«Ich fahre jetzt wie eine Wilde»

Velofahrer freuen sich über den Versuch mit einer Velostrasse in Basel. Doch das sorgt auch für Ärger.

Freie Fahrt. Am St.-Alban-Rheinweg (Bild) und in der Mülhauserstrasse erhalten Velofahrer Vortritt gegenüber Fahrzeugen, die von rechts kommen.

Freie Fahrt. Am St.-Alban-Rheinweg (Bild) und in der Mülhauserstrasse erhalten Velofahrer Vortritt gegenüber Fahrzeugen, die von rechts kommen. Bild: Dominik Plüss

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21 gelbe Velos und zahlreiche 30er-Tempolimiten hat das Bau- und Verkehrsdepartement (BVD) auf den St.-Alban-Rheinweg gemalt. Bei jeder einmündenden Querstrasse wie der Waldenburger-, der Schauenburger- oder der Homburgerstrasse leuchten zwei gelbe Velos – in jede Fahrtrichtung eines. Diese sollen sämtlichen Verkehrs­teilnehmern signalisieren: Beim St.-Alban-Rheinweg handelt es sich um eine «Velostrasse». Noch steckt diese neben Autobahnen, Haupt- oder Nebenstrassen neue Strassenart – früher nannte man sie Veloweg – in einer Pilotphase. Im Strassenverkehrsgesetz sind Fahrradstrassen nicht verankert.

Links regierte Grossstädte wie Basel, Bern, Luzern, St. Gallen und Zürich drängen auf die Einführung solcher Fahrradstrassen. Zu deren Beginn steht jeweils ein Verkehrsschild mit einem Velofahrer und einem Auto darauf. Das Zweirad steht gegenüber dem Auto im Vordergrund und ist farblich hervorgehoben. Das suggeriert, dass der Velofahrer vortrittsberechtigt ist. Und das ist auch so umgesetzt: Sämtlichen einmündenden Strassen hat das BVD den Vortritt entzogen – mit den Signalisationen «Stopp» oder «kein Vortritt». Das ist in 30er-Zonen, wo per Gesetz eigentlich Rechtsvortritt gilt, eine Ausnahmesituation. Bewilligt hat sie den rot-grünen Städten das Bundesamt für Stras­sen (Astra).

Velos fahren zügig durch Strasse

Velo- wie Autofahrer in Richtung Birsfelden dürfen ohne anzuhalten an den Kreuzungen durchfahren. Velofahrer dürfen zudem nebeneinander fahren, müssen allerdings Platz machen, wenn ein schnelleres Auto von hinten naht. Stellen die Bundesbehörden nach Ablauf des Pilotprojekts im September 2017 fest, dass diese Stopp- und Kein- Vortritt-Signale tatsächlich funktionieren und es zu keinen Unfällen kommt, könnte die Velostrasse ins Strassenverkehrsgesetz aufgenommen werden. Am Schluss entscheidet darüber der Bundesrat. Städte und Gemeinden dürfen dann die gelben Velos überall dort auf 30er-Zonen malen und das Signal «Velostrasse» aufstellen, wo Velofahrer mindestens 50 Prozent des Verkehrs­aufkommens ausmachen.

Adisney R. ist begeistert von diesem neu signalisierten Veloweg. Die E-Bike-­Fahrerin kann ihr Gefährt in Richtung Birsfelden jetzt einfach laufen lassen – ohne ständig anhalten und anderen Velo- oder Autofahrern den Vortritt gewähren zu müssen. «Da der Rechtsvortritt aufgehoben ist, fahre ich jetzt wie eine Wilde durch diese Strasse», sagt Adisney R. Besonders gelungen findet sie die gross und klein aufgemalten gelben Velos. «Jetzt ist es auch für alle Autofahrer deutlich zu sehen, dass es sich hier um einen Veloweg handelt.»

Velofahrer Max Gasser aus Therwil begrüsst den Versuch ebenso. Er habe allerdings nicht gewusst, dass er sich auf einer Fahrradstrasse bewege. Gasser: «Ich finde es aber eine gute Sache. Die Strasse ist für Velos zügig befahrbar. Ich denke, dass die Fahrradstrasse für die Autos keine Behinderung darstellt.»

Polizei soll messen

Diese Einschätzung teilt eine in der Breite wohnhafte Autofahrerin nicht. «Diese Velostrasse ist das Letzte. Mit ihren E-Bikes rasen Velofahrer jetzt mit bis zu 50 Stundenkilometern vorbei, als gäbe es kein Morgen», sagt die Frau, die namentlich nicht genannt werden will.

Gerne würde sie die Polizei Ge­schwindigkeitsmessungen machen se­­hen in der Strasse. Verbessert habe sich die Verkehrssituation mit der Ein­führung der Velostrasse nicht. «Links ­abbiegende Velofahrer haben uns Autofahrern schon vorher den Vortritt genommen. Zudem wird man als Fussgänger in dieser Strasse eher von einem Velo angefahren als von einem Auto.» Die grösste Frechheit, die sich Velofahrer in Basel generell aber leisteten, sei, den Autofahrern beim Überholen in einer Kolonne aufs Dach zu klopfen. «Ich habe schon in vielen Städten gelebt, aber das habe ich noch nirgends erlebt.»

Einige der von der BaZ angefragten Personen finden, dass sich auf dem St.-Alban-Rheinweg mit der Einführung dieser Velostrasse nichts geändert habe. «Hier hat es generell nicht so viel Verkehr. Es ist praktisch alles beim Alten geblieben», sagt ein 40-Jähriger, der eben sein Auto parkiert hat.

Verhaltensweisen legalisieren

Fahrlehrer Michel Stehlin hält mit einem Schüler an den neu aufgemalten Dreiecken, die kein Vortritt bedeuten und will in den St.-Alban-Rheinweg einbiegen. Vor Einführung der Fahrradstrasse galt an dieser Strassenmündung noch Rechtsvortritt. Stehlin sagt: «Man will mit diesen Velostrassen Verhaltensweisen von Velofahrern legalisieren, die sie sich bereits herausnehmen. Zum Beispiel das Nebeneinanderfahren.» Für die Autofahrer bedeute dies, dass es nicht einfacher werde mit den Velofahrern. «Einfacher wäre es, wenn sich alle an die gegebenen Verkehrsregeln halten würden und nicht explizit für Velofahrer neue Regeln geschaffen würden.»

Um eine Zwischenbilanz zu dem Pilotversuch zu ziehen, sei es noch zu früh, heisst es beim BVD auf Anfrage. «Zwischenfälle zwischen Verkehrsteilnehmenden wurden uns bislang aber keine gemeldet», sagt Mediensprecher Daniel Hofer. Bei der für Verkehrs­sicherheit zuständigen Kantonspolizei Basel-Stadt ist auf Anfrage keine Zahl über Unfälle seit der Einführung der Velostrasse am St.-Alban-Rheinweg erhältlich. Die altbewährten Stopp- und Kein-Vortritt-Signale scheinen zu funktionieren.

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(Basler Zeitung)

Erstellt: 28.12.2016, 07:17 Uhr

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