Basel
Kaserne entzweit Kulturunternehmer
Von Patrick Marcolli. Aktualisiert am 29.08.2010 24 Kommentare
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BaZ: Herr Krattiger, wie läuft die Unterschriftensammlung für die Initiative zur Öffnung der Kaserne zum Rhein?
Tino Krattiger: Ich schätze, wir haben etwas mehr als die Hälfte der nötigen 3000 Unterschriften zusammen. Die Unterschriften-sammlung frisst viele Ressourcen: Jeder, der unterschreibt, will auch noch Stadtplaner sein und mitreden.
Was wollen eigentlich Sie und das Initiativkomitee genau? Sie haben sich ja nicht auf eine bestimmte Form der Öffnung festgelegt.
Krattiger: Ganz bewusst nicht. Erst, wenn die Initiative angenommen wird, geht es um den genauen Inhalt. Dann muss der Regierungsrat innerhalb eines Jahres einen Architekturwettbewerb ausschreiben und darüber Auskunft geben, wie er sich die Kasernennutzung vorstellt.
Herr Julliard, Sie haben am Tattoo Unterschriften für den Erhalt des Kopfbaus gesammelt. Wie viele sind es?
Erik Julliard: Es haben rund 10000 Personen unterschrieben. Aber ich muss festhalten: Es ist eine Petition des Heimatschutzes und der Freiwilligen Denkmalpflege gegen einen Teilabbruch der Kaserne. Wir haben sie einfach unterstützt.
Weshalb haben Sie keine eigene Petition lanciert?
Julliard: Es ist nicht der Moment dazu. Die Regierung schlägt ja bereits einen seitlichen Durchbruch vor.
… den Sie nicht bekämpfen?
Julliard: Nein, damit können wir leben.
Glücklich sind Sie aber nicht darüber.
Julliard: Sagen wir es doch deutsch und deutlich: Jeder Eingriff in unsere Kulisse, also die Kaserne, ist für uns ein Eingriff zu viel. So wie sich die Situation heute präsentiert, ist sie gut fürs Tattoo.
Herr Krattiger – was wollen Sie selbst eigentlich? Einen kleinen Durchbruch, einen grossen Durchbruch, einen Abbruch des Kopfbaus?
Krattiger: Welche genauen baulichen Massnahmen ergriffen werden, ist mir zum jetzigen Zeitpunkt nicht wichtig. Im Gegenteil: Zu polarisieren und zum Beispiel von Sprengung zu reden, wäre gefährlich und könnte bewirken, dass die nächsten dreissig Jahre wieder nichts geschieht.
Aber es müsste etwas geschehen.
Krattiger: Ich will keine Stadt, die nach den Plänen von 1875 «eingefroren» wird. Schauen wir doch einmal den Istzustand an: Rheinseitig präsentiert sich die Rückseite der Kaserne, sie ist nach Norden ausgerichtet, also auf die Klybeckstrasse. Wir schauen auf eine Tramhaltestelle und nicht auf den Rhein. In dieser geschlossenen Hofsituation findet nichts Grossstädtisches statt, sie verslumt. Und das geschieht an einem der schönsten Orte der Stadt!
Herr Julliard, Ihnen und dem Tattoo können die von Herrn Krattiger geschilderten Zustände eigentlich egal sein. Sie kommen mit dem Tattoo einmal pro Jahr auf die Kaserne und haben ein volles Haus.
Julliard: Die Kasernen-Situation und das Wohlbefinden Kleinbasels ist mir natürlich nicht egal. Aber es ist nicht mein Problem. Ich sehe mich weder als Politiker noch als Stadtplaner, der die Situation verändern muss. Ich bin hier, um die Interessen des Basel Tattoo zu wahren, und weiss, dass dies politisch wenig Gewicht hat.
Hat Erik Julliard keinen Einfluss auf die Politik, Herr Krattiger?
Krattiger: Herr Julliard hat einen riesigen Einfluss! 2006 habe ich im Grossen Rat einen Vorstoss gemacht für eine grosszügige Öffnung der Kaserne zum Rhein. Er wurde von niemandem bestritten. Man war noch offen, es war noch keine Frage pro und kontra Tattoo. Wir müssen aber über Inhalte reden, darüber, was das ganze Jahr über auf der Kaserne geschieht. Sie haben eine sehr grosse Verantwortung, Herr Julliard. Sollte unsere Initiative angenommen werden, müssen die Kasernen-Stakeholder in die Jury des Architekturwettbewerbs – Sie auch, Herr Julliard.
