patentrezept. Vielleicht muss man sich aber einfach mit den tierischen Bewohnern arrangieren. «Rehe leben seit fünfzig Jahren um und auf dem Hörnli – zur sichtlichen Freude zahlreicher Besucher», sagt Vogel. (Basler Zeitung)

Erstellt: 06.01.2015, 09:33 Uhr

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