Basel
Jeder dritte Basler hat eine Betreibung am Hals
Von Silvana Guanziroli. Aktualisiert am 29.06.2012 43 Kommentare
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Der Kanton Basel-Stadt ist der schweizweite Spitzenreiter, wenn es um Problemschuldner geht. Jede 14. Person kämpft mit erheblichen «Zahlungsstörungen». Mit diesem Begriff sind Betreibungen, Inkasso und Konkurse gemeint. Das zeigte Anfang März eine Studie des schweizerischen Verbands Creditreform, der sich auf den Gläubigerschutz und Inkasso spezialisiert hat.
Geht es allein um die Betreibungen, sieht die Lage in Basel-Stadt noch dramatischer aus. Eine Recherche der Basler Zeitung zeigt: Die Zahl der Geldforderungen ist extrem hoch. «In Basel-Stadt hat statistisch gesehen jede dritte Person eine Betreibung», sagt Roland Thüring, Leiter der Abteilung I des Basler Betreibungsamtes. Insgesamt wurden im letzten Jahr 72 353 Betreibungen eingereicht. Ähnlich hoch war die Summe im Vorjahr.
Schuldner zieht es in die Stadt
Wieso der Kanton den schweizweiten Spitzenplatz in der Negativbewertung einnimmt, kann sich Thüring nicht erklären. «Grundsätzlich kann man aber sagen: Städte ziehen eher Problemschuldner an. In Städten ist es anonymer. Es wird nicht gerade zum Stammtischthema, wenn die Wohnung zwangsgeräumt wird oder Ähnliches passiert», sagt der Fachmann.
Gemäss Thüring leben die meisten Schuldner nicht einfach über die Verhältnisse. «Der klassische Schuldner befindet sich in einer teuflischen Spirale, wo konstanter Geldmangel zu Problemen führt und für Unvorhergesehenes keine Luft bleibt», erklärt Thüring.
Bei diesen Menschen handelt es sich oft um Working Poor oder Langzeitarbeitslose, die ausgesteuert werden, erklärt der Fachmann. Für viele Betroffene seien zudem die amtlichen Papiere und der Versuch, sich selbstständig zu machen, ein grosses Problem. Zu dieser Gruppe ist die Person, die von der höchsten Betreibung im Kanton Basel betroffen ist, wohl kaum zu rechnen. «Der höchste Betreibungsauszug beläuft sich aktuell auf 3,85 Milliarden Franken», sagt Thüring. Wer von dieser Milliardenforderung betroffen ist, will das Amt nicht sagen. Auch nicht, ob es sich dabei um eine natürliche oder um eine juristische Person, also um ein Unternehmen, handelt.
Für die Steuern wird es eng
Im Kantonsblatt werden jeden Monat Betreibungen öffentlich ausgeschrieben. Dabei handelt es sich um Zahlungsbefehle, die dem Schuldner nicht zugestellt werden konnten. Geldforderungen wegen überbordenden Konsumverhaltens sind hier nur wenige zu finden. Im Juni wurde lediglich eine Person wegen Kreditkartenschulden betrieben. Stattdessen handelt es sich um Betreibungsbegehren wegen nicht bezahlter Spitalbehandlungen, Wehrpflichtersatz, Mieten oder Heiz- und Nebenkosten. Das grosse Schuldenproblem sind jedoch die Steuern. Von den über 70 000 Betreibungen im letzten Jahr kamen alleine 15 333 von der Basler Steuerverwaltung. Sogar noch höher liege die Zahl der Betreibungen wegen Krankenkassenprämien, wie Thüring sagt. Im letzten Jahr seien es insgesamt 18 000 gewesen.
Anstieg der Firmeninsolvenzen
Auch eine Amtsstelle weiter, im Konkursamt, gibt es zurzeit für die Angestellten viel zu tun. Seit Anfang Jahr hat die Zahl der Firmeninsolvenzen stark zugenommen – das entspricht dem nationalen Trend. Der Bonitätsdienstleister Dun & Bradstreet sieht vor allem bei Betrieben aus dem Gastgewerbe ein erhöhtes Risiko. In Basel-Stadt sei es zwischen Januar und Mai zu 100 Firmenkonkursen und Bilanzdeponierungen gekommen, wie Markus Frey, Vorsteher des Betreibungs- und Konkursamtes, der BaZ erklärt.
Dazu kommen weitere 63 Konkurse nach Artikel 731b des Obligationenrechts. Damit sind Firmen gemeint, bei denen das Handelsregister einschneidende Mängel in der Firmenführung festgestellt hatte. «Wie zum Beispiel das Fehlen einer Revisionsstelle», sagt Frey. Beheben diese Firmen den Mangel innerhalb eines Jahres nicht, leitet das Handelsregister den Fall ans Gericht weiter. «Das Gericht löst die Firma dann auf und ordnet die Liquidation nach den Vorschriften über den Konkurs an.»
Frey rechnet damit, dass im laufenden Jahr weitere 100 Firmen in Bezug auf Artikel 731b im Obligationenrecht dazukommen werden. Damit liegt die Zahl fünfmal höher als im Vorjahr. Damals waren es 18 betroffene Firmen. Im Falle einer abgeschlossenen Betreibung oder eines Konkurses bleibt dem Gläubiger der Verlustschein. Ein solcher Verlustschein hat eine Verjährungsfrist von 20 Jahren. Kommt der Schuldner in der Zwischenzeit zu einem Vermögen, kann der Gläubiger mit dem Verlustschein die Geldsumme wieder zur Betreibung bringen. (Basler Zeitung)
Erstellt: 29.06.2012, 13:58 Uhr
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