Wird es zur Frage für oder gegen das Tattoo?
Julliard: Gestern habe ich gehört, ich sei der Bewahrer der Kaserne. Diese Position will ich nicht unbedingt einnehmen. Ich habe aber erkannt, dass ich mich nun mit diesem Problem auseinandersetzen muss. Ich will mir gern überlegen, Herr Krattiger, mehr Verantwortung zu übernehmen.
Krattiger: Das wäre konsequent.
Julliard: Mich würde zum Beispiel auch die Möglichkeit interessieren, das Kasernenareal zu managen. Das könnte auch in unserem Interesse sein.
Krattiger: Ja, warum nicht?
Gäbe es eine örtliche Alternative für das Tattoo?
Julliard: Das muss ich mir jetzt gar nicht überlegen. Aber eigentlich gibt es keinen anderen Platz dafür.
Wieso nicht den Messeplatz?
Julliard: Nein, mit dem geplanten Messezentrum 2012 wird das nicht funktionieren.
Wieso nicht das Tattoo im St.-Jakobs-Park?
Julliard: Dort wäre ich einige infrastrukturelle Probleme los, die mich auf der Kaserne plagen. Aber wir hätten nicht die Atmosphäre, die wir wollen. Die Kaserne ist für mich «matchentscheidend», sozusagen. Wir haben das grosse Privileg, an einem Ort zu spielen, an den ein Tattoo ursprünglich hingehört.
Also: Sie sitzen das Problem aus und hoffen, dass nichts geschieht?
Julliard: Wie gesagt – ich will mir überlegen, ob ich eine Pflicht habe, mehr Verantwortung zu übernehmen. Vielleicht müssen wir tatsächlich vorangehen und unsere Bedürfnisse offensiv kommunizieren. Vielleicht haben wir dann umgekehrt mehr Einfluss auf ein neues Projekt.
Krattiger: Das ist ein sehr guter Gedanke. Stellen Sie sich doch vor, man sieht das Tattoo schon von der Mittleren Brücke und dem Rhein her und muss nicht durch die Hintertür, also von der Klybeckseite, dorthin gelangen. Im Übrigen ist die Kaserne der einzige Ort am Rhein, der auch einer breiten Bevölkerung den Zugang erlaubt – die restliche Rheinuferbebauung ist privatisiert.
Julliard: Ich glaube nicht, dass eine Öffnung wirklich eine grosse Veränderung bringen wird: Wieso sollten die Leute nur wegen eines Durchbruchs eher zur Kaserne kommen?
Krattiger: Weil dann der Raum zwischen Rhein und Claramatte – und zurück – erlebbar wird. Das macht einen riesigen Unterschied.
Julliard: Das ist doch alles Theorie.
Krattiger: Nein, jetzt ist es eine Hinterhofsituation. Eine Öffnung würde den Raum und auch die künftigen Nutzungen aufwerten.
Julliard: Sie glauben nicht ernsthaft, dass der Kasernen-Kulturbetrieb automatisch aufgewertet wird? Die Verantwortlichen müssen vor allem ihr Produkt verbessern.
Wir sitzen auf der Terrasse des «Trois Rois»: Was werden wir im Jahr 2030 von hier aus sehen, Herr Julliard?
Julliard: Der Kopfbau wird noch stehen. Aber wohl in einer veränderten Form. Es gibt zu viele Personen, die für einen Durchbruch kämpfen. (Basler Zeitung)
Erstellt: 29.08.2010, 12:44 Uhr
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24 Kommentare
@Seiler; sie kritisieren, dass über Jahrzehnte in und mit der Kaserne nichts geschehen ist. Seit fünf Jahren findet ein Anlass statt, der weltweite Aufmerksamkeit auf sich zieht. und nun wollen Sie die Kaserne abreissen? Vielleicht macht sich die Stadt mal Gedanken, dass die Kaserne anstatt nur Schule auch mal anders genutzt werden kann? Kulturstadt Basel im Stillstand? Das Tattoo belebt sie! Antworten
Wenn wirklich ein Hammer-Projekt zur Diskussion stehen würde, warum nicht? Da gab es doch mal die Vision, das ganze Areal einzuebnen und eine Art Bootshafenbecken mit rundum Gastrobetrieben zu erstellen, offen zum Rhein. Aber von dieser Vision ist nicht mehr die Rede. Heute gehts darum, einfach mal abzureissen und dann auf eine "Aufwertung" zu hoffen. Das scheint mir doch etwas aktivistisch-naiv. Antworten
Basel
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