Jetzt müssen die Eltern ran

Da die neue Französisch-Didaktik zu wenig greift, sollen Schüler zu Hause gefördert werden.

Bild: Keystone

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Das Lehrmittel «Mille feuilles» hat in Basel-Stadt schon manche Eltern zum Verzweifeln gebracht. Der Aufbau, ohne System und Logik, sei unbrauchbar und wirr, monieren sie. Die Verfasser argumentieren jedoch, so könnten die Schüler Französisch wie eine Muttersprache lernen. Das Sprachverständnis stehe im Vordergrund, die grammatikalischen Kenntnisse würden zunächst vernachlässigt, jedoch später problemlos aufgeholt. Doch Eltern wundern sich, weil ihre Kinder auch nach zwei Jahren Unterricht in den Ferien kein Coca-Cola auf Französisch bestellen können und «Schö» anstatt «Je» schreiben.

Und jetzt das: Das Erziehungsdepartement würde es begrüssen, wenn Eltern mithelfen und ihre Kinder unterstützen. Im neusten «Elternbrief» wird beschrieben, wie sie dabei am besten vorgehen.

Das kritisiert die «Starke Schule beider Basel». «Der Newsletter enthält zahlreiche manipulativ verfasste Pas­sagen», schreibt Vorstandsmitglied Michael Pedrazzi. Das Erziehungsdepartement versuche krampfhaft, den Eltern die neue Fremdsprachendidaktik und die entsprechenden Lehrmittel als etwas Positives und Nützliches zu verkaufen. Ein kläglicher Versuch einer Durchhalteparole für ein gescheitertes Experiment auf Kosten der Schul­kinder.

Die «Starke Schule beider Basel», die bis vor Kurzem noch «Starke Schule Baselland» hiess, hat neu einen Vertreter für die Stadt. Dieser heisst Felix Schmutz und hat selber bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2011 während 38 Jahren Deutsch, Französisch und Englisch an der Sekundarschule I unterrichtet. Das Erziehungsdepartement gestehe in seinem Elternbrief ein, dass die wöchentliche Lektionenzahl nicht ausreiche, um die hochgesteckten Ziele zu erreichen, sagt er. Dass den Eltern jetzt gar empfohlen werde, private Ini­tiative zu entwickeln und Austauschprogramme zu nutzen, anstatt dass man das Projekt stoppe, sei eine Zumutung. «Das ist nicht nur das ­Eingeständnis einer Fehlplanung, sondern ein Abschieben der Verant­wortung für das Gelingen des Fremdsprachenerwerbs.»

Verwirrung und Überforderung

«Die Interpretation, dass der Elternbrief dazu auffordert, die Arbeit der Lehrpersonen zu übernehmen, ist Unsinn. Es geht darum, aufzuzeigen, wie Eltern ihre Kinder unterstützen können», sagt Simon Thiriet, Mediensprecher des Erziehungsdepartements. Das sei ein Bedürfnis und deshalb habe das ED den aktuellen Elternbrief nicht zuletzt auch auf Wunsch der Eltern ­verfasst.

Allerdings ist es absolut nicht der Wunsch aller Eltern. Katja Christ, GLP-Grossrätin und Mutter zweier schulpflichtiger Kinder, findet es inakzeptabel, dass die Volksschule einen solch frühen Fremdsprachenunterricht einführt und dann mit Erwartungen auf die Eltern zugeht, wenn sie merkt, dass das Konzept nicht aufgeht. «Der Titel: ‹Keine Angst vor den Fremdsprachen!› lässt mich erschauern», sagt sie. Man stelle sich vor, dass für jedes Schulfach so viel Unterstützung von zu Hause erwartet würde. Auch gebe es Familien, welche die notwendige Unterstützung zu Hause nicht bieten können.

Ganz abgesehen davon könne ein solches Engagement fast unzumutbar aufwendig und verwirrend sein, sagt Katja Christ. Es heisse, man solle mit Fehlern der Kinder «grosszügig» umgehen. «Was ist ‹grosszügig›? Ich bin komplett verwirrt», stellt sie fest. Doch da sie eine pflichtbewusste Mutter ist und es ihr selbstverständlich auch am Herzen liegt, ihre Kinder zu fördern, hat sie sich an das Unterfangen gemacht. Sie unterstützt und motiviert sie, lässt sie an Tablets und Computer, damit sie Tools und Apps benutzen können. Doch dazu musste sie zuerst einen Account beim Schulverlag Schweiz einrichten und danach die Nutzungslizenz, eine Artikel- und eine Lizenznummer eingeben, welche das Kind mit nach Hause bringt. «Nach dem ersten erfolglosen Versuch auf dem PC habe ich es dann auf einem Mac versucht und schliesslich auch geschafft. Wie viel Zeit und Nerven mich das gekostet hat, bleibt mal Nebensache», sagt sie.

Nun wäre es ja eigentlich an der Zeit, dass der neue Bildungsdirektor Conradin Cramer (LDP) Stellung nimmt. Doch er hüllt sich in Schweigen und beruft sich auf seine 100 Tage Schonfrist. Allerdings räumte er an der Kantonalen Schulkonferenz vor rund 2700 Lehrern ein, dass man von ihm vorläufig keine grossen Veränderungen erwarten müsse. Es sei die Zeit der Konsolidierung; er werde bestimmt nicht beim ersten Widerstand alles rückgängig machen, was sein Vorgänger eingeführt habe. So sei zwar auch ihm der Ansatz des Französisch-­Lehrmittels «Mille feuilles» ungewohnt, doch er werde aufgrund der Kritik bestimmt nicht voreilig die Übung abbrechen.

Kritik zum Verstummen bringen

Mit Felix Schmutz hat sich jedoch ein Mann in die Debatte eingeschaltet, der kein Blatt vor den Mund nimmt. Was jetzt geschehe, sei der Versuch, die Kritik der Eltern durch Anbiederung zum Verstummen zu bringen. Dabei werde der frühere Unterricht pauschal schlechtgeredet, die neue Didaktik trotz verbreiteter Kritik hochgeputscht. Die Unterrichtsziele seien widersprüchlich: So propagiere man die mündliche Verständigung, fördere zu Beginn jedoch nur das Textverständnis. Den frühen Beginn des Französisch-Unterrichts im 3. Schuljahr könne er nur befürworten, wenn das imitierende Nachsprechen, Singen oder Agieren im Rollenspiel mit einfachem Sprachmaterial als Einstieg gewählt würde. Doch bei der neuen Methodik werde das Sprechen abstrakten Strategien geopfert, die dem Primarschulalter nicht angemessen seien.

Das Erziehungsdepartement ist jetzt dabei, das gesamte Sprachenkonzept mittels zweier Überprüfungen zu evaluieren. 2018 sollen die Resultate vorliegen.

Umfrage

Das Erziehungsdepartement würde es begrüssen, wenn Eltern ihren Kindern im Französisch helfen. Finden Sie das gut?

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33.7%

Nein

 
66.3%

864 Stimmen


(Basler Zeitung)

Erstellt: 19.04.2017, 07:38 Uhr

